POLITIK
01/12/2014 16:37 CET | Aktualisiert 08/12/2014 10:18 CET

5 Zukunftschancen, die sich Deutschland durch Ausländerhass verbaut

dpa

Es ist ein denkwürdiger Montag: In Berlin findet der Integrationsgipfel der Bundesregierung statt. Verbandsvertreter und Delegierte aus ganz Deutschland treffen sich mit Vertretern der Bundesregierung, um Politik zu koordinieren.

Zeitgleich findet in Dresden die nächste "PEDIGA"-Demonstration gegen die "Islamisierung des Abendlandes" statt. Es werden mehrere Tausend Teilnehmer erwartet.

Leicht könnte der Eindruck entstehen, dass die Politik sich in Sonntagsreden übt, während die Bevölkerung mit den Füßen abstimmt. Doch das wäre fataler Unsinn. Denn eine gelungene Integrationspolitik nutzt uns allen. Sie ist kein Selbstzweck, die Fakten sind da eindeutig: Ausländerhass gefährdet die Zukunft dieses Landes.

Die Huffington Post nennt fünf Zukunftschancen, die derzeit auf dem Spiel stehen.

1. Asylbewerber könnten verwaiste Innenstädte neu beleben und die Folgen des demografischen Wandels abfedern

Es war ein spektakulärer Vorschlag, den Goslars Bürgermeister Oliver Junk Ende November gemacht hat. Und ein absolut richtiger. Junk wünscht sich, dass seine Stadt mehr Flüchtlinge aufnimmt, als sie muss. Die neuen Goslarer Bürger, so der CDU-Politiker, könnten dann in den leerstehenden Häusern wohnen, die durch den demografischen Wandel verwaist sind.

Für die Stadt wäre das ein guter Deal: Nicht nur, dass der Leerstand verringert wird, die Einwohnerzahl steigt, der Altersdurchschnitt sinkt und die Kaufkraft zunimmt. Durch den Zuzug kommen auch neue Ideen nach Goslar. Viel unternehmerisches und kreatives Potenzial, dass sich für die Zukunft der Stadt nutzen lassen könnte.

Doch stattdessen tobt im Netz der braune Mob gegen Junk. Auf Facebook postete etwa die Goslarer Userin Janina R. das Bild eines mit Flüchtlingen gefüllten Schlauchbootes. Bildunterschrift: „Wo ist der weiße Hai, wenn man ihn braucht?“ Die junge Frau – bekennende Hundefreundin, wie ihr Profil ausweist – zeigte damit womöglich unfreiwillig, dass sich Menschenhass heutzutage oft hinter einer kleinbürgerlichen Fassade aus Tierliebe und Häuslichkeit tarnt.

Wer Hunde knuddelt und Menschen zum Abschuss frei gibt, der lebt schon längst im eigenen Vierten Reich.

Die Düsseldorfer Hip Hop-Gruppe "Antilopen Gang" hat diesen Zusammenhang in ihrem Song "Beate Zschäpe hört U2" schön zusammengefasst.

2. „Wirtschaftsflüchtlinge“ könnten ein Segen für Deutschland sein

Es ist eine dieser unangenehmen Wahrheiten, denen viele „brave Deutsche“ gern aus dem Weg gehen: Millionen von Bundesbürgern sind Nachkommen von Wirtschaftsflüchtlingen.

Angefangen bei den Familien, in denen Teile der Verwandtschaft einst im 19. Jahrhundert nach England oder Amerika ausgewandert sind, weil sie der Armut in Deutschland entkommen wollten und auf der anderen Seite des Atlantiks eine Chance bekamen.

Nicht zu vergessen die mehreren Millionen Menschen in der Bundesrepublik, deren Vorfahren einst aus Polen zum Malochen in die westdeutschen Industriegebiete kamen. Ebenso die Nachkommen der Spätaussiedler, die seit den 50er-Jahren in Deutschland eine neue Perspektive suchten und oft auch bekamen. Kaum eine Familiengeschichte in Deutschland ist frei von Arbeitsmigration. In Wahrheit ist Deutschland schon wegen seiner geografischen Lage eine Nation der Wirtschaftsflüchtlingskinder.

Hinzu kommt: Fast alle Einwanderungswellen fallen mit Phasen steigendem Wohlstands zusammen. Das zeigte zuletzt die ZDF-Doku „Wie viele Ausländer veträgt Deutschland?“.

Warum das so ist? Entgegen den oft vorgebrachten Anschuldigungen gehen wissenschaftliche Studien davon aus, dass kaum ein Ausländer den mühsamen Weg in die Fremde auf sich nimmt, um in die „Sozialsysteme hinein zu migrieren“. Im Gegenteil: Die meisten wollen ein neues, besseres Leben. Und sind bereit, sich dafür anzustrengen. Deutschland sollte diese Kraft zu nutzen lernen. So wie sie die USA einst im Fall seiner deutschen Einwanderer zu nutzen verstanden hat.

Wohin das führen kann, zeigte kürzlich eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Demnach sorgt Zuwanderung bereits jetzt dafür, dass der deutsche Staat jährlich 22 Milliarden Euro mehr zur Verfügung hat. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Zuwanderer mittlerweile höher qualifiziert sind als der Bevölkerungsschnitt.

3. Viele Deutsche schimpfen über „Ausländerkriminalität“. Dabei sollten wir gemeinsam soziale Ungleichheit bekämpfen

Allein der Begriff „Ausländerkriminalität“ ist irreführend. In der Kriminologie geht man mittlerweile davon aus, dass Herkunft und Kultur kaum Auswirkungen auf die Zahl der Gewalt- und Eigentumsdelikte haben. Viel wichtiger für die Verbrechensquote ist, ob Menschen eine Perspektive geboten wird. Egal, woher sie stammen.

„Man kann nicht sagen: ‚Die Ausländer’ sind krimineller. Sondern nur diejenigen, die sozial nicht gut integriert sind, die bildungsmäßig nicht die Chancen der Deutschen haben, da haben wir ein Problem“, sagte der Kriminologe Christian Pfeiffer dem ZDF.

Das Thema ist komplex. Und doch kann jeder etwas tun. Die reichen Eltern etwa, die es sich leisten können, ihren Sohn auf ein teures Internet zu schicken statt auf die Schule im Szenekiez nebenan, wo der Ausländeranteil bei etwa 50 Prozent liegt. Der Personalchef, der beim Lesen des Vornamens „Murat“ die nächste Bewerbung in die Hand nimmt. Oder auch der einfache Arbeiter im Autowerk, der nach Feierabend um seine türkischstämmigen Kollegen einen großen Bogen macht.

All das sind Facetten der gleichen Fragestellung: Dass wir soziale Probleme als etwas Ethnisches verstehen und warum wir das einfach nicht einsehen wollen.

4. Deutschland hat das Zeug dazu, eine Sogwirkung auf Talente in aller Welt zu entwickeln. Doch derzeit scheitern wir an unserer eigenen Fremdenangst

Jeder hat schon mal von diesem Argument gehört. Es geht in etwa so: „Natürlich bin ich für die Einwanderung von gut ausgebildeten Ausländern. Aber noch mehr Armutsflüchtlinge können wir hier nicht gebrauchen.“

Es bleibt indes in Rätsel, wie der durchschnittliche, derart argumentierende Deutsche auf der Straße die „guten“ von den „schlechten“ Ausländern unterscheiden will. Nicht nur, dass sich dahinter ein moralisches Problem verbirgt und womöglich ein ziemlich schräges Menschenbild. Es ist auch ein ganz praktisches Problem für die Integration von Ausländern.

Denn so lange es in Deutschland keine echte Willkommenskultur für Ausländer gibt, werden diejenigen, die es sich aussuchen können, eher wo anders hingehen. Warum sollte auch ein hochbegabter Informatiker aus Pakistan ausgerechnet nach Deutschland kommen, wenn hier die Politik irgendwas von „Kindern statt Indern“ murmelt und er in Dortmund, Magdeburg oder Berlin-Lichtenberg wegen seiner dunklen Hautfarbe aufpassen muss, unbeschadet von A nach B zu kommen?

Mal ganz abgesehen davon, dass Deutschland allein schon wegen des Klimas kein naturbestimmtes Auswanderungsziel ist. Aber das ist noch ein anderes Thema.

5. Der Islam gehört schon längst zu Deutschland. Aber die Angst vor einer „Islamisierung“ macht viele Integrationserfolge wieder kaputt

Jeden Montag findet in Dresden eine Demonstration der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEDIGA) statt. Was als „Protestspaziergang“ angefangen hat, wird seit Wochen immer größer. Mittlerweile gehen schon mehrere Tausend Menschen gegen die angebliche Gefahr auf die Straße.

Initiator Lutz Bachmann weist den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit weit von sich. Er fordert gar eine menschenfreundlichere Flüchtlingspolitik – so wie Oliver Junk, der Bürgermeister von Goslar. Und doch bleibt die Frage, warum Bachmann und seine Mitstreiter dann gegen die „Islamisierung des Abendlandes auf die Straße“ gehen – also gegen etwas, das es nicht gibt.

Regelmäßig wird in Umfragen der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland und anderswo zu hoch eingeschätzt. Erst kürzlich ergab eine Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, dass ein Drittel der Deutschen die Zahl der in der Bundesrepublik lebenden Muslime auf über zehn Millionen schätzt – tatsächlich sind es etwa vier Millionen, was ungefähr fünf Prozent der Bevölkerung entspricht.

Woher die Angst vor diesen fünf Prozent kommt, von denen die meisten auch noch gut integriert sind, lässt sich rational kaum erklären. Wahrscheinlicher ist, dass sich der aufgestaute Ausländerhass in Deutschland gerade bei den Muslimen ein neues Ventil sucht.

Das zeigen auch die Ressentiments, die jüngst eine Spiegel-Umfrage ans Tageslicht förderte: Für 37,8 Prozent der Bundesbürger ist eine Frau „nicht deutsch“, die ein Kopftuch trägt. Was tief in die Seele der Befragten blicken lässt.

Frühere Studien hatten schon gezeigt, dass knapp die Hälfte der Deutschen den Islam als „Bedrohung“ wahrnimmt.

Die einzige Gefahr sind jedoch die Menschen, die solche Standpunkte vertreten. Sie sind dafür verantwortlich, dass diese Gräben erst entstehen. Und das nur, weil sie ihre eigenen Ängste nicht im Griff haben.

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Video: Studie zeigt: Das ist das ausländerfeindlichste Bundesland Deutschlands


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