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Wie sich der deutsche Journalist Udo Ulfkotte vom russischen Staatsfernsehen vorführen lässt

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ULFKOTTE
Youtube/RT
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Dreizehn Minuten Sendezeit sind im Fernsehen eine halbe Ewigkeit. So viel Raum gewährt man normalerweise nur Menschen, die etwas ganz Besonderes zu sagen haben.

Der russische Staatssender "RT" hatte wohl genau das im Sinn, als er dem deutschen Journalisten Udo Ulfkotte die Gelegenheit gab, über die deutschen Medien auszupacken. Im Netz wird er jetzt als "Whistleblower" gefeiert, das Video hat schon mehr als 30.000 Klicks.

Doch es lohnt sich ein näherer Blick auf die Person Ulfkotte. Denn so schillernd wie einst seine Medienkarriere verlief: In den vergangenen Jahren hat sich der Mann mit kaum nachzuvollziehender Inbrunst selbst ins Abseits geschossen.

Knapp 20 Jahre lang arbeitete Ulfkotte für deutsche Leitmedien als Geheimdienstexperte, pflegte enge Kontakte zur Konrad-Adenauer-Stiftung. Ab 2006 machte er sich als rechtspopulistischer Politiker und „Islam-Kritiker“ einen Namen.

So trat er unter anderem der Partei „Bürger in Wut“ bei und warnte vor einer "Islamisierung" Deutschlands. Seit 2008 erscheinen seine Bücher ausschließlich in dem für verschwörungstheoretische Inhalte bekannten „Kopp-Verlag“, für den auch Eva Herman publiziert.

Ulfkotte wirft deutschen Journalisten in dem Video vor, dass sie mit Mitteln der Manipulation und der Propaganda einen Krieg gegen Russland voran treiben würden. Deutsche Journalisten seien bestochen worden, um ihr Publikum zu betrügen. Neben Politikern seien Journalisten die treibenden Kräfte hinter neuen Kriegen. Deutschland sei eine „Bananenrepublik“ und kein demokratisches Land mehr.

Als einzigen überprüfbaren Beleg für diese These bietet er in dem offenbar zusammengeschnittenen Video-Monolog ein persönliches Erlebnis aus dem Jahr 1988. Damals sei er in den Irak geschickt worden, um über die Giftgasangriffe Saddam Husseins auf die iranische Armee zu berichten.

Dabei habe er herausgefunden, dass Hussein Giftgas aus deutscher Produktion einsetzte. Doch bis auf einen kleinen Artikel in der FAZ (für die Ulfkotte damals arbeitete) habe sich niemand getraut, darüber zu berichten, wie mehr als 40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs tausende Menschen durch deutsche Waffen starben

Was richtig ist: Tatsächlich hat Saddam Hussein großflächig Giftgas eingesetzt, sowohl gegen die Kurden als auch an der iranischen Front. Dabei handelte es sich um Kampfstoffe, die nur mit Hilfe deutscher Firmen produziert werden konnten.

Grober Unfug

Was Unfug ist: Dass sich in Deutschland niemand getraut hätte, darüber zu schreiben, dass das verwendete Giftgas mit deutscher Hilfe produziert wurde. Die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ berichtete schon im Januar 1989 über das „Auschwitz im Wüstensand“ und die Vermutungen über eine deutsche Beteiligung an der Giftgasproduktion.

Leiter des Ressorts Außenpolitik war zu diesem Zeitpunkt übrigens ein gewisser Josef Joffe, damals wie heute ein bekannter Transatlantiker. Für Verschwörungstheoretiker mag das schwer verständlich sein, aber die "Zeit" hatte trotz allem keine Schwierigkeiten damit, das Thema ins Blatt zu heben.

Auch der „Spiegel“ berichtete schon Mitte 1989 über das Thema. Es folgte bis Ende 1990 gut ein Dutzend weiterer Texte. (Beispiele: hier, hier und hier.)

Vermutungen und Anschuldigungen, keine Belege

Ansonsten verbreitet Ulfkotte vor allem Vermutungen, die er ohne Belege äußert. Wir leben in einem quasi-faschistoiden Regime, in dem sich niemand mehr pro-russisch äußern dürfe? Wenn das stimmen würde, dann wäre es reichlich kurios, dass Ulfkotte weiterhin in Deutschland seine Bücher publizieren kann. Dass niemand darüber spricht, hat was mit Ulfkottes angeschlagener Glaubwürdigkeit zu tun. Siehe oben.

Alle deutschen Journalisten mit Auslandsbezug sitzen in transatlantischen Organisationen? Könnte man nach der im Frühjahr ausgestrahlten Folge der „Anstalt“ vermuten. Ist aber selbstverständlich Unsinn. Und wer es nicht glaubt, für den gibt es seit kurzem ein Plugin, mit dem man die institutionellen Verstrickungen von Journalisten nachvollziehen kann. Die Datenbank ist übrigens in einem Design-Projekt entstanden wird von Wissenschaftlern gefüttert. Nicht von Journalisten.

Aber zurück zu Ulfkotte: Das russische Staatsfernsehen kann sich glücklich schätzen, dass es unter deutschen Medienschaffenden eben doch immer wieder Menschen gibt, deren Ego größer ist als ihr Sinn für Realität. Einmal ein Whistleblower sein. Udo Ulfkotte aalt sich im Abglanz von Edward Snowden. Mehr ist in dem Video nicht zu sehen.

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