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Wie viel Faschismus steckt wieder in den Köpfen der Deutschen?

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NAZI
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In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben einige Unbelehrbare das Tor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ der KZ-Gedenkstätte Dachau gestohlen. Wie kein zweites Symbol steht dieser Spruch für den Vernichtungsterror, den unsere Vorfahren über Europa gebracht haben. Er ist blanker Hohn für alle gewesen, die der Nazi-Herrschaft zum Opfer gefallen sind.

Millionen von Menschen hat die Arbeit in den Menschentötungsfabriken nicht frei gemacht, sondern einen langsamen, qualvollen Tod beschert. Wir Nachgeborenen sind nicht schuld an den Verbrechen, aber wir tragen die Verantwortung dafür, dass sich so etwas niemals wiederholen kann. Auch deshalb gibt es solche Gedenkstätten: Sie sind Tatorte.

Jeder Firmeneingang wird heute von Kameras überwacht. Bloß das Tor von Hitlers erstem Konzentrationslager nicht. Bereits vor fünf Jahren wurde das Museum Auschwitz auf ähnliche Weise geschändet. Diebe schnitten im Auftrag eines irren schwedischen Kunsthehlers den „Arbeit macht frei“-Schriftzug, den einst ein Häftling schmieden musste, aus dem Eingangstor heraus. Es ist also nicht so, dass man das alles nicht hätte ahnen können.

Schlimmer als die Schlamperei sind die Reaktionen

Noch schlimmer aber als diese unfassbare Schlamperei ist, was durch die Reaktionen auf den Diebstahl von Dachau deutlich wird: Es gerät etwas ins Rutschen in Deutschland.

Wir verlernen gerade, mit der Verantwortung für die Verbrechen der Nationalsozialisten umzugehen. Man braucht sich nur einmal kurz auf den entsprechenden Nachrichtenseiten im Netz umzusehen, um das zu erkennen. Es ist eine Schande, wie gedankenlos viele Deutsche mittlerweile daherplappern.

Die „Bild“-Zeitung und „Spiegel Online“ deaktivierten sicherheitshalber gleich ganz die Kommentare zu den entsprechenden Artikeln über den Fall Dachau. Beide Medien verzichteten auch darauf, das Thema auf ihren Hauptkanälen in den sozialen Netzwerken zu verbreiten.

Userin fordert, KZ-Gedenkstätten abreißen zu lassen

Bei der „Zeit“ sah sich die Social-Media-Redaktion gezwungen, mäßigend auf ihre User einzuwirken. Auf der Facebook-Seite der "Süddeutschen Zeitung" ergoss sich die Soße ungehindert ins Netz. Einer der Kommentare mit den meisten Likes kam von der Userin „Julia Spe“. Sie schrieb:

„Warum nicht die KZs endlich abreißen und dort etwas weniger Menschenfeindliches aufbauen?“

Und weiter: "Es sollten sich die schämen, die mit dem KZ-Tourismus den großen Reibach machen. Auschwitz verkommt zu einem Neuschwanstein des Grauens, das kann es doch wirklich nicht sein."

Das alles mit dem Wort „Bullshit“ zu beschreiben würde sicherlich zu kurz greifen. Nicht nur, dass es immer noch Überlebende wie Max Mannheimer gibt, die nach der Schändung der KZ-Gedenkstätte Dachau fassungslos sind und sich wohl fragen, wie so etwas im ach so aufgeklärten Deutschland des Jahres 2014 möglich ist.

Applaus für eine geballte Ladung Blödsinn

Es deutet auch auf eine noch vor zehn Jahren kaum denkbare Geschichtsvergessenheit der Deutschen hin, wenn eine Userin für so eine geballte Ladung Blödsinn noch Applaus bekommt. Offenbar steigt die Zahl derer, die jetzt gerne mal einen Schlussstrich ziehen würden. Nach dem Motto: Genug mit Auschwitz und den Leichenbergen. Kennen wir alles aus dem Schulunterricht.

Dabei profitieren die Geschichts-Legastheniker von einer Debattenkultur, die eben nicht nur durch das böse Internet, sondern auch durch dahinsiechende Politklima in der Merkel-Ära auf den Hund gekommen ist.

Natürlich spricht sich die Kanzlerin bei jeder passenden Gelegenheit für das Erinnern aus. Das ist auch gut so. Aber eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Rolle in der Geschichte findet schon seit Jahren nicht mehr statt.

Dabei hätte es gerade in diesem Jahr genug gute Anlässe gegeben, an frühere Diskussionen anzuknüpfen: Den 75. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs etwa, 70 Jahre nach dem D-Day, 70 Jahre nach dem Hitler-Attentat, 75 Jahre nach der Einverleibung der Tschechoslowakei, 70 Jahre nach dem Ausbruch des Warschauer Aufstandes.

Im Zeichen der Merkel-Raute denkt es sich bequem

Doch im Zeichen der seelenruhig schaukelnden Kanzlerinnen-Raute lebt und denkt es sich eben sehr bequem. Und wer sich standhaft weigert, kontroverse Wahlkämpfe zu bestreiten, muss sich nicht wundern, dass am Ende jene die Debattenhoheit gewinnen, die genau das Gegenteil von dem wollen, was richtig ist.

Auch dadurch ist die AfD zum Sammelbecken all jener geworden, die schon immer für den Schlussstrich waren. Sie wittern gerade die Chance. Ihre wirren Thesen haben es im Sommer bis ins Wahlprogramm der sächsischen AfD geschafft, die den Geschichtsunterricht auf die „positiven Aspekte“ der deutschen Geschichte lenken will – konkret auf das 19. Jahrhundert und die Befreiungskriege.

Ins Bild passt auch jener schleswig-holsteinische AfD-Politiker, der eine unsägliche Debatte über die Existenz von Gaskammern im KZ Dachau initiiert hat. Der Mann glaubt, die Alliierten hätten sie gebaut.

Das Problem reicht bis weit in die Gesellschaft hinein

Aber das Problem geht noch viel tiefer, als es die AfD und ihre Revisionisten-Bataillone vermuten lassen. Der Keim der Fäulnis steckt in den Köpfen von vielen Millionen Deutschen. Darunter auch junge und gut gebildete Bürger.

Eine Umfrage unter Jura-Studenten der Unis Erlangen und Konstanz ergab erst kürzlich, dass mehr als 50 Prozent der Nachwuchsjuristen Folter in bestimmten Fällen befürworten würden. Ein Drittel ist gar für die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Beide Forderungen richten sich gegen den ideellen Kern des Grundgesetzes, das seit 1949 Folter und Todesstrafe gerade deswegen verbietet, weil die Achtung der Menschenwürde die wichtigste Lehre aus den Verbrechen der Nationalsozialisten war und ist.

In eine ähnliche Richtung geht auch eine Studie der Bundesregierung, die kürzlich vom „Spiegel“ veröffentlicht wurde. Repräsentativ ausgewählte Studenten aus ganz Deutschland wurden nach ihren politischen und gesellschaftlichen Überzeugungen gefragt.

Hälfte der Studenten ist gegen Einwanderung

Die Hälfte von ihnen unterstützte die These, dass Deutschland mit der Integration der Ausländer derzeit überfordert sei. Die längst in der wohl verdienten politischen Versenkung verschwundenen „Republikaner“ müssten vor Freude hüpfen: Ihr Slogan „Das Boot ist voll“ ist mit 25 Jahren Verspätung endlich unter jungen Deutschen mehrheitsfähig geworden. Die Verfassungspatrioten dürfte das angesichts der Flüchtlingsströme aus Syrien entsetzen. Denn das Grundrecht auf Asyl ist auch eine direkte Lehre aus der Verfolgungsgeschichte der Nazi-Zeit.

Was genau ins Rutschen geraten ist, lässt sich beschreiben, aber noch nicht genau definieren. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass wir allzu überzeugt davon waren, dass das Böse immer eine Glatze hat und Springerstiefel trägt.

Darüber haben wir das Wesentliche vergessen: Dass Entmenschlichung der Anfang von allem Übel ist. Und dass das Böse manchmal auch in Flickenjeans oder Seidenbluse gekleidet ist.

Wenn jetzt also wieder darüber diskutiert wird, KZ-Gedenkstätten zu planieren und den Holocaust zu einem Randthema im Schulunterricht zu machen, sind das sichere Indizien dafür, dass uns langsam das menschlichste aller Gefühle verloren geht. Das Mitgefühl nämlich. Und das ist kein gutes Zeichen für Deutschland.

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