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8 Ansagen an die Islamhasser in Deutschland und deren naive Anhänger

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ISLAM
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Wenn es einen Satz gibt, der aus der Amtszeit des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff hängen bleiben wird, dann dieser: "Der Islam gehört zu Deutschland".

Was vor drei Jahren noch allzu selbstverständlich klang, wird vor dem Hintergrund des IS-Terrors und hitzig geführter Integrationsdebatten mittlerweile von vielen Millionen Deutschen angezweifelt.

Das Thema scheint dem niedersächsischen Christdemokraten tatsächlich am Herzen zu liegen. Am Dienstag legte Wulff nach.

Der 55-Jährige hielt die Eröffnungsrede des Deutsch-Arabischen Forums Diplomatique im Haus der Industrie- und Handelskammer in Berlin. Dabei appellierte Wulff an die christlichen Deutschen, Andersgläubige nicht wegen ihrer Religion auszugrenzen. „Ich bin sehr wohl besorgt über einige Terroristen, die barbarisch eine Religion zu missbrauchen versuchen, die sich auf den Koran zu beziehen versuchen, obwohl diese Terroristen gegen urislamische Grundsätze verstoßen“, so Wulff.

"Ich finde, wir müssen gerade in dieser Situation an der Seite der Muslime stehen, die sich mit uns gemeinsam, ob nicht gläubig, ob andersgläubig, ob Christen, ob Juden, einsetzen gegen Terror und Gewalt in diesen Ländern.“

Wulff liegt völlig richtig damit, gerade jetzt das Thema wieder in die Öffentlichkeit zu tragen. Zwei Umfragen haben in den vergangene Monaten gezeigt, dass in Deutschland die Panik umgeht. Immer mehr Deutsche sind offenbar willens, den Islam als Religion für den Terror einiger Tausend in Sippenhaft zu nehmen.

Im April veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie, die das grundsätzliche Misstrauen der Deutschen gegen den Islam dokumentierte: 51 Prozent der Deutschen halte die Religion für eine Bedrohung. In Ostdeutschland, wo es kaum Muslime gibt, sind es sogar 57 Prozent.

Im August fragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des "stern", ob der Islam "zu Deutschland gehört", wie es Wulff einst sagte. Insgesamt 52 Prozent lehnten diese Aussage ab.

Keine Frage, es ist gerade in gewissen Kreisen populär, sich "islamkritisch" zu geben. Und doch bleibt es falsch. Warum? Hier sind acht Thesen über den Islamhass in Deutschland.

1. Wer „den Islam“ kritisiert, hat nichts verstanden

Fürs Protokoll: „Den Islam“ gibt es nicht. Auf der ganzen Welt wohnen Menschen muslimischen Glaubens, und wie sie ihren Glauben leben, unterscheidet sich von Region zu Region, von Land zu Land.

Wer denkt, dass der gelebte Islam in Tunesien, Bosnien oder Albanien etwas mit den Parolen des Islamischen Staates zu tun hätte, der glaubt auch, dass Margot Käßmann sich jeden Sonntag mit führenden Vertretern des Ku-Klux-Klans zum Kaffeekränzchen trifft.

2. Politisch motivierte Ausländerkriminalität ist ein Randphänomen

Laut Verfassungsschutzbericht gab es 2013 insgesamt 544 politisch motivierte Straftaten durch Ausländer. Davon waren 167 Gewalttaten, darunter 62 Fälle von Körperverletzung. Gemessen an den mehr als sieben Millionen Ausländern in Deutschland ist dieser Anteil verschwindend gering.

Es gab keinen Mord, keine versuchte Tötung, keine Freiheitsberaubung und nur fünf Fälle von Landfriedensbruch. Im gleichen Zeitraum gab es 473 rechtsradikale Gewalttaten, darunter eine versuchte Tötung und 443 Fälle von Körperverletzung. Die Zahl der rechtsradikalen Gewalttaten stieg 2013 um knapp 20 Prozent an, die Zahl der Fälle von politisch motivierter Ausländerkriminalität fiel um zehn Prozent.

3. In Deutschland gibt es fünfmal so viele Baseballspieler wie Salafisten

Dem Verfassungsschutzbericht zufolge lebten 2013 insgesamt etwa 5.500 Salafisten in Deutschland. Ihr Anteil an den in Deutschland lebenden Muslimen beträgt etwa 0,15 Prozent.

Die in der Bundesrepublik lebenden Salafisten und die Gesamtheit der deutschen Muslime verhalten sich mengenmäßig ungefähr so zueinander wie Wolfsburg und Deutschland, wie Luxemburg und die USA oder wie Belgien und China. Doch genug der Vergleiche.

Einer vielleicht noch: Es gibt in Deutschland knapp fünfmal so viele vereinsmäßig organisierte Baseball-Spieler wie Salafisten.

4. Christian Wulff hatte Recht: Der Islam gehört zu Deutschland

Es ist Zeit, eine Sache einzustehen: Christian Wulff hatte Recht. Nicht nur mit seiner Bemerkung, dass der Islam zu Deutschland gehöre, sondern auch damit, dass er diese Selbstverständlichkeit so betont hat. Denn fast drei Jahre nach seinem Rücktritt zeigt sich, dass es vielen Deutschen schwerfällt, Menschen nicht-christlichen Glaubens auch als Mitbürger zu akzeptieren.

Das ist ein Armutszeugnis für uns. Deutschland war schon immer ein Einwanderungsland – angefangen bei den Hugenotten, über die Ruhrpolen und die Heimatvertriebenen aus Osteuropa bis hin zu den „Gastarbeitern“, den Spätaussiedlern aus Oberschlesien, den Russlanddeutschen und neuerdings den hochqualifizierten Akademikern aus Südeuropa.

Es war ein großer Fehler von Bundeskanzler Helmut Kohl, dies bis zum Ende seiner Amtszeit zu verleugnen. Aber anscheinend lebt der Geist von damals fort.

5. Ja, wir haben Vorurteile. Und das Fernsehen hilft dabei, sie zu verfestigen

Es war ein Auftritt, der vielen Menschen im Gedächtnis geblieben ist: Im September war ein freier Prediger aus Berlin in der Talkshow „Günther Jauch“ zu Gast und fiel durch seine rüde Gesprächsführung derart negativ auf, dass er von der Boulevardpresse den Spitznamen „Quassel-Imam“ verpasst bekam.

Die Diskussion, die sich danach entspann, war bezeichnend: Wieder einmal wurde ein Mann, der aus vielerlei Gründen „anders“ war als der Durchschnittsdeutsche sich seine Stammtischbrüder wünscht, im Namen „des Islam“ in eine Talkshow eingeladen. Und nachher konnten sich alle Zuschauer mit Fremdenangst zufrieden in ihren Sessel zurücklehnen und wohlig stoßseufzen, dass sie es ja schon immer gewusst hatten.

Dass die Lebensrealität der meisten deutschen Muslime eine ganz andere ist, versendet sich da schnell. Bei Jauch hat bis heute übrigens niemand öffentlich Verantwortung übernommen für dieses live ausgestrahlten TV-GAU.

6. Natürlich gibt es Koranstellen, in denen es um Gewalt geht. Na und?

Es wäre lächerlich zu glauben, dass in Deutschland, wo die Bibel immer noch das am meisten verbreitete Buch ist, jeder Nachbarschaftsstreit mit dem Alten Testament ausgeht: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Selbst in den protestantischen Regionen dieses Landes nicht, obwohl Martin Luther doch so viel an der Bedeutung der Heiligen Schrift lag, dass er sie übersetzte und zu maßgeblichen Quelle allen Glaubens erhob. Aber, werden jetzt einige einwenden...

7. Die Islam hat keine Aufklärung erlebt. Und wir so?

Die Aufklärung hat rationales Denken zur Triebfeder jeden Fortschritts erhoben. Große Denker wie Immanuel Kant waren davon überzeugt, dass jeder Mensch vernunftbegabt ist.

Keine Frage, der Bürgerkrieg in Syrien und im Irak hat auch Folgen für die Sicherheitslage in Deutschland. Und natürlich stellen gewaltbereite Radikale jeglichen Glaubens eine Gefahr dar. Warum aber viele Millionen Deutsche eine ganze Weltreligion in Sippenhaft nehmen, weil einige Tausend Menschen den Islam für ihre kranken politischen Ziele missbrauchen – das ist mit Vernunft nicht ansatzweise zu erklären.

Bekäme Kant in seiner Kaliningrader Gruft Nachrichten aus dem heutigen Deutschland, er würde sich im Grabe umdrehen.

8. Richtig: Der Islam wird seit Jahren von Radikalen für die Politik missbraucht. Und wir helfen ihnen dabei

Denn unsere Panik ist ihr größter Lohn. Nur wo radikale Islamisten Angst auslösen, können sie auch Schaden anrichten. So funktioniert asymmetrischer Krieg. Das beste Beispiel dafür sind die USA, in der aus Angst vor dem nächsten Anschlag seit 13 Jahren eine Freiheit nach der anderen abgeschafft wird.

Ähnlich verhält es sich mit dem Islamhass in Deutschland. Wenn Muslime ausgegrenzt werden, sind sie empfänglicher für die Botschaften der Radikalen. Von den Scharfmacherparolen, die seit Monaten immer wieder durch deutsche Zeitungen und Diskussionsforen geistern, profitieren also am Ende nur jene, die tatsächlich Böses im Schilde führen.

Das ist die große Selbstlüge der Islamhasser: Sie wollen Stärke zeigen. Tatsächlich aber haben sie einfach den Schuss nicht gehört.

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