Huffpost Germany

Ulfkotte bleibt bei seinen Verschwörungstheorien - und die Huffington Post legt nach

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ULFKOTTE
Youtibe
Drucken

Vor einigen Tagen berichtete die Huffington Post über einen Auftritt des Journalisten Udo Ulfkotte im russischen Staatsfernsehen.

Auf „RT“ durfte er fast eine Viertelstunde darüber berichten, wie Geheimdienste und Politik deutsche Medien manipulieren. Der Verdacht liegt nahe, dass Ulfkotte in diesem Fall selbst Opfer einer Inszenierung wurde. Oder bereitwillig mitgespielt hat.

Die Resonanz im Netz war groß. Der Text wurde als „Stuss“ bezeichnet, wahlweise auch als „Blamage“.

Udo Ulfkotte behauptet weiterhin, er habe als FAZ-Journalist über bestimmte Themen nicht berichten dürfen.

Konkret nennt er den Einsatz von mit deutscher Hilfe produziertem Giftgas im Irak. Im Juli 1988 habe man ihn dorthin geschickt, um „Fotos zu machen“. Im August 1988 sei dann ein kleines Foto erschienen. Dass es nicht mehr war, empört ihn bis heute. Über die konkrete Begründung dafür schweigt er sich weiterhin aus.

Manchmal sind es nämlich nicht die großen Verschwörungen, die Berichterstattung verhindern, sondern einfache redaktionelle Qualitätssicherungsmechanismen. War es vielleicht der Mangel an Beweisen? Oder die unsichere Quellenlage?

Ein Beispiel aus der Gegenwart: Als im Sommer letzten Jahres Hunderte Syrer durch einen Giftgas-Einsatz ums Leben kamen, hat es Wochen gedauert, um die nötigen Indizien zu sammeln und auszuwerten, die auf eine Beteiligung der syrischen Armee hindeuteten.

Eindeutig bewiesen ist bis heute nicht, wer die mit Kampfstoffen befüllten Raketen abschoss. Es wäre mehr als respektabel, wenn Ulfkotte als Einzelkämpfer während einer Recherchereise mehr Belege zusammengesammelt hätte als ein ganzer Trupp von mit modernster Technik ausgestatteten UN-Inspekteuren und Laborwissenschaftlern im August und September 2013. Doch das nur am Rande.

Deutsche Beteiligung am irakischen Giftgasprogramm ist lange bekannt

Denn viel wichtiger ist die Annahme, die Ulfkotte ebenfalls in dem Interview äußert: Dass die deutsche Beteiligung an dem Giftgasprogramm Saddam Husseins aufgrund von Berichterstattungsverhinderung auf höchster redaktioneller Ebene bis heute weitgehend unbekannt ist, wie er im russischen Staatsfernsehen behauptete. Das ist einfach nicht wahr.

Nicht nur, dass die Zeit bereits im Januar 1989 über das „Auschwitz im Wüstensand“ berichtete und dass der „Spiegel“ ab Mitte 1989 kontinuierlich und über Jahre den Fall begleitete. Der Journalist Hans Leyendecker beschäftigte sich damit schon 1991 in seinem Buch „Exporteure des Todes“. Zum 25. Jahrestag des Giftgas-Massakers an den Kurden erschienen in vielen Medien Artikel, die deutsche Beteiligung thematisierten.

In Michael Wolffsohns Standardwerk zur Geschichte Israels wird explizit beschrieben, welche Angst die Bewohner Jerusalems und Tel Avivs während des zweiten Golfkriegs vor dem deutscher Hilfe produzierten Giftgasarsenal hatten. Außerdem hat sich die RTL-Journalistin Antonia Rados dem Thema in ihrem 2003 auf arte ausgestrahlten Dokumentarfilm „Unser Freund Saddam“ gewidmet. Und das sind nur einige wenige der seit Jahren und Jahrzehnten zugänglichen Quellen.

Vielleicht sind es solche Details, die den Eindruck verstärken, dass sich Ulfkotte vor den Karren der russischen Propaganda hat spannen lassen.

Westliche Medien haben sich in diesem Fall nicht fremdsteuern lassen

Die Journalistin Tara Hill sprang Ulfkotte später zur Seite. Sie behauptete, dass die Zeitspanne zwischen Ulfkottes Recherchereise und der nachweisbaren Berichterstattung in Deutschland durch die „Zeit“ eine „Ewigkeit im Medien-Business“ sei. Ihre Theorie: Nach Ende des Irak-Krieges wandelte sich Saddam Hussein von einem Verbündeten Amerikas zu einem Feind.

Das ist erst einmal nicht falsch. Doch alle Schlüsse, die Hill aus diesem politischen Prozess zieht, kann man nur verstehen, wenn man ein Fan von Verschwörungstheorien ist.

Angeblich, so Hill, sei das Aufkommen der Berichterstattung über den Giftgaseinsatz eine politische Konspiration. Medien seien von der Politik instrumentalisiert worden, den Krieg gegen Hussein vorzubereiten. Die Verwendung chemischer Kampfstoffe sei im Nachhinein zum „Casus Belli“ geworden. Und Medien zum Werkzeug der Kriegsführung.

Etliche Berichte über das Thema vor Ende des ersten Golfkriegs

Abgesehen davon, dass dies eine sehr grob geschnitzte Zusammenfassung der politischen Entwicklungen ist – die politische Lenkung von Medien ist in diesem Fall nachweisbar falsch.

Schon im Jahr 1984 hat die New York Times über eine mögliche deutsche Beteiligung an der Herstellung von chemischen Kampfstoffen berichtet. Das war Jahre vor dem vermeintlichen außenpolitischen Bruch mit dem Irak und der angeblich danach einsetzenden politischen Umpolung der Medien.

Wörtlich heißt es in dem Text:
„But it is difficult, an official said, for the United States to try to persuade West German, Japanese and other European countries that have exported such compounds to Iraq to bar the export of the chemicals if the United States does not move first against American companies. In West Germany, officials said they did not believe that a pesticide laboratory a German company sold to Iraq was now producing nerve gas, but they acknowledged that it theoretically could be changed for that purpose.“

Auch deutsche Medien berichteten

Erste Berichte über den Einsatz von Giftgas durch die Iraker gegen den Iran stammen aus dem gleichen Jahr.
Auch der Spiegel berichtete darüber. Und die Zeit. Beide jeweils schon im Jahr 1984. In der Zeit wird sogar der Vorwurf thematisiert, den die New York Times gegen die Bundesregierung erhoben hat: Dass deutsche Firmen an der chemischen Aufrüstung des Iraks beteiligt seien. Zitat: „Das Dementi kam schnell.

Zu schnell? Kaum war die "New York Times" am Freitag vorletzter Woche erschienen, da wußte die Bonner Welt schon: „Kein Giftgas mit deutscher Hilfe. Bonn widerlegt Vorwurf aus den USA.“ Das Blatt mit dem intimen Verhältnis zur Bundesregierung berichtete: „Amerikanische Behauptungen über angeblich mit deutscher Hilfe in Irak hergestellte Giftgase haben sich als Falschmeldung erwiesen. Bonner Regierungskreise gehen davon aus, daß die in der New York Times veröffentlichten Informationen von interessierter Seite mit Stoßrichtung gegen die Nahostpolitik der Bundesrepublik lanciert worden sind.“

Anfang Juli 1988 finden sich Berichte über iranische Soldaten, die mir Gasverletzungen in deutschen Krankenhäusern behandelt werden.

Im September 1988 verurteilt die Washington Post in einem Meinungsartikel den Einsatz von Massenvernichtungswaffen im Irak als „Genozid“.

Und ebenfalls im September 1988 beschuldigt die New York Times die Bundesrepublik Deutschland sich „gedankenlos“ am Tod von Kurden und Iranern bereichert zu haben.

Wörtlich: „Indeed, France sold the planes and trained the pilots presumably used in bombing Kurdish villages. Britain, also commercially interested in Iraq, is similarly mute. So is West Germany, the careless seller of insecticide plants believed to have been used to produce chemical weapons.“

Wir brauchen Dialog und keine falsche Fundamentalkritik

Kurz: Es stimmt einfach nicht, dass Saddam Hussein erst mit Ende des ersten Golfkriegs in die Kritik der westlichen Medien geraten wäre. Und die Behauptung, dass sich Zeitungen und Magazine von den Regierungen haben einspannen lassen, ist doppelt absurd. Im Gegenteil: Sie haben Hussein kritisiert, als er noch ein Verbündeter des Westens war.

Auch Ulfkottes Theorie vom „Berichterstattungsverbot“ deutscher Medien zu diesem Thema kann man getrost verwerfen.

Video: Geheimnis gelüftet: Der “Klemmbrett-Mann” trug keinen Ebola-Schutzanzug - aus guten Gründen



huffpost icon Schnelle Nachrichten, spannende Meinungen: Kennen Sie schon die App der Huffington Post?

Sie können sie rechts kostenlos herunterladen.
Get it on Google Play