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Gewalt im Irak: Warum die USA schuld am ISIS-Terror sind

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dpa
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Es ist noch gar nicht lange her, da hat die Welt vorsichtig damit angefangen, das vermeintliche Ende von Diktatur und Unterdrückung zu feiern.

Zunächst beendeten die USA die jahrzehntelange Schreckensherrschaft von Saddam Hussein im Irak. Dann setzte in mehreren Ländern des Mittleren Ostens – mit etwas zeitlichem Abstand – der Arabische Frühling ein.

Ägypten hat ihn 2011 erlebt. Libyen ebenfalls. Eine politische Revolution, angezettelt von der Bevölkerung, die nur ein Ziel hatte: Blutige Machthaber wie Hosni Mubarak oder Muammad al-Gaddafi, die ihr Volk über Generationen hinweg gewaltsam unterjocht haben, zu stürzen.

Ruf nach Freiheit in der arabischen Welt

Es war der Ruf nach Freiheit, der damals durch die arabische Welt hallte – und Gehör fand. Der Westen, so schien es, hatte endlich das, was er sich für diese Region immer erhofft hatte: die Aussicht auf demokratische Verhältnisse.

Eine fatale Fehleinschätzung. Denn es ist so gut wie nichts übrig geblieben von diesem Ideal.

Ägypten ist instabiler denn je, seitdem die Muslimbrüderschaft aus der Regierung geputscht worden ist und sich radikalislamistische Terrorzellen gebildet haben.

Und im Irak hat in erschreckender Geschwindigkeit ein Killerkommando die Oberhand gewonnen, das weltweit seinesgleichen sucht.

„Ordnung ist Unordnung vorzuziehen, was bedeutet, dass Diktaturen Chaos vorzuziehen sind.“

Die Gräueltaten von ISIS verbreiten in der Welt mittlerweile so viel Angst und Schrecken, dass sich sogar renommierte westliche Sicherheitsexperten die stabilen Verhältnisse unter den Diktatoren zurückwünschen.

Als einer der ersten hat eine solche Debatte der amerikanische Außenpolitik-Experte Robert D. Kaplan angestoßen. In einem Beitrag für das „Global Intelligence-Institute“ Stratfor schrieb er in der vergangenen Woche: „Ordnung ist Unordnung vorzuziehen, was bedeutet, dass Diktaturen Chaos vorzuziehen sind.“

Angesichts des Flächenbrands, den die IS-Terroristen bei ihrem Eroberungszug über den Irak und Syrien entfacht haben, mag der Wunsch nach früherer Stabilität berechtigt sein.

Deutsche Experten einig: Die USA sind schuld an der Eskalation im Irak

Kaplans Ansatz lässt jedoch einen entscheidenden Punkt außer Acht. Es waren die USA selbst, die die Eskalation der Lage im Mittleren Osten herbeigeführt haben. Darüber sind sich zumindest deutsche Experten einig.

Thomas Jäger, Professor für internationale Politik und Außenpolitik an der Uni Köln, etwa kritisiert die Irak-Invasion der USA unter Präsident Georg W. Bush: „Dabei wurden gigantische Fehler gemacht. Die Auflösung der irakischen Streitkräfte, die anti-sunnitische Politik – das wird heute selbst in Amerika als desaströse Strategie angesehen“, sagte er der Huffington Post.

Auch Terrorismus-Experte Hajo Funke sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Militäreinsatz der USA und dem Aufkommen der IS-Kämpfer Jahre später. Der HuffPost sagte er: „Die USA haben den Irak in einen prekäreren Zustand gebombt, als er zuvor war. Ohne dieses Fehlverhalten wäre es zu einem Durchmarsch der IS nicht gekommen.”

„Das ist der außenpolitischen Schwäche von Barack Obama zuzuschreiben."

Rolf Tophoven, Leiter des Essener Instituts für Krisenprävention und international anerkannter Kenner der Terrorismus-Szene, geht sogar noch einen Schritt weiter. Er macht auch die aktuelle US-Regierung für das Desaster im Irak verantwortlich:

„Das ist der außenpolitischen Schwäche von Barack Obama zuzuschreiben. Unter ihm haben die USA ihr Abschreckungspotential schlechthin verloren – den Nimbus der stärksten Militärmacht der Welt.“

Durch politische Fehler in der Vergangenheit sehen sich die USA plötzlich einem Szenario ausgesetzt, das vor Jahren noch undenkbar erschien: Terror bekämpfen – und dabei Bündnisse mit Diktatoren schmieden.

Nach übereinstimmender Einschätzung von Experten können die USA IS nur dann beikommen, wenn sie einen Pakt mit Syriens Machthaber Baschir al Assad schließen.

Nur ein toter Terrorist ist ein guter Terrorist

Der frühere britische Außenminister Malcom Rifkind etwa sagte vor kurzem gegenüber der „Financial Times“: Manchmal muss man Beziehungen zu extrem garstigen Leuten aufbauen, um Leute loszuwerden, die noch viel ekelhafter sind.“

Es gab Zeiten, in denen wäre ein solches Eingeständnis eine Blamage für führende westliche Nationen gewesen. Heute, da IS-Kämpfer wahllos tausende Menschen abschlachten, erscheint jedoch nichts mehr unmöglich.

Politik-Experte Jäger warnt jedoch davor, IS so zu begegnen wie anderen Terrorgruppen. Bislang galt in US-Militärkreisen mehrheitlich die Devise: Nur ein toter Terrorist ist ein guter Terrorist – weil er dann keine Anschläge mehr verüben kann.

Jäger aber hält es für möglich, dass hinter den als Terrorismus deklarierten Gewalttaten der IS-Kämpfer mehr steckt: ein flächendeckender, religiöser Aufstand von Sunniten.

„IS ist wie ein Magnet“

Bezogen auf den Irak wäre es eine Art Konter-Revolution – mehr als zehn Jahre nach dem Sturz des Saddam-Regimes.

In diesem Fall käme ein Szenario zur Geltung, das sowohl in der Politik als auch in Militärkreisen gefürchtet ist. Der ehemalige US-General im Irak, Pat McCrystal, hat es einst skizziert. Die Formel dafür: 10–2=20.

Jäger erläutert: „Wenn von zehn Terroristen zwei getötet werden, hat man am Ende zwanzig neue. Weil von jedem Getöteten Familienangehörige mobilisiert werden, in den Kampf zu ziehen.“

Eine leidvolle Erfahrung, die die USA in ihrer Geschichte schon mehrmals hat machen müssen: in Vietnam, in Afghanistan, im Kampf gegen Al-Quaida.

Jetzt heißt der Gegner IS – und es könnte noch alles viel schlimmer kommen, nicht nur für die USA.

„IS ist wie ein Magnet“, erklärt Rolf Tophoven. „Sie zieht radikalisierte, zum Teil konvertierte Islamisten aus westlichen Ländern an, die ideologisiert zurückkommen. Das ist eine Masse an jederzeit abrufbaren Terroristen, die uns bedroht.“

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