Wie Facebook künftig Wahlen entscheiden könnte

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Diese Schweißperlen. Die Bartstoppeln. Seine fahle, teigige Haut. Immer wieder zeigte die Fernsehkamera Richard Nixon in Großaufnahme. Kurze Zeit zuvor hatte er noch mit einer schweren Knieinfektion im Krankenhaus gelegen, das Scheinwerferlicht bekam ihm nicht. Und im Gegensatz zu seinem Kontrahenten John F. Kennedy hatte er sich geweigert, geschminkt zu werden – das hielt er für unmännlich.

So saßen an diesem ersten Debattenabend vor der US-Präsidentschaftswahl 1960 zwei Politiker gegenüber, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten: Ein juveniler, blenden aussehender Demokrat und ein republikanischer Vizepräsident, der die Kameras zu hassen schien. Halb Amerika sah damals zu. Vor der Sendung führte Nixon in den Umfragen, danach Kennedy. Und so blieb es bis zum Wahltag.

Dieses TV-Duell gilt heute als Wendepunkt in der Mediengeschichte: Seither ist das Fernsehen das bestimmende politische Medium. Zeitungen mochten zwar besser für die Wissensvermittlung geeignet sein. Die bewegten Bilder jedoch schafften gefühlte Fakten. In Fernsehen werden bis Meinungen gemacht, Images geprägt und Karrieren vorbereitet.

Der Wendepunkt ist nah - sagt Buzzfeed

Glaubt man dem amerikanischen Online-Magazin „Buzzfeed“, könnte es jedoch schon bald damit vorbei sein. Redakteur Ben Smith glaubt, dass schon im Präsidentschaftswahljahr 2016 soziale Medien die Funktion übernehmen, die bisher den Fernsehspots zu kam. Der Markt für den Fernsehwahlkampf ist riesig. Im Jahr 2012 investierten allein die beiden Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und Mitt Romney insgesamt 2,4 Milliarden Dollar In TV-Werbung.

Das habe zum einem mit der schieren Größe der Userschaft zu tun: Etwa 185 Millionen Menschen nutzen in den USA Facebook. In Deutschland sind es etwa 25 Millionen. Zum anderen hätten die Midterm-Elections in den USA gezeigt, dass immer mehr Menschen miteinander via Facebook über Politik austauschen: 43 Millionen User seien an solchen Diskussionen beteiligt gewesen.

„Schon jetzt kann ein grob geschnitztes aber wirkungsvolles Video binnen einiger Stunden mehr Wähler erreichen als eine für viele Millionen Dollar eingekaufte Fernsehkampagne. Außerdem bekommen die Wähler dieses Video von einer vertrauensvollen Quelle, nämlich ihren Freunden, und eben nicht von dubiosen Sendern, die immer noch Einbahnstraßenkommunikation betreiben“, so Smith.

Nicht nur datenschutzrechtliche Bedenken

Deshalb will Buzzfeed nun auch auf Facebook-Daten zugreifen, um so genannte Sentiment-Analysen zu erstellen: Dabei geht es etwa darum, wir häufig sich User positiv oder negativ über einen Kandidaten oder ein Thema äußern. Eine entsprechende Vereinbarung wurde bereits mit dem Zuckerberg-Konzern geschlossen. Es ist ein vielversprechendes Pilotprojekt, das aber auch noch einige Hürden überwinden muss.

Kritiker sehen nicht nur datenschutzrechtliche Probleme. In der Vergangenheit hat Facebook auch immer politisch heikle Posts gelöscht. Allen voran in Indien, wo im ersten Halbjahr 2014 fast 5.000 Postings wieder verschwanden, weil sie etwa Gesetze zum Schutze von Religion und Staat verletzten.

Aus ähnlichen Gründen ließen auch türkische Behörden fast 1.900 Postings löschen. Nicht nur, dass dadurch Inhalte verloren gingen. Die Zensur hat auch eine abschreckende Funktion auf alle, die sich kritisch äußern würden, aber sich letztlich nicht mehr trauen: die Schere im Kopf eben.

In Deutschland funktionieren die sozialen Netzwerke anders

In Deutschland freilich könnte es noch etwas dauern, bis Facebook und Twitter die Meinungsmacht des Fernsehens brechen. Davon ist der Politik- und Digitalberater Martin Fuchs überzeugt. Der 35-jährige Wahl-Hamburger hat in Deutschland Pionierarbeit auf dem Gebiet der politischen Kommunikation in sozialen Netzwerken geleistet.

„Es ist schon länger so, dass soziale Medien in den USA Stimmungsumschwünge nachzeichnen können. In Deutschland ist das alles noch nicht so weit", so Fuchs. „Zum einen sind weit weniger Menschen in den sozialen Medien aktiv. In Amerika nutzen weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung Facebook, und Deutschland weniger als ein Drittel. Außerdem scheuen sich viele Deutsche davor, öffentlich über politische Positionen zu reden.

Amerikaner kleben sich während des Präsidentschaftswahlkampfs millionenfach Werbesticker an die Stoßstange. Und sie stellen sich politische Plakate in ihren Vorgarten. Das wäre in Deutschland undenkbar. Übrigens ist das auch ein Grund dafür, warum Twitter hierzulande bisher nicht so recht funktioniert.“

Eine Ausnahme bildet hier die AfD. Sie habe es geschafft, „jene fünf bis sechs Prozent der Deutschen für sich zu mobilisieren, die ihre Meinungen nicht in der Öffentlichkeit repräsentiert sehen.“ Den Elitenkritikern fällt es also leichter, eine eigene Community zu bilden. Weil sie sich ohnehin schon hintergangen fühlen vom Establishment.

Konsens funktioniert in den sozialen Netzwerken nicht

„Fairerweise muss man aber sagen, dass das bei der AfD besser funktioniert als bei den Volksparteien“, so Fuchs weiter. „Mit pointierten Meinungen ist es leichter, ‚Likes’ zu bekommen als mit den Positionen von politischen Sammlungsbewegungen. Wann man in den sozialen Medien Aufmerksamkeit bekommen will, ist Konsens kein Zukunftsmodell.“

Und ob man aus sozialen Netzwerken mit Hilfe von Sentiment-Analysen auch die politischen Stimmungsänderungen ablesen kann? Daran zweifelt Fuchs. Es sei immer noch schwierig, den Postings auch die richtige politische Tendenz zuzuordnen. Zum Beispiel sei es schwierig, Ironie zu erkennen. Aber gerade die Ironie sei ein prägendes Charakteristikum für Social-Media-Kommunikation.

Der Nixon-Moment der Facebook-Ära dürfte also noch ein wenig auf sich warten lassen. Dass er irgendwann kommen könnte, ist durchaus möglich.

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