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Pegida in Dresden: 7 Gründe, warum es die bisher schlimmste Demo war

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Bereits zum zwölften Mal sind in Dresden die Anhänger der „Pegida“-Bewegung auf die Straße gegangen, um gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes zu protestieren. Der allwöchentliche Ausnahmezustand wird in Dresden langsam zu einem Ritual.

Dennoch unterschied sich die Demo vom vergangenen Montag von früheren Veranstaltungen. Die Huffington Post war vor Ort und nennt sieben Gründe, warum es die bisher schlimmste Pegida-Demo war.

1. Natürlich sind die Dresdner Pegida-Demonstranten Heuchler

Bundesjustizminister Heiko Maas hatte der Pegida-Bewegung jüngst „Heuchelei“ vorgeworfen, weil die Demonstranten in der Vergangenheit scharf mit den Medien abgerechnet haben, an diesem Montag aber mit Trauerflor für die Opfer der Terroranschläge auf das Magazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt auftreten wollten.

Nach der Demo muss man sagen: Maas hat Recht. Es war ein bizarres Schauspiel. Auf der Bühne stand Pegida-Chef Lutz Bachmann und sagte an die Adresse der deutschen Journalisten: „Unser Mut ermöglicht es ihnen, so frei zu arbeiten, wie sie es können. Mit der Scharia hätten sie das nicht mehr.“ Wenig später sagte er in Bezug auf die heftige Kritik an Pegida: „Ich bin stolz auf diesen Vertrauensbeweis. Es beweist, dass sie uns vertrauen, dass wir keine Redaktionen anzünden und keine Mörder sind.“

Deutlicher konnte Bachmann kaum die Ereignisse in Paris für seine Bewegung instrumentalisieren. Da half es auch nichts, dass Bachmann halbherzig versuchte, die immer wieder ertönenden „Lügenpresse“-Sprechchöre zu unterbinden.

Während der Demonstration kam es wiederholt zu Angriffen auf Medienvertreter. Einem Fernsehteam wurde am Kundgebungsort die Zerstörung ihres technischen Equipments angedroht. Während des Demonstrationszuges wurde mindestens einem TV-Reporter die Kamera heruntergeschlagen.

Video: Pegida bekommt weiteren Zulauf: 25000 Menschen demonstrieren in Dresden gegen mutmaßliche Islamisierung

2. Das Gewaltpotenzial war so hoch wie selten zuvor

Schon in der vergangenen Woche versuchten gewaltbereite Pegida-Anhänger, eine Gegendemo zu stürmen. In dieser Woche fanden die Protestzüge zeitversetzt statt. Trotzdem kam es während des „Abendspaziergangs“ der Pegida-Demonstranten zu Zusammenstößen mit Andersdenkenden.

Gut ein Dutzend Männer gingen auf eine Frau los, die am Straßenrand des Dr.-Külz-Rings lauthals ihren Unmut über die Pegida-Demo kundtat. Nur mit großer Mühe konnten die Ordner dafür sorgen, dass die rechten Schläger der Frau keine körperliche Gewalt antun konnten. Die abgedrängten „patriotischen Europäer“ beschimpften die Frau als „Fotze“ und kehrten in den Zug zurück.

An der Wilsdruffer Straße beschimpfte ein Anwohner die Demonstranten. Er wurde mit einer Taschenlampe angestrahlt. Aus dem Pulk war zu hören: „Jetzt wissen wir, wo Du wohnst!“ Dann wurde der Mann aufgefordert, aus dem Fenster zu springen.

3. Pegida ist mittlerweile zum Treffpunkt für Rechtsextreme aus ganz Deutschland geworden

Die Szenen gleichen sich mittlerweile in Dresden, montagabends: Auf den abgesperrten und verkehrsfreien Straßen, die zum Treffpunkt für die Pegida-Demonstranten in der Nähe des Neuen Rathauses führen, kann man immer wieder Menschen beobachten, die auf ihren Stadtkarten nach dem „Skaterpark“ suchen, wo die Demonstrationszüge stets ihren Anfang nehmen.

Die Dresdner Pegida-Demo lockt mittlerweile Menschen aus ganz Deutschland an. Das liegt auch daran, dass besonders die westdeutschen Pegida-Ableger trotz vollmundiger Ankündigungen bisher äußerst erfolglos verliefen.

Oft genug fahren Sympathisanten aus den westlichen Bundesländern hunderte Kilometer, um an der Dresdner Pegida-Demo teilzunehmen. Das Organisationsteam hatte alle Teilnehmer gebeten, Fahnen ihrer Herkunftsbundesländer mitzubringen. Mecklenburger marschierten gemeinsam mit Hessen, Westfalen und Niedersachsen. Ein Indiz dafür, dass die Teilnehmerzahl auch in den kommenden Wochen noch steigen könnte.

4. Bei Pegida marschieren Biedermänner vereint mit rechten Schläger und radikalen Ideologen

Ein näherer Blick auf die Protestanhänger zeigt, dass bei Pegida längst nicht nur „besorgte Bürger“ mitmarschieren.
Am Montagabend gingen wohl Hunderte gewaltbereite Sympathisanten der rechtsextremen Szene mit auf die Straße, zu erkennen an klassischen Symbolen wie Springerstiefeln, Bomberjacken und „Thor-Steinar“-Kleidung. Besonders in der Gruppe, die direkt hinter den Pegida-Organisatoren marschierte, gab es immer wieder Probleme mit dem Vermummungsverbot.

Die Mehrheit der Pegida-Demonstranten verhielt sich friedlich. Aber offenbar hat weder im Organisationsteam noch unter den „besorgten Bürgern“ jemand ein Problem damit, dass die Bewegung bei Radikalen sämtlicher Färbung immer populärer wird. Selten in der Geschichte der Bundesrepublik traten das bürgerliche Ressentiment und der rechtsradikale Hass derart geeint auf.

5. Die Pegida-Organisatoren haben einmal mehr ihr strategisches Geschick bewiesen

Es wäre ein Fehler, die Pegida-Organisatoren in ihrem strategischen Geschick zu unterschätzen. Demo-Begründer Lutz Bachmann ist Werbefachmann, und das merkt man. Nicht nur, dass er es offenbar jede Woche aufs Neue schafft, den richtigen Ton gegenüber seinen Anhängern zu finden. Er arbeitet auch sehr erfolgreich daran, nach außen ein friedfertiges Bild seiner Bewegung zu verkaufen.

Am Montag präsentierte er ein Sechs-Punkte-Papier, das in dieser Form vor fünfzehn Jahren noch genauso gut von der CDU hätte stammen können. Unter anderem fordern die Pegida-Organisatoren die Schaffung eines Zuwanderungsgesetzes, eine „Integrationspflicht“ für Zuwanderer, ein Einreiseverbot für radikale Extremisten und mehr Mittel für innere Sicherheit. Das sind an sich keine extremen Positionen.

Der Subtext jedoch ist ein anderer, das wurde auf der Abschlusskundgebung klar. „Diese Punkte sind nicht das Ende“, sagte Bachmann. Und seine Anhänger haben das sehr wohl verstanden.

Zwar lockt Pegida immer noch auch gemäßigte bürgerliche Kräfte an. Ein Pegida-Demonstrant sagte der Huffington Post, befragt nach einem Schild mit der Aufschrift „Schulen erhalten statt Asylantenheime bauen“: „Das ist ein Schild, von dem ich mich persönlich distanzieren würde. Wer nach Deutschland kommt, und Schutz braucht, der soll ihn auch bekommen.“

Doch trotz aller öffentlichen Beteuerungen dürfen sich Radikale und Menschenhasser mit ihren Parolen auf den Pegida-Demos aufgenommen und zuhause fühlen. Im Publikum wird bei Pegida stets eine andere Sprache gesprochen als auf der Bühne.

6. Mit „Legida“ gibt es erstmals einen erfolgreichen Ableger

Natürlich war die Leipziger Anti-Pegida-Demo äußerst beeindruckend und ein wichtiges Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit.

Dennoch kamen zur ersten „Legida“-Demo in Leipzig gleich 5.000 Menschen. Die Kundgebung wurde damit aus dem Stand zum weitaus größten Pegida-Ableger. In Dresden feierten die Organisatoren um Lutz Bachmann diesen Erfolg zum Abschluss frenetisch.

Bisher waren alle Demos außerhalb Dresdens nur mäßig populär. Besonders im Westen trafen sich in vielen Städten kaum mehr als wenige Hundert Menschen. Auf der Dresdner Pegida-Demo distanzierten sich die Organisatoren nun von allen „nicht-offiziellen“ Ablegern (zum Beispiel „Kögida“ in Köln und „Dügida“ in Düsseldorf) und präsentierten eine Liste mit den „offiziellen“ Spin-Offs. Die meisten befinden sich im Osten der Republik. Hier vermutet der mittlerweile gegründete „Pegida e.V.“ offenbar die größten Potenziale.

„Legida“ könnet der Anfang gewesen sein für diese neue Expansionsstrategie.

7. Trotz der anhaltenden Kritik wächst die Zahl der Teilnehmer weiter an

Nicht zuletzt die immer noch weiter wachsende Teilnehmerzahl dürfte für Sympathisanten eine weitere Motivation sein, auch nächste Woche wieder auf die Straße zu gehen. Mit 25.000 Menschen war die Pegida-Demo am Montag die wohl größte rechte Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik.

KORREKTUR 23 Uhr: Die Fahne des deutschen Widerstandes war in diesem Artikel anfangs als Symbol der "German Defence League" bezeichnet worden. Der Fehler wurde korrigiert.

Video: Unterhaltsam und aufschlussreich: Diese Grafiken lassen Pegida ziemlich blöd aussehen

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