Die Deutschland-Blase - das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DEUTSCHLAND BLASE GERSEMANN
Die Deutschland-Blase - das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation | Getty
Drucken

Die Zukunft von Deutschland ist weniger rosig, als uns Politiker gerade erklären wollen. Eine Reihe von Büchern beschäftigt sich derzeit genau damit. Eines der lesenswertesten zum Thema ist derzeit das Buch des Journalisten Olaf Gersemann.

„Fast alle Phänomene, die für die Euphorie bei der Entstehung herkömmlicher Spekulationsblasen kennzeichnend sind, lassen sich auch in Deutschland beobachten. Wir sind zuversichtlich wie lange nicht ob des vermeintlichen Wirtschaftswunders, das über das Land gekommen ist, und können uns schon nicht mehr vorstellen, dass es in absehbarer Zeit enden wird.

Die Zuversicht ist so ansteckend, dass vor der Bundestagswahl 2013 nicht einmal die Opposition die Existenz des Wirtschaftswunders ernsthaft in Frage stellte – es ging ihr eher um die Verteilung seiner Früchte. Selbst Peer Steinbrück, damals ein führender Kopf der noch oppositionellen SPD, bezeichnete Deutschland als „Kraftwerk“.

Auch Cheerleader haben sich längst gefunden. Bert Rürup zum Beispiel, Koautor des Buches „Fette Jahre“. Der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – der sogenannten Fünf Weisen – geht „so weit zu sagen, dass Deutschland beim Pro-Kopf-Einkommen in den nächsten 20 Jahren (…) auch die USA (…) abhängen wird“. Eine wahrhaft tollkühne Behauptung, die nur Realität werden kann, wenn Amerika in eine Phase permanenter Stagnation gerät. Oder wenn die Wachstumsraten pro Kopf in Deutschland zwei Jahrzehnte lang ein Vielfaches des amerikanischen Wertes erreichen. Das allerdings wäre dann wirklich im Wortsinne: ein Wirtschaftswunder.

Probleme, die eigentlich offenkundig sind, die aber die Party stören könnten, werden heruntergespielt: Auch das gibt es bereits. So ist kaum zu bestreiten, dass die dramatisch schwache Entwicklung bei den öffentlichen und vor allem den privaten Investitionen das Wachstum unserer Wirtschaft gebremst hat und die Aussichten eintrübt. Umso größer ist das Bemühen, das Phänomen kurzerhand wegzurechnen. Offizieller Standpunkt des Bundeswirtschaftsministeriums in dieser Frage ist, dass die „Investitionsquote in Deutschland (…) dem Entwicklungsstand unserer Volkswirtschaft ungefähr angemessen“ sei. Für „alarmistische Meldungen“ bestehe „somit kein Anlass“.

Es gibt noch drei weitere Phänomene, die nicht unbedingt typisch sind für die euphorische Phase von Blasen, die sich aber dem irrationalen Überschwang, der uns ereilt hat, zuordnen lassen. Alle drei hängen miteinander eng zusammen: Da ist, erstens, unser Hochmut gegenüber Dritten, die mangelnde Bereitschaft, unvoreingenommen und ohne Überheblichkeit über den Tellerrand zu schauen. Da ist, zweitens, unsere Neigung, alle möglichen Sonderwege, die wir gehen, vorbehaltlos als Stärken zu deuten. Und da ist, drittens, das Bestreben, uns selbst zum Musterknaben für die Welt zu erklären.

deutschland blase gersemann

Wie man unsere Volkswirtschaft zu einer „Wachstumslokomotive“ für andere Länder erklären kann, lässt sich ökonomisch kaum begründen. Eher schon psychologisch. Einer, der etwas davon versteht, ist ein herausragender junger deutscher Professor aus Köln: Axel Ockenfels, ein Experimentalökonom. „In der Verhaltensforschung beobachten wir immer wieder den sogenannten Status-quo-Effekt“, sagt Ockenfels. „Ob Menschen zufrieden sind, bemisst sich nicht danach, was sie schon erreicht haben – sondern danach, wie sich der Ist-Zustand verändert.“

Die Folge, so Ockenfels weiter: „Ob eine Wachstumsprognose für das kommende Jahr als hoch empfunden wird, richtet sich wesentlich danach, wie hoch das Wirtschaftswachstum heute ist – und weniger danach, wie das prognostizierte Wirtschaftswachstum etwa im historischen Vergleich eigentlich objektiv einzuordnen ist.“ Früher oder später, mit anderen Worten, gewöhnt man sich an alles.

Und Ockenfels nennt noch ein zweites psychologisches Phänomen, das vermutlich im Spiel ist: den sogenannten self-service bias. Der besteht in „der Neigung des Menschen, einen Maßstab so zu wählen, dass bei einem Vergleich ein erfreuliches Ergebnis herauskommt“. So lässt sich wohl auch erklären, warum zum Jahreswechsel 2013/14 schon Wachstumsprognosen von im Durchschnitt rund 1,5 Prozent reichten, um Politiker wie Ökonomen von einem bevorstehenden „kräftigen“ Aufschwung schwärmen zu lassen.

Wir haben uns die Latte niedrig gelegt – sehr niedrig. Offenkundig befinden wir uns in Deutschland dort, wo der spätere Nobelpreisträger Paul Krugman Amerika 1990 in einem gleichnamigen Buch wähnte: in „The Age of Diminished Expectations“ – dem Zeitalter der geschwundenen Erwartungen.“

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus:

Olaf Gersemann: Die Deutschland-Blase. Das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation. Deutsche Verlags-Anstalt, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-421-04657-4.

2014-10-31-Bildschirmfoto20141031um11.43.10.png

Info zum Autor:


Olaf Gersemann, Jahrgang 1968, ist Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen der Welt-Gruppe (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt digital). Zuvor war er Auslandschef der Financial Times Deutschland (2005–2007) und Washington-Korrespondent der Wirtschaftswoche (1999–2005). Für seine Arbeiten wurde er u. a. mit dem Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik und dem Herbert-Quandt-Medienpreis ausgezeichnet.


Schnelle Nachrichten, spannende Meinungen: Kennen Sie schon die App der Huffington Post?

Sie können sie rechts kostenlos herunterladen.

Get it on Google Play


Video: Kurz erklärt: Quantitative Easing: So funktioniert die Wunderwaffe der EZB


Korrektur anregen