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6 Phasen, die jeder durchmacht, der nach Berlin zieht

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BERLIN BERGHAIN
6 Phasen, die jeder durchmacht, der nach Berlin zieht | Getty
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Die Chemnitzer Band "Kraftklub" sang vor vier Jahren "Ich will nicht nach Berlin". Doch da war es schon zu spät. Der Hype um die deutsche Hauptstadt hatte schon längst begonnen.

Jedes Jahr ziehen so viele Menschen nach Berlin, wie insgesamt in der saarländischen Hauptstadt Saarbrücken leben. Gleichzeitig zieht es aber auch mehr als zehntausend Menschen pro Monat wieder weg.

Nach Berlin zu gehen ist einfach. Dort zu bleiben nicht. Denn Berlin muss man lieben lernen, das passiert nicht einfach so. Hier sind sechs Phasen, die jeder durchmacht, der nach Berlin zieht.

Die erste Woche

Du kommst an. Als erstes lernst du, den Dreck in Berlin zu akzeptieren. Noch besser: Du lernst den Dreck zu schätzen. Er gehört zur Hauptstadt wie der Sand zur Sahara oder das Eis zur Arktis. Dreck ist der Gründungsmythos von Berlin: Nur wo etwas Unfertiges existiert, dort lohnt es sich, etwas Neues entstehen zu lassen.

Wenn du also wert darauf legst, sonntags nach dem Brunch nicht über die letzten Schnapsleichen des Vorabends zu fallen, du scherbenfreie Gehwege für eine zivilisatorisches Errungenschaft und die Kehrwoche für einen schwäbischen Exportschlager hältst, gibt es Orte, wo du besser aufgehoben bist: München, Saint-Tropez oder Legoland. Berlin ist nichts für Feiglinge.

Der erste Monat

Wenn du deine ersten Wochen in Berlin Revue passieren lässt und Du jeden Moment klar vor Augen hast – dann ist etwas schief gelaufen.

Es gibt keine andere Stadt in Deutschland, in der man so einfach neue Menschen kennen lernen kann wie in Berlin. Das liegt auch an der hohen Fluktuation in dieser Stadt: Jedes Jahr ziehen etwa 170.000 Menschen nach Berlin, und 130.000 wieder fort. In Mitte, aber auch in Teilen von Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Neukölln und Kreuzberg liegt der Anteil der Zugezogenen bei etwa 70 Prozent und darüber.

Die Folge: Wirklich jeder kennt irgendwen, der am nächsten Wochenende eine Party schmeißt oder zumindest zu einer eingeladen ist. In der ersten Zeit fühlt sich Berlin ein bisschen so wie ein Erasmus-Semester an.

Anders als Hamburg, wo man sich Einladungen in anderer Leute Häuser jahrelang und mit viel Demut verdienen muss, funktioniert Berlin wie ein 1000 Quadratkilometer großes Kennenlernspiel mit 3,5 Millionen Teilnehmern. Und selbst Party-Crasher sind so lange gern gesehene Gäste, wie sie friedlich bleiben.

Kurz gesagt: Wenn du in deinen ersten vier Wochen in Berlin kein einziges Mal feiern warst und dein Gedächtnis nicht durch diverse alkohol- oder müdigkeitsbedingte Aussetzer getrübt ist, dann bist du vielleicht gar nicht nach Berlin gezogen. Sondern hast nur davon geträumt.

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Die ersten sechs Monate

Und dann kommt der Moment, in dem du kapieren musst, dass man in Berlin auch ganz übel hängen bleiben kann. Dass dieses Versprechen von Kreativität, Bewegung und schöpferischer Kraft nur für jene gilt, die sich nicht monatelang damit beschäftigen, einen Zerstörungsfeldzug gegen die eigenen Gehirnzellen zu führen.

Genau das ist hier immer noch sehr gut möglich. Auch wenn die Mieten seit gut fünf Jahren in den Himmel über Berlin steigen, mit ein bisschen Glück findet hier jeder noch eine billige Nische, in der man es gut ohne Lohnarbeit und sozialen Druck aushalten kann.

Es gab mal eine australische Band, deren Mitglieder nach Berlin gezogen waren, weil sie sich vom Glamour der deutschen Hauptstadt angezogen fühlten. Schon bald haben die Jungs ihre Entscheidung bereut.

Im "Tagesspiegel" zog einer von ihnen Bilanz: „Ein Mitglied unserer Band fing sich nach 17 Stunden Polizeigewahrsam eine 1600-Euro-Geldstrafe wegen Sachbeschädigung ein. Es gab Raufereien und alkoholisierte Backgammon-Abende, bei denen Köpfe durch Fensterscheiben krachten. Wir zogen uns Infektionen an den Armen und Schnittwunden an den Beinen zu, wir fielen Kreditkartenbetrügern, Dieben und unmoralischen Drogendealern zum Opfer.

Eines Tages – ich starrte gerade eine Nudistin in der Hasenheide an – merkte ich, dass wir in einer Art Künstler-Paradox feststeckten. Nach Berlin gekommen waren wir wegen des Lifestyles, den die Stadt Künstlern bot, doch genau dieser Lifestyle warf uns nun aus der Bahn. Berlin ruinierte uns.“

Amen.

Das erste Jahr

Glückwunsch! Du hast es geschafft, die übelsten Berlin-Fallen zu umgehen. Du bist nicht versackt und bist auch nicht weiter gezogen, nachdem der Lonely Planet keine weiteren Ausgehtipps mehr parat hatte. Das ist schon einmal viel wert. Aber...

... ob die Stadt wirklich zu dir passt, merkst Du erst am Ende des dritten Jahres. Das hat Gründe.

Das dritte Jahr

Zum einen setzt auch in deinem Freundeskreis spätestens dann die bereits oben erwähnte Fluktuation an. Bachelor-Studenten stehen kurz vor ihrem Abschluss, Master-Studenten haben ihren dann meist schon in der Tasche.

Jungunternehmer sind mit ihrem ersten Startup grandios gescheitert. Und die reichen Söhne und Töchter dieser Stadt laufen Gefahr, dass ihnen Papa und Mama den Geldhahn zudrehen, weil man als Bohème eben nicht das nötige Fachwissen erwirbt, um später die Leitung einer Haltebolzenfabrik in der oberfränkischen Provinz von den Eltern zu übernehmen.

Künstler merken langsam, dass die Konkurrenz in Berlin um die wenigen Fördertöpfe eben doch größer ist als in Kaiserlautern oder Kiel, die Stipendien der Hochbegabten gehen zur Neige und die digitalen Nomaden sind schon längst dem Ruf der Coolness nach Warschau oder Belgrad hinterhergezogen.

Auch du selbst erkennst, dass Tee mit ungetoastetem Weißbrot mit 21 ein cooles Frühstück abgibt, dich aber mit 31 am Fortgang deiner Existenz zweifeln lässt.

Leider ist die Jobsituation in Berlin immer noch angespannt. Zwar sind allein im Jahr 2014 insgesamt 40.000 neue Jobs entstanden. Doch das ist auch ziemlich exakt die Zahl der Menschen, um die Berlin im gleichen Zeitraum gewachsen ist.

Wer Berlin wirklich liebt, nimmt aber auch das in Kauf und beißt sich durch.

Das siebte Jahr

Dein Freundeskreis hat sich mehrmals grundlegend verändert. Deine Pläne auch. Vielleicht hast du schon eine Familie, vielleicht bist du immer noch Single.

Aber wenn Du alle Irrungen und Wendungen in Deinem Leben überstanden und wenn Du die Geschwindigkeit dieser Stadt auszuhalten gelernt hast, dann bist du endlich ein Berliner.

Berliner zu sein ist nämlich nichts, was man beim Einwohnermeldeamt in den Pass gestempelt bekommt. Es ist eine Haltung. Die hat viel mit Toleranz und Gelassenheit zu tun.

Und jetzt bitte keine Flughafenwitze.

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