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Austerität: Seuchen, Totgeburten, Depressionen - wie die Sparpolitik halb Europa krank macht

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Nichts ist den Deutschen so lieb wie das Sparen. Steinreiche Milliardäre wie der schwedische Ikea-Gründer Ingvar Kamprad oder auch der Aldi-Gründer Theo Albrecht haben es in der Bundesrepublik allein deshalb zu einigem Ruhm gebracht, weil sie sich trotz ihres Reichtums ein Auge für Schnäppchen und Sonderposten bewahrt haben.

Und während jenseits des Atlantiks Gordon Gekko auch in „Wallstreet 2“ die „Gier“ für „gut“ befinden durfte, warb hierzulande eine Elektromarktkette zur gleichen Zeit sehr erfolgreich mit dem Slogan „Geiz ist geil“. Dass der Spruch längst Einzug in die Alltagssprache gehalten hat, ist ebenso absurd wie deutsch.

Kein Wunder, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel viel Zuspruch aus der Bevölkerung bekommt, wenn sie die sparsame „schwäbische Hausfrau“ zum Leitbild ihrer finanzpolitischen Vorstellungen erklärt.

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(Griechenland hat bis heute mit einer hohen Arbeitslosenquote zu kämpfen. Quelle: Getty)

Finanzminister Wolfgang Schäubles politische Laufbahn, die Anfang der 70er-Jahre im Bundestag begann, wird sich am Ende auch daran messen lassen müssen, ob er im kommenden Jahr tatsächlich keine neuen Schulden aufnehmen muss.

Allein dieses Wort: Schulden.

Anders als im Englischen gibt es im Deutschen keinen Unterschied zwischen der biblischen Schuld und der Bankschuld. Die Deutschen nehmen sich verschwendetes Geld sehr zu Herzen, Schulden zu haben zeugt in den Augen vieler Bürger auch von Charakterschwäche.

Das muss man vorab verstehen. Denn dies ist das Klima, in dem ein schrecklicher Irrtum entstanden ist. Der Fetisch für die „schwarze Null“ hat dazu geführt, dass ganze Völker in Sippenhaft für die verschwenderische Politik ihrer Regierungen genommen wurden. Die europäische „Austeritätspolitik“ (etwa: „strenges Sparen“) ist unverkennbar ein Kind aus Deutschland.

Wahrscheinlich meinen es viele Deutsche gar nicht einmal böse, wenn sie sich wünschen, dass die südeuropäischen Länder von der EU „gesundgespart“ werden. Es entspricht eben der Mentalität vieler Bundesbürger, Kredite zu meiden und nicht über die eigenen Verhältnisse zu leben.

Der Fehler liegt bei der Politik: Es war verantwortungslos von Angela Merkel, die Lage in Spanien und Griechenland immerzu nur mit dem Bild der „schwäbischen Hausfrau“ zu übersetzen.

Denn wenn der Staat spart, hat das eben nicht nur persönliche, sondern auch gemeinschaftliche Konsequenzen. Das mag harmlos klingen. Die europäische Realität jedoch ist derzeit erschreckend.

Gesundheitspolitik

Besonders drastische Folgen hatte die Sparpolitik im griechischen Gesundheitswesen. Auf Druck der EU musste die Regierung in Athen unter anderem die Zuzahlungen für Medikamente kappen, Vorsorgeuntersuchungen streichen und Operationszuzahlungen kürzen.

In einer Studie wiesen Wissenschaftler aus Cambridge und Oxford im Frühjahr nach, dass die Ausgabenkürzungen messbare Auswirkungen auf die Krankenstatistiken hatten.

- Besonders dramatisch ist die Zunahme der Totgeburten in Griechenland. Zwischen 2008 und 2011 ist deren Zahl um 21 Prozent gestiegen. Experten gehen davon aus, dass dies eine direkte Folge der Kürzungen bei der Schwangerschaftsvorsorge ist. Darüber hinaus sind immer mehr Neugeborene untergewichtig. Die Kindersterblichkeit stieg zwischen 2008 und 2010 um 43 Prozent – auch das ist wahrscheinlich eine Folge der kaputtgesparten Schwangerschaftsvorsorge.

- Die Zahl der Fälle von schwerer Depression ist von 2008 bis 2011 um das Zweieinhalbfache gestiegen. Gaben vor der Krise noch 3,3 Prozent der Bevölkerung in repräsentativen psychologischen Studien an, dass sie Symptome von schwerer Depression zeigen, waren es 2011 schon 8,2 Prozent. Hauptgrund für den Anstieg war die Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung. Gleichzeitig wurden die staatlichen Ausgaben für psychologische Einrichtungen drastisch gedrosselt: um 20 Prozent zwischen 2010 und 2011 und um weitere 55 Prozent zwischen 2011 und 2012.

- Noch im Jahr 2010 infizierten sich lediglich 25 Griechen durch verunreinigtes Drogenbesteck mit HIV. Nachdem die Sparmaßnahmen wirksam wurden, schnellte die Zahl der Neuinfektionen beim Drogenkonsum auf 307 im Jahr 2011 und 484 im Jahr 2012 hoch. Die Forscher sehen einen direkten Zusammenhang mit den Kürzungen bei den Streetworker-Programmen. Außerdem wurde auch bei der Verteilung von sterilen Spritzen gespart.

- Die Zahl der Selbstmorde in Griechenland ist zwischen 2007 und 2011 um 45 Prozent gestiegen.

- Durch Einsparungen bei der Insektenbekämpfung breitet sich Malaria in Griechenland wieder aus.

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(Streik der städtischen Müllentsorgung in Madrid - auch Spanien leidet bis heute unter der EU-Sparpolitik. Quelle: Getty)

Soziales

Durch die Wirtschaftskrise haben viele Menschen in Südeuropa ihren Job verloren. Doch während arbeitslose Menschen in den Ländern Nord- und Westeuropas sich auf ein funktionierendes Sozialnetz verlassen können, hat die Sparpolitik in Südeuropa gravierende Folgen für die ärmsten Teile der Bevölkerung.

Der Staat kann in Portugal, Spanien und Griechenland zum Teil noch nicht einmal mehr für die Grundversorgung der Bevölkerung aufkommen.

- In Portugal ist die Zahl Menschen ab dem 75. Lebensjahr, die im Winter gestorben sind, um zehn Prozent gestiegen. Gut möglich, dass dies mit einer anderen Zahl zusammenhängt: 40 Prozent der alleinlebenden Portugiesen über 65 können es sich nicht leisten, ihre Wohnung im Winter adäquat zu heizen.

- In Spanien lebten 2010 insgesamt 11,2 Prozent der Kinder in Familien, in denen beide Elternteile arbeitslos waren. Auch das Armutsrisiko für spanische Kinder ist drastisch gestiegen.

- Knapp ein Drittel der Kinder in Griechenland sind von Armut bedroht.

- Mittlerweile haben 800.000 Menschen in Griechenland haben keine Krankenversicherung mehr. Das sind gut sieben Prozent der Bevölkerung. Auch das ist eine direkte Folge der Austeritätspolitik: Hunderttausende haben in den Jahren 2009 und 2010 durch Sparmaßnahmen ihren Job verloren, die Krankenversicherung wird aber – anders als in Deutschland – nur zwei Jahre lang vom Staat weitergezahlt. Und im Gegensatz zu Länder wie den USA, in denen eine Krankenversicherung jahrzehntelang nicht selbstverständlich war, ist Griechenlands Gesundheitssystem auf diese Situation nicht vorbereitet.

-„ Ärzte ohne Grenzen“ hat vor zwei Jahren eine Hilfsaktion für Griechenland ins Leben gerufen. Mitten in Europa helfen nun jene Ärzte, deren Arbeit die EU-Bürger meist nur durch die Berichterstattung über Hunger- und Umweltkatastrophen in der Dritten Welt kannten.

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(In Ländern wie Griechenland führte die Finanzpolitik von Brüssel in den vergangenen Jahren immer wieder zu heftigen Protesten - wie hier bei einem Staatsbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Athen im Oktober 2012. Quelle: Getty)

Auswanderung

Die rigide Sparpolitik wirkt nicht nur in der Gegenwart, sie hat auch Konsequenzen für die Zukunft. Hunderttausende Menschen in Südeuropa haben sich schon entschlossen, in der Fremde ihr Glück zu suchen.

- In Spanien und Griechenland sind immer noch gut die Hälfte aller Menschen unter 25 Jahren arbeitslos. Zwar sinkt diese Quote langsam. Doch die Zahl der Auswanderer bleibt hoch.

- Allein im Jahr 2013 wanderten insgesamt 140.000 Menschen aus Spanien, Griechenland und Italien nach Deutschland ein.

- Spaniens Bevölkerung schrumpft erstmals seit Jahren wieder. Zuvor hatte das Land von einem Einwanderungsboom profitiert. Lebten im Jahr 2004 noch 42,9 Millionen Menschen in Spanien, waren es 2012 schon 46,8 Millionen. Seitdem ist die Bevölkerung um rund 300.000 Menschen kleiner geworden. Das ist vor allem auf die verstärkte Auswanderung und die wegen der wirtschaftlichen Situation ausbleibenden Einwanderer zurückzuführen.

- Die meisten Spanier wandern wegen der fehlenden Jobaussichten aus. In einer Studie des Centro de Investigaciones Sociologicas der spanischen Regierung sagten 75 Prozent der potenziellen Auswanderer, dass sie sich von einem Leben in der Fremde bessere Berufschancen versprächen.

- Der größte Teil der spanischen Auswanderer arbeitet in Deutschland unter Qualifikation.

Was der Süden Europas braucht, ist eine Perspektive. Kein Würgegriff, sondern Hilfe zur Selbsthilfe. Weil die Not der Menschen einfach nicht hinnehmbar ist. Weil der Raum für die Entwicklung neuer politischer Konzepte fehlt. Und weil die vielen hoch qualifizierten Auswanderer beim Wiederaufbau der Wirtschaft fehlen.

In Wahrheit wissen die Deutschen ja auch, dass Kredite kein Teufelswerk sind. Wenn sie sich ein Haus bauen, leihen sie sich das Geld in der Regel und zahlen es dann in Form einer Hypothek schrittweise ab. Sogar viele Schwaben machen das so.

Daran sollte sich Angela Merkel ein Beispiel nehmen.

Denn allein durch Sparen ist noch nie etwas Neues entstanden.

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