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Deutschland nimmt die meisten Flüchtlinge in Europa auf – das sollte uns keine Angst machen

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Deutschland nimmt die meisten Flüchtlinge in Europa auf – und das ist gut so | Getty
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Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat Alarm geschlagen: "Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat Europa nicht mehr solche Flüchtlingszahlen erlebt", sagte er. Oder anders: In Deutschland wurden im laufenden Jahr bis Ende Juli 94.200 Asyl-Anträge gestellt.

In Portugal dagegen waren es ganze 210, in Spanien 2640, in Griechenland 5735 und in Italien 30.755. Im vergangenen Jahr gingen bei den EU-Südländern gemeinsam etwa genauso viele Asylanträge ein wie in den bevölkerungsreichsten Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Bayern.

Asylzahlen auf Rekordniveau

Die Zahlen des Europäischen Statistikamtes Eurostat, die der "Welt" vorliegen, zeigen: In Deutschland steigen die Asylzahlen auf Rekordniveau, während viele europäische Länder deutlich weniger Flüchtlinge aufnehmen.

Deutschland ist, das kann man sagen, so etwas wie das Flüchtlingsheim Europas. Würde man die Staaten in einer Rangliste ordnen, läge Schweden auf Platz 2, mit 41.250 Flüchtlingen – weniger als halb so vielen wie Deutschland.

Diese Situation stellt Deutschland vor riesige Probleme. Esslingen in Baden-Württemberg ist der erste deutsche Landkreis, der laut „Welt“ nun die Tore geschlossen hat, weil kein Platz für Asylbewerber mehr geschaffen werden kann, es gebe keine Unterkünfte. Nur wenn ein Flüchtling den Landkreis verlässt, kann ein Nachrücker seinen Platz einnehmen.

„Menschenunwürdigen Bedingungen"

In München sucht man mit Hochdruck nach einer Lösung zur Unterbringung der immer neu eintreffenden Asyl-Suchenden. Eine Idee ist, sie vorläufig in Oktoberfestzelten unterzubringen, wo sich kürzlich noch Menschen aus aller Welt betranken.

Es mangele in der Erstaufnahmeeinrichtung an Personal, Schlafplätzen, Lebensmitteln und Decken, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). "Das führt zu menschenunwürdigen Bedingungen – das kann und werde ich in meiner Stadt nicht akzeptieren."

So wie München geht es noch vielen anderen Städten und Gemeinden. Deutschland sei „nicht weit weg“ von einer Flüchtlingskrise, hat der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann kürzlich gesagt.

Extreme Personalnot

Und trotzdem ist Hysterie die falsche Reaktion, weil sie nur Vorbehalte gegen Ausländer schürt, aber nicht weiterhilft. Auch ein Aufnahmestopp, wie er immer häufiger gefordert wird, ist nicht die richtige Antwort.

Das Problem kann nur gelöst werden, indem Deutschland Flüchtlinge als Chance sieht und Strategien findet, die nicht Abschottung, sondern Perspektive zum Ziel haben.

Bei einer klugen Einwanderungspolitik könnten die nachwuchsarmen Europäer einen riesigen Vorteil aus der zunehmenden Migration ziehen, stellten beispielsweise Forscher des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung erst kürzlich fest – indem man auf Migranten als Arbeitskräfte setzt.

Denn durch den demografischen Wandel droht Deutschland in den kommenden Jahren eine extreme Personalnot. Mit Blick auf die Zukunft des Landes gelte es, viel gezielter als bisher Fachkräfte in Afrika anzuwerben und über die regulären Einwanderungsmöglichkeiten zu informieren – damit solche potenziellen Arbeitskräfte künftig ganz legal hierher kommen, fordert das Berlin-Institut.

Politik ist ungerecht

Vor allem gut ausgebildete junge Menschen machten sich nämlich bislang auf den oft illegalen Weg nach Europa.

Hilfreich sind in der Flüchtlings-Debatte auch Vorschläge wie der, Schutzsuchende vorübergehend zuhause aufzunehmen. Sicher, nur wenige werden ihm folgen. Wichtig ist es dennoch, Vorschläge zu entwickeln, die über die bekannten Abwehr-Mechanismen hinausreichen.

Den Wunsch deutscher Politiker, Asylbewerber nach einer Quote auf die EU-Staaten zu verteilen, werden die anderen EU-Innenminister jedenfalls wohl nicht erfüllen. Das mag ungerecht erscheinen, und vielleicht ist es das auch.

Aber Deutschland ist in vielerlei Hinsicht Aushängeschild Europas. Warum nicht auch hier?

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