Huffpost Germany

Terror in Frankreich: 5 Gründe, warum der Islam nicht schuld am Paris-Attentat ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ISLAM
Getty
Drucken

In Deutschland entbrennt derzeit ein Streit darüber, ob der Islam für die Terroranschläge in Frankreich verantwortlich ist. Doch das führt am Kern der Diskussion vorbei, die wir führen müssen.

Die Huffington Post nennt fünf Gründe, warum der Islam nichts mit den Ereignissen in Paris zu tun hat.

1. Islam ist nicht gleich Islamismus. Und Islamismus ist nicht gleich radikaler Islamismus.

In der aktuellen Diskussion gehen viele Begriffe durcheinander.

Insgesamt 1,6 Milliarden Menschen auf der Welt sind Anhänger des Islam. Die Religion ist nicht gleichzusetzen mit der Bewegung des Islamismus, die aus der Religion heraus entstanden ist.

Der Islamismus plädiert für eine religiöse Staatsordnung. Das wollen längst nicht alle Muslime, das bekannteste Beispiel dafür ist die Gründung der säkularen Türkei im Jahr 1923 durch Mustafa Kemal Atatürk. Auch in Tunesien ist kürzlich eine weltliche und demokratische Verfassung beschlossen worden.

Islamismus kann auch barmherzig auftreten. Es gibt Islamisten, die sich aus religiösen Gründen für die Gesellschaft engagieren. Das geht auf das im Koran festgeschriebene Gebot zurück, dass sich Gläubige um Arme und Kranke zu kümmern haben. In vielen muslimischen Ländern wie etwa Ägypten wäre die Armenfürsorge ohne islamistische Gruppen nicht denkbar.

Unter den Muslimen sind die Islamisten insgesamt in der Minderheit. Aber gerade das macht sie für radikale Ideen anfällig. Viele verstehen sich als eine Art religiöse Elite.

Die Schwäche des Islamismus ist sein Absolutheitsanspruch: Dass Islamisten nämlich aus religiösen und damit nicht diskutierbaren Gründen etwas gegen säkulare Demokratien haben, in denen das Volk herrscht, und nicht Gott. Trotzdem sind längst nicht alle Islamisten gewalttätig, ebenfalls aus religiösen Gründen.

Nur eine kleine, extremistische Minderheit unter den Islamisten hat dem Westen den Krieg erklärt. Ihr Kampf ist ein politischer: Es geht ihnen darum, einen Herrschaftsanspruch durchzusetzen, der zwar religiös begründet, aber nichts mehr mit den Grundlagen des Islam zu tun hat.

Die Attentäter von Paris haben eine Religion geknidnappt, um ihrem Hass und ihrer Mordlust eine lausige Begründung zu verpassen. Das ist armselig und verachtenswert, aber nicht muslimisch.


2. Wer glaubt, dass der „Islam“ für die Anschläge in Paris verantwortlich sei, übernimmt die Argumentation der Attentäter.

Denn genau das ist es ja, was die Attentäter erreichen wollten: Einen Krieg im Namen des Islams nach Europa tragen. Gegen den Willen der allermeisten Mitgläubigen, legitimiert nur durch den eigenen Wahnsinn und einen ins Krankhafte pervertierten Glauben.

Keine Religion dieser Welt rechtfertigt Mord. Das glauben nur diejenigen Muslime, die ihren eigenen Glauben missbrauchen. Oder jene christlichen Europäer, die einen politischen Kampf auf Kosten einer Weltreligion ausfechten wollen.


3. Auch im Namen des Christentums geschehen Hass und Gewalt. Aber dafür ist das Christentum nicht verantwortlich.

Anders Breivik hat im Juli 2011 an einem einzigen Tag 77 unschuldige Menschen im Namen des Christentums umgebracht. Er selbst sieht sich als moderner „Tempelritter“ in der Tradition christlicher Glaubenskämpfer des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Breivik hatte Angst vor einer angeblich drohenden Islamisierung Europas.

Auch die NSU-Mörder handelten aus Islamhass und kämpften für einen, wie sie es ausdrückten, „Heiligen Rassekrieg“. Als Legitimation dafür diente ihnen unter anderem eine wirre, aus nordischen und christlichen Versatzstücken zusammengeschusterte Pseudo-Religion, die keinen anderen Zweck hatte, als der Gewalt einen Rahmen zu geben.

Was Frau Zschäpe und Herrn Mundlos ihr hohles und rassistisches Germanengefasel war, ist den Irren von Paris ihr Dschihadistenkult. Mit Religion hat das nichts zu tun. Es ist der jämmerliche Versuch von Mörderbanden, sich auf übernatürliche Größe aufzublasen.


4. Es nervt, wenn selbst friedliche Muslime den Terror relativieren. Aber das ist ein politisches Problem.

Schon als im Jahr 2011 ein Brandanschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ verübt wurde, gab es diese „Ja, aber“-Sätze. Schlimme Sache, dass Journalisten angegriffen werden. Aber man müsse angeblich in diesem Zusammenhang berücksichtigen, dass Mohammed-Karikaturen, so wie sie von dem Magazin veröffentlicht wurden, eine Provokation gewesen seien. Das war auch von Deutschen mit muslimischem Glauben zu hören.

Waren die Karikaturen eine Provokation? Oh ja. Aber kein Grund zur Gewalt. Dass viele Muslime in diesem Zusammenhang doch einen Kontext herstellen, ist unerträglich. Aber: Es ist kein Problem der Religion, sondern der Politik und der Kultur.

In den vergangenen 20 Jahren haben Scharfmacher regelmäßig dafür gesorgt, das solche "Provokationen" nicht nur als Meinungsäußerung, sondern auch immer als Angriff auf die muslimische Welt als solche gewertet wurden. Hinter dem Hass stecken Menschen, die von diesem Hass profitieren.

Auch in Deutschland gibt es übrigens noch einen (mittlerweile abgeschwächten) „Gotteslästerungs“-Paragraphen – ein Indiz dafür, dass vor 100 Jahren auch hierzulande noch anders über religiöse Beleidigungen gedacht wurde. Dem Kaiser als "Herrscher von Gottes Gnaden" hat das gut ins Konzept gepasst.

Dass muslimische Gesellschaften in vielen Fällen noch nicht so gelassen im Umgang mit der Religion sind, ist ein riesiger Entwicklungsnachteil für die betreffenden Länder – weil dadurch der freie Gedankenaustausch gehemmt wird. Aber ein verkorkster Umgang der Menschen mit dem Spirituellen lässt sich nur schwerlich der Religion als solcher anlasten.

Ähnliche Auseinandersetzungen – wenn auch in vordigitalen Zeiten, und eine Nummer kleiner – hat es auch in Nordirland gegeben. Dort waren regelmäßige Parademärsche der Grund, warum sich tiefgläubige Katholiken und Protestanten zu Gewalt „provoziert“ gefühlt haben.

Die Zeit der Straßenschlachten ist mittlerweile vorbei. Auch deshalb, weil ab den 90er-Jahren eine ganze Generation von jungen Menschen vor einer weiteren Radikalisierung bewahrt wurde.

Insofern ist die Kundgebung gegen Terror und für Pressefreiheit, die der Zentralrat der Muslime in Deutschland plant, ein wichtiger Schritt.


5. Die FDP Hamburg hat das letzte Wort.




Video: Anschlag auf "Charlie Hebdo": Hier verschanzen sich die Attentäter zum letzten Gefecht

Video: Pressestimmen zu „Charlie Hebdo“ Wut, Trauer, Solidarität und ein „Akt der Barbarei“