POLITIK
30/09/2014 22:31 CEST

ISIS: So funktioniert die Terrororganisation

Der Islamische Staat (ISIS) ist innerhalb der vergangenen Monate zu Macht und Bekanntheit gelangt, Hunderte Berichte sind über die Gruppe erschienen, viele beschrieben sie als eine große, irgendwie formlose Bande von Extremisten. Der Islamische Staat ist zwar groß, aber auch komplex und wird von einer eng vernetzen, erfahrenen Gruppe von Männern geführt.

Diese Männer sind verantwortlich für die Strukturen, die den Islamischen Staat aufrecht erhalten, überwachen Hunderte Städte, Tausende Kämpfer und Finanzen in der Größenordnung von Millionen Dollars. Um zu verstehen, wie man ISIS bekämpfen kann, muss man sich ansehen, was man derzeit über die Organisationsstruktur weiß.

Der Kalif (Chef)

baghdadi

An der Spitze des Islamischen Staates steht Abu Bakr al-Baghdadi. Er soll 1971 in der nordirakischen Stadt Samarra als Awwad Ibrahim Ali al-Badri al-Samarrai geboren worden und in einer streng religiösen sunnitischen Familie aufgewachsen sein.

Die „New York Times“ berichtet, Baghdadi habe einen Doktor in Islamwissenschaft an der Islamischen Universität Bagdad erworben und eine Karriere als Prediger begonnen.

International beachtet wurde Baghdadi vermutlich erstmals 2003 nach der US-Invasion im Irak, als er Berichten zufolge von den Amerikanerin im Camp Bucca interniert wurde. Die genauen Umstände seiner Inhaftierung sind unklar, meist wird der Zeitraum der Gefangennahme mit 2004 oder 2005 angegeben, 2009 soll Baghdadi entlassen worden sein.

Nach seiner Internierung durchlief Baghdadi die Reihen der Al-Qaida im Irak (AQI) und wurde 2010 ihr Anführer, nachdem die bisherige Führung durch US-Angriffe ausgeschaltet worden war. Baghdadis herausragende Position brachte ihn auch auf die US-Terrorliste, auf seinen Kopf wurden 10 Millionen Dollar ausgesetzt.

Unter Baghdadi gab es innerhalb der AQI, die sich auch ISI (Islamischer Staat im Irak) nannte, eine Reihe wichtiger Änderungen. Die Organisation beteiligte sich am syrischen Bürgerkrieg, nannte sich deswegen auch ISIS (Islamischer Staat im Irak und Syrien) beziehungsweise ISIL (Islamischer Staat im Irak und der Levante/Großsyrien). Al-Qaida distanzierte sich schließlich von der Gruppe, weil Baghdadi der Al-Qaida-Führung die Gefolgschaft verweigerte und er ihr zu brutal war.

Um den weit über das bislang besetzte Gebiet hinausreichenden Herrschaftsanspruch ihres Kalifats zu demonstrieren, änderte die Organisation ihren Namen dann in IS (Islamischer Staat) – ein Schritt, der von vielen Medien wie der Huffington Post Deutschland nicht nachvollzogen wird, um die Propaganda der Terroristen nicht weiter zu unterstützen.

Baghdadi nennt sich nun Kalif Ibrahim, betrachtet sich als selbsternannten religiösen und politischen Führer auf dem Territorium, das die Gruppe erobert hat. Der öffentlichkeitsscheue Anführer trat zuletzt im Juli auf, und rief in einer längeren Predigt dazu auf, die „Feinde Gottes“ zu bekämpfen.

Analysten unter anderem der „New York Times“ sehen die Wurzeln seiner Ideologie auf der Arabischen Halbinsel des 18. Jahrhunderts, als der Clan der Saud mit der puritanischen Schule des Al-Wahhab eine Allianz einging und letztlich diese Interpretation des Islam zur Basis des saudi-arabischen Staates machten.

Die Stellvertreter

Baghadadi wird von zwei Stellvertretern unterstützt: Abu Muslim al-Turkmani, der sich um die Aktionen im Irak kümmert, und Abu Ali al-Anbari, zuständig für Syrien. Angeblich sind beide Veteranen, ehemalige Generäle Saddam Husseins.

Laut dem Terrorism Research and Analysis Consortium (TRAC) sind diese beiden Vertreter die obersten Verwalter in ihren jeweiligen Territorien, sie reden mit den örtlichen Gouverneuren, koordinieren die Räte und überwachen die vielen Bausteine der Bürokratie, die der Islamische Staat mittlerweile geschaffen hat. Diese Stellvertreter sind offenbar die zweiten in der Hierarchie, vermutlich würde einer von beiden Baghdadi beerben, wenn er stürbe.

Beratende Gremien

isis

Neben den Stellvertretern gibt es wichtige Gremien, über deren Strukturen wenig bekannt ist.

Aus den leicht unterschiedlichen Vorstellungen der Experten kristallisiert sich heraus, dass Baghdadi wohl zwei Beratergremien hat. Eine Art Kabinett für Staatsfragen wie Finanzen, Gefangene etc. und eines für die religiösen Fragen, das auch die Einhaltung der ISIS-Doktrin überwacht. Einige Experten nennen dieses Gremium Schura-Rat, andere zählen diese Leute zu Baghdadis engsten Beratern. Welche Befugnisse die beiden Gremien haben und wo sie in der Hierarchie stehen, wird von Experten unterschiedlich eingeschätzt.

Der Schura-Rat hat nach Angaben von TRAC im Sender CNN vermutlich die Entscheidung zu verantworten, westliche Journalisten, die als Geiseln genommen worden waren, zu ermorden.

Die Gouverneure und die lokalen Anführer

Der Islamische Staat ist wohl in Provinzen aufgeteilt, mutmaßlich je zwölf in Syrien und dem Irak, denen je ein Gouverneur vorsteht. Diese Gouverneure sind Baghdadis Stellvertretern unterstellt. Auf dieser Ebene gibt es wohl weitere Gremien für verschiedene Themengebiete, wie Medienarbeit, Finanzen, etc.

Diese Gouverneure arbeiten mit den lokalen Anführern zusammen, die für alle möglichen Themen vor Ort zuständig sind, sei es das Beseitigen von Schlaglöchern oder das Verhängen von Strafen wie Handabhacken.

Auf der mittleren und lokalen Ebene wird die bizarre und oft schreckliche Realität der ISIS-Herrschaft besonders sichtbar. Einerseits erhalten diese Verwalter so etwas wie eine einigermaßen funktionierende Zivilgesellschaft aufrecht, sie betreiben eine Post, stellen Autofahrern Knöllchen aus. Andererseits wenden sie ihre brutalen Gesetze an, kreuzigen angebliche Gotteslästerer. Viele der Geschichten über das Leben unter ISIS stammen aus Geheimdienstquellen und sind kaum überprüfbar.

Diese Bürokratie, diese Strukturen zeigen, dass der Islamische Staat auf lange Sicht das von ihm eroberte Territorium halten und verwalten will. Er ist kein legitimer Staat, aber die Terroristen haben viel unternommen, sich so zu präsentieren.

Video: Francois Hollande zeigt sich bestürzt: ISIS-Unterstützer töten französische Geisel in Algerien


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