Gegen den Ausländerhass der Pegida-Anhänger: Ein Brief an einen Flüchtling

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Gegen den Ausländerhass: Ein Brief an einen Flüchtling | Getty
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PEGIDA, eine ausländerfeindliche Bewegung gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes, bringt in Städten wie Dresden und Düsseldorf derzeit tausende Anhänger auf die Straßen. Die Stimmung gegen Migranten radikalisiert sich, eine rechte Welle überrollt Deutschland.

Flüchtlinge, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland gekommen sind, müssen mit ansehen, wie ein immer größer werdender Mob eine radikalere Flüchtlingspolitik einfordert - zum Teil mit kruden Forderungen. Höchste Zeit für eine Klarstellung.

Lieber unbekannter Flüchtling,

vielleicht bist Du gestern nach Deutschland gekommen, vielleicht vorgestern. Wir sind uns noch nicht begegnet, was wohl daran liegt, dass Du von diesem Land bisher nicht viel mehr als den Flughafen oder die so genannte „Auffangstelle“ für Menschen wie Dich gesehen hast.

Aber vielleicht hat das auch etwas Gutes. Denn dieses Land, in das Du gekommen bist, diese selbsternannte „Supermacht der Werte“, das grundrechtbewusste und ach so verfassungspatriotische Deutschland, dreht im Jahr 2014 mächtig am Rad.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommst Du aus einem Kriegsgebiet

Rein statistisch gesehen stammst Du mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem Kriegsgebiet. Von Januar bis Ende November kamen allein aus Syrien so viele Asylbewerber nach Deutschland wie aus Serbien, Montenegro, Bosnien und dem Kosovo zusammen. Warum ich das erwähne? Da wären wir schon bei dem ersten Problem.

Sei froh, wenn Du derzeit nicht in Dresden bist. Dort treffen sich jeden Montagabend die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (kurz: PEGIDA). Das sind Menschen aus einem Bundesland mit einem Ausländeranteil von knapp mehr als einem Prozent, die sich vor einer schleichenden Machtübernahme von radikalen Islamisten fürchten, die den Nikoläusen das Kreuz wegnehmen und in öffentlichen Kantinen Halal-Fleisch vorschreiben wollen. Das zumindest hat einer ihrer Redner am Montagabend wieder gesagt. Und die meisten Zuhörer waren begeistert.

Es geht um das Gefühl, "dass in Deutschland etwas schief läuft"

Zwar gibt es laut Verfassungsschutz in ganz Deutschland lediglich 5.000 Salafisten. Aber das ist auch vollkommen egal, weil es um das "Gefühl" geht, dass „in Deutschland etwas schief läuft“. Da würden Fakten am Ende ohnehin nur stören.

Und natürlich treibt die „PEGIDA“-Demonstranten nicht nur der Kampf gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ an. Häufiger als von der muslimischen Bedrohung wurde am Montag noch von „kriminellen Asylbewerbern“ geredet.

Donnernden Applaus gab es dann, wenn „straffällig gewordene Ausländer“ aufgefordert wurden, das Land zu verlassen. Oder als die Schließung einer angeblich mit „kriminellen Asylbewerbern“ belegten Unterkunft in Sachsen verkündet wurde.

Video: Ungewöhnliche Unterkünfte: Hier werden Flüchtlinge in Deutschland untergebracht

Es geht nicht um Humanität oder das Grundgesetz

Angeblich solle Deutschland offen bleiben für jene, die "wirklich Not leiden" sagten beinahe alle Redner. Doch allein der Glaube, zwischen "guten" und "schlechten" Flüchtlingen unterscheiden zu können, zeigt, dass es eigentlich um etwas anderes geht. Nicht um Humanität. Oder das Grundgesetz. Sondern um die Angst vor Fremden. Sonst würden die PEGIDA-Demonstranten nicht so pauschal über „Wirtschaftsflüchtlinge“ urteilen, die nur „Geld kosteten“ und „Ärger brächten“.

Ein kleines Geheimnis darf ich Dir verraten, mein Freund. Für den Fall, dass Du auch zu den „Wirtschaftsflüchtlingen“ gehören solltest: Sachsen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der beliebtesten Ziele für Menschen, die ihrer Armut entkommen wollten, um sich in der Fremde etwas Neues aufzubauen.

Das Land der Leipziger, Dresdener und Chemnitzer Industriellen war damals eines der reichsten in ganz Deutschland und lebte sehr gut von seinen Wirtschaftsflüchtlingen.

Wie sich die Zeiten ändern.

Und sei froh, wenn Du derzeit nicht in Bayern wohnen musst. Dort zwingt man Neuankömmlinge aus dem deutschen Sprachraum seit Jahrzehnten, so seltsame Worte wie „Oachkatzlschwoaf“ auszusprechen – nur um dann kurze Zeit später klar zu machen, dass kein Nicht-Bayer es jemals wagen sollte, Bayerisch zu sprechen. Hochdeutsch ist dort so etwas wie das Brandzeichen für alle, die nicht so recht dazu gehören dürfen.

Ausgerechnet in diesem Bundesland hat die alleinregierende CSU nun die ausländischen Zugroasten dazu anhalten, auch in den eigenen vier Wänden, nunja, Hochdeutsch zu sprechen. Als Integrationsmaßnahme, sozusagen.

Wie die CSU das Gebot durchsetzen wollte, blieb bis zum Schluss unklar. Polizisten auf jeden deutschen Hausbalkon? Babyfons für Migranten mit direkter Funkleitung ins Ordnungsamt? Aber der Versuch der Christsozialen, sich als Verbotspartei Nummer eins zu profilieren, ist ja auch schon wieder vorbei.

Der entsprechende Satz im Entwurf für einen Parteitags-Antrag ist mittlerweile geändert worden. Du darfst sicher sein, lieber Flüchtling, dass die Botschaft bei der Parteibasis längst angekommen ist.

Genauso, wie es schon Anfang des Jahres mit der Kampagne gegen die „Bulgaren und Rumänen“ der Fall war. Auch damals schon viel heiße Luft um nichts. Eine Neidkampagne, in der es letztlich um nichts anderes ging als um die Angst ums liebe Geld. Im Mai hatte die CSU dann bei der Europawahl ihr schlechtestes Ergebnis seit 1979 eingefahren. Die rechtsgepolten Wähler haben dann doch lieber gleich für das Original gestimmt, die AfD nämlich. Traurig, dass die CSU daraus immer noch nicht gelernt hat.

Apropos AfD: Sei froh, wenn Du nicht in Brandenburg oder Thüringen lebst. Dort haben die Rechtspopulisten bei der vergangenen Landtagswahl knapp zehn Prozent der Stimmen bekommen.

In Brandenburg hatte der AfD-Landeschef Alexander Gauland noch im Wahlkampf Stimmung gegen ein neues Flüchtlingsheim gemacht. Er hat wohl gewusst, warum.

Und selbst an den Universitäten bist Du heute vor den wachsenden Ressentiments nicht mehr sicher, lieber Flüchtling. Solltest Du Asyl bekommen und dann darüber nachdenken, für Deinen Aufstieg zu lernen und hart zu arbeiten: Dann sei Dir gewiss, dass die Hälfte aller deutschen Studenten laut einer Untersuchung der Bundesregierung glaubt, dass Du eigentlich ein Ausländer zu viel in Deutschland bist. Jeder zweite Nachwuchsakademiker glaubt nämlich, dass „das Boot voll“ sei. Noch vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Als noch so etwas wie eine „Arbeiterkultur“ in Deutschland existierte, gab es unter den weniger Wohlhabenden in dieser Republik eine einfache Regel: Du erkennst die Menschlichkeit des anderen immer dann, wenn er sich nicht menschlich verhalten muss. Ganze Bücher wurden früher darüber geschrieben. Heinrich Böll etwa hat dieses Thema in „Das Brot der frühen Jahre“ verarbeitet.

Dass sich nun regelmäßig die Starken und die Schwachen zusammentun, um gegen die Schwächsten auszutreten, spricht Bände über dieses Deutschland im Jahr 2014. Und vielleicht ist es das, was mir derzeit auch am meisten Sorgen macht.

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