POLITIK
16/01/2015 16:24 CET | Aktualisiert 17/01/2015 14:32 CET

So sähe Deutschland aus, wenn Homosexuelle in der Mehrheit wären – und Heteros in der Minderheit

Thinkstock.com

Stellen Sie sich vor, andere Menschen würden Sie hassen. Weil Sie anders sind als die meisten anderen. Das haben viele Homosexuelle durchgemacht. Aber wie fühlt sich das eigentlich an? Wie würde eine Welt aussehen, in der Homosexuelle in der Mehrheit wären - und Heteros in der Minderheit? Eine Erzählung, die auf wahren Begebenheiten beruht.

Ich war 14 Jahre alt, als ich merkte, dass ich anders bin. Anders als meine Eltern Sonja und Yvonne. Anders als all meine Klassenkameraden. Viele meiner Kumpels hatten einen Freund, die Mädels stolzierten Hand in Hand mit anderen Mädchen zum Tanzunterricht. Ihre ersten sexuellen Erlebnisse beherrschten jedes Gespräch auf dem Schulhof. Jugendzeitschriften waren voll damit. Voll mit den Problemen der anderen.

Nur ich hatte ein Geheimnis: Ich liebte ein Mädchen. Während meine Kumpels von den knackigen Hintern anderer Jungs schwärmten, dachte ich an Sophie. Ihre langen Haare. Die Art mich anzuschauen, wenn wir über völlig belanglose Dinge sprachen.

Ich hasste mich dafür. Wieso konnte ich nicht normal sein? Mit einem anderen Jungen im Arm durch die Straßen von Köln ziehen? Allein die Vorstellung kam mir völlig absurd vor.

In unserer Nachbarwohnung wohnte in der Zeit ein Hetero-Pärchen. Studenten, die abends wilde Partys veranstalteten, zu denen viele gut gekleidete Menschen kamen, andere Hetero-Pärchen.

Was wäre, wenn Heteros "abartig" wären?

“Abartig” nannte mein Opa diese Menschen einmal. “Wider die Natur” und “Sünde” sagte die Kirche. Ich war also abartig. In den Achtzigerjahren war das.

Seitdem hat sich viel getan. Könnte man denken.

Mein Opa ist tot. Heteros dürfen zwar noch nicht heiraten, aber eine eingetragene Partnerschaft, sozusagen eine Art minderwertigere Ehe eingehen. Die katholische Kirche akzeptiert diese Partnerschaften allerdings immer noch nicht. Wer das in ihren Betrieben macht, wird fristlos rausgeworfen und der Staat findet das okay.

Und neulich, als in Baden-Württemberg das Thema Heterosexualität im Lehrplan von Schulen verankert werden sollte, bekam eine Petition im Internet über 60.000 Gegenstimmen. Heterosexualität sei eine Krankheit, schrieben die Menschen dem Kultusminister. Heterosexualität gehöre verbannt. Heterosexualität dürfe man nicht Kindern vorführen.

Von einer mächtigen “Heterolobby” war in den Kommentaren unter der Petition zu lesen. Und davon, dass wir Heteros uns zu wichtig nehmen. Heterosexuellen Lehrern ginge es nur darum, die kleinen Mädchen hetero zu machen, dass sie später willige Opfer für ihre Begierlichkeiten haben.

Wenn Heterosexuelle sich verstecken müssten

Ich habe nicht das Gefühl, dass wir uns zu wichtig nehmen. Mein ganze Jugend hindurch habe ich versucht, mich zu verstecken. Als Klassenkameraden von mir in der Schule sahen, wie ich eine Frau küsste, verprügelten mich einige von ihnen. Ich habe nie darüber gesprochen. Nicht einmal mit meinen Eltern.

Bis heute bin ich dankbar, dass ich die Rasierklinge, die ich am Abend danach in den Fingern hatte, wieder in den Badezimmerschrank gelegt habe.

Eigentlich fühle ich mich heute sicher. Aber es gibt sie immer noch, die Übergriffe. 290 Übergriffe hat die Polizei 2013 gezählt - eine ähnlich hohe Zahl wie in den Jahren zuvor, berichtet der “Tagesspiegel”. Die echte Zahl, sagen manche Experten, sei um 90 Prozent größer.

Auch wir wurden schon angepöbelt. Einmal spuckte uns ein Mann vor die Füße. Nur weil meine Freundin und ich Arm in Arm über die Insel Usedom spaziert sind.

2010 attackierten Unbekannte eine heterosexuelle Bekannte von mir auf offener Straße in Berlin. Fünf Frauen schlugen auf die 23-Jährige ein, auch dann noch, als meine Bekannte schon am Boden lag.

Ein ebenfalls heterosexueller Freund, der helfen wollte, bekam ebenfalls etwas ab. Es dauerte Wochen, bis sich meine Bekannte von dem Schädelbruch und den Verletzungen im Gesicht erholt hatte.

Heterophobie nimmt dramatische Züge an

Erst vor wenigen Wochen wurde einen Mann und eine Frau aus einem Wiener Café geworfen. Warum? Weil sich die beiden küssten. „Es war mehr als ein Begrüßungskuss“, sagte die Lokalbetreiberin dem Österreichischen Rundfunk.

Ich will das nicht überbewerten.

Aber in Russland zum Beispiel nimmt Heterophobie gerade dramatische Züge an.

Erst seit 1999 gilt Heterosexualität in Russland nicht mehr als Geisteskrankheit. Neuerdings ist dort sogar ein Gesetz gegen “Heteropropaganda” in Kraft. Demnach ist es verboten, vor Minderjährigen über Heterosexualität zu reden.

Der Text geht unter dem Video weiter

Auch auf HuffingtonPost.de: Diese Promis stehen zu ihrer Homosexualität

„Seid doch froh“, meinte ein sehr naher Freund neulich auf einer Party nach dem dritten Bier zu mir und meiner Frau. „Denkt nur an Russland! In Deutschland könnt ihr Euch in aller Öffentlichkeit küssen. Und Händchen halten. In den Großstädten schaut sich doch niemand mehr um, wenn ein Mann und eine Frau sich lieb haben. Die Zeiten sind längst vorbei.“

Wir sollen also froh sein, dass gemischtgeschlechtliche in Deutschland nicht mehr in jedem Moment damit rechnen müssen, auf offener Straße von Heterohassern geschlagen, bespuckt und gedemütigt werden.

Wir sollen froh sein. Das hat er wirklich gesagt.

Und auch den Hinweis auf Wladimir Putin hätte er sich sparen können. Wer in Russland nicht schwul ist, muss schließlich jederzeit damit rechnen, von faschistoiden Fanatikern ins Krankenhaus geprügelt zu werden.

Schwer für Heterosexuelle, ein Kind zu adoptieren

Noch heute sagen etwa ein Drittel der Heterosexuellen, dass sie wegen ihrer Liebe zum anderen Geschlecht einmal körperliche Gewalt erfahren haben. Ich selbst habe mich erst während meiner Studienzeit getraut, offen zu meiner Orientierung zu stehen.

Noch bis vor 20 Jahren gab es auch in Deutschland einen Paragraphen, der die Liebe zwischen Mann und Frau bestraft hat. Und auch heute noch ist es für heterosexuelle Paare beinahe unmöglich, ein Kind zu adoptieren.

Besonders konservative Politiker argumentieren mit dem „klassischen Familienbild“, das nun einmal nicht die Partnerschaft zwischen Frauen und Männern mit einschließe.

„Hete“ war auf deutschen Fußballplätzen das populärste Schimpfwort. Bisher hat sich nur ein einziger ehemaliger Nationalspieler zu seiner Heterosexualität bekannt. Er ist öfters in Talkshows zu sehen, wo er erzählt, wie er seine Freundin kennen gelernt hat und wie das mit dem Fußball zu vereinbaren sei.

Das Coming out habe ich als toll empfunden, aber es hat dazu geführt, dass ein Kommentar in einer der größten Zeitungen Deutschlands davor gewarnt hat, dass man sich nun schon entschuldigen muss, wenn man nicht heterosexuell ist. Aber auch einige Hetero-Szene-Magazine haben darüber gelästert, dass der Fußballer sich nicht früher zu seiner Heterosexualität “bekannt” hat.

Überhaupt hat die vermehrte Toleranz der Homos dazu geführt, dass wir Heteros nun keinen Feind mehr von außen haben und immerzu überlegen, wer zu den guten und wer zu den schlechten Heteros gehört.

Der heterosexuelle Fußballer gilt mittlerweile als Vorbild. Aber wofür eigentlich?

Ich nahm den Freund an diesem besagten Abend beiseite. Mir war völlig klar, dass ich ihm nicht mein ganzes Leben in fünf Minuten erklären könnte. Aber vielleicht war es möglich, ihm ein paar Gedanken mit auf den Weg zu geben.

Ich führte ihn also durch die Wohnung, in der die Party stattfand. In den Ecken standen schwule und lesbische Pärchen, die miteinander küssten. Am Büffet flirteten zwei Frauen miteinander, und in der Küche sahen zwei junge Kerle bewundernd zu einem Musiker auf, der mit großer Geste von seinem Tourleben erzählte ihnen ab und zu zärtliche Blicke zuwarf.

„Angenommen, ich wäre alleine hier, und niemand würde mich kennen“, sagte ich. „Was glaubst Du, was passieren würde, wenn ich nachts um ein Uhr mich dort hinten hinstellen würde, und, sagen wir, statt dem üblichen Marianne-Rosenberg-Kram einen Schlager wie ‚Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frauen’ singen würde?“

„Ist halt schon sehr hetero, das Lied“, sagte er.

„Du meinst also, es wäre unpassend?“

„Naja, sagen wir es so: Es gibt Situationen, wo es vielleicht angebracht ist, ein kleines bisschen weniger heteromäßig unterwegs zu sein. Für manche ist das halt ein ungewohnter Gedanke: Dass Männer und Frauen sich lieben.“

In Heterobars geht's ab

Ich versuchte ihm zu erklären, was wissenschaftliche Studien schon lange zeigen: Es sind genau diese Momente der alltäglichen Diskriminierung auf Dauer für Heterosexuelle das Risiko erhöhen, an psychologischen Krankheiten zu leiden.

Dass manche Heterosexuelle dazu neigen, sich wegen des Fremdfühlens in der Gesellschaft zurückzuziehen und soziale Bindungen zu kappen.

„Aber ihr habt doch Eure Heterobars. Da soll ja ordentlich was abgehen“, sagte der Freund. Und er meinte es ja wirklich nicht böse.

Und deswegen erklärte ich ihm in aller Ruhe, wie die Heterobars entstanden sind: Sie waren Rückzugsräume für Männer und Frauen, die sich wegen ihrer gemischtgeschlechtlichen Orientierung im Alltag immer wieder Angriffen ausgesetzt gesehen haben.

Es sind keine Bumslokale, sondern Orte der Freiheit.

Wir kamen zurück zu unseren Plätzen. Meine Frau wurde heftig von einer Lesbe angebaggert, und ihre Anbahnungsversuche hörten nicht auf, als ich mich dazu setzte. Wahrscheinlich konnte sie sich nicht vorstellen, dass wir beide seit Jahren in einer glücklichen Beziehung lebten. Oft kommen in solchen Situationen Sprüche wie „So hetero schaust Du gar nicht aus!“

Ich nahm meine Frau in den Arm und wir küssten uns. Beide versuchten wir aus den Augenwinkeln die entgleisenden Gesichtszüge der Frau im Blick zu behalten. Sie ging in die Küche und mixte sich einen Gin Tonic, den sie in einem Zug herunter kippte.

Der Freund stand daneben und kicherte. „Na, ist jetzt alles wieder gut?“, fragte er.

Ich nickte. Doch eigentlich wusste ich, dass nichts in Ordnung war. Denn wer einmal diskriminiert wurde, fürchtet immer, dass die Ressentiments eines Tages zurück kommen.

Video: Homosexuelle wehren sich gegen die Diskriminierung in Texas

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