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Veganz-Gründer Jan Bredack: Dieser Mann will Deutschland vegan machen

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Veganz-Gründer Jan Bredack: "Veganismus ist die natürlichste, nachhaltigste und friedvollste Lebensweise" | Veganz
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Für Jan Bredack zählte jahrelang nur eins: Karriere und Macht. Immer weiter stieg er bei dem Automobilkonzern Daimler auf. Zuletzt war er technischer Direktor. Ein mächtiger Posten. Dann setzte ihn ein Burnout außer Gefecht.

Nachdem er in ein tiefes, emotionales Loch gestürzt war, wurde ihm klar, dass seinem Leben eine Vision fehlte. Ein übergeordnetes Ziel.

Das hat er jetzt: Er will mit Europas erster veganer Supermarktkette Veganz die deutsche Lebensmittelwirtschaft verändern.

Drei Jahre nach seinem Start ist das Unternehmen nun für den Deutschen Gründerpreis nominiert. Die Jury lobt: "Veganz hat hervorragende Erfolgsaussichten auf dem deutschen und dem internationalen Markt.“

Die Huffington Post hat mit Bredack über den Aufstieg von Veganz gesprochen - und darüber, warum Bredack längst nicht bei allen Veganern in Deutschland beliebt ist.

Huffington Post: Sie haben am Wochenende in Essen die siebte Veganz-Filiale eröffnet. Wie wollen Sie die Ruhrpottler bekehren?
Bredack: Inzwischen brauchen wir gar nicht mehr viel tun, um die Leute zu überzeugen. Bei der Eröffnung in Essen waren circa 5000 Leute vor Ort. Wir sind der Lage fast nicht mehr Herr geworden. Ein Laden wird in NRW nicht reichen, das zeigt sich jetzt schon. Fest im Blick haben wir für die nahe Zukunft auch Düsseldorf und Köln. Da sind wir derzeit auf Immobiliensuche.

HuffPost: Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Bredack: Wir sprechen nicht nur Veganer an, ganz im Gegenteil. Ein Großteil unserer Kunden ist weder vegan noch vegetarisch. Viele Leute kommen aus gesundheitlichen Gründen, weil sie Allergien oder Nahrungsunverträglichkeiten wie Laktose-Intoleranz haben. Manche Kunden sind neugierig auf Ernährungsumstellungen. Und viele Kunden legen natürlich Wert auf eine nachhaltige Lebensweise und Tierschutz.

HuffPost: Sie haben mal gesagt: „Veganer waren für mich Extremisten, die nicht alle Latten im Zaun haben.“ Ein interessanter Satz für den Gründer einer veganen Supermarktkette. Wie kam es zum Sinneswandel?
Bredack: Einen Teil der Kritik von damals kann ich heute nur wiederholen. Es gibt immer noch extreme Positionen, die ich nicht nachvollziehen kann.

HuffPost: Was meinen Sie?
Bredack: Der Veganismus hat sich in den vergangenen 15 Jahren in Teilen selbst ins Abseits gestellt, weil viele Vertreter Veganismus nicht als alternative Ernährungsweise, sondern als Protestaktion verstehen. Sie haben sich selbst ein stückweit von der Gesellschaft abgeschottet.

HuffPost: Veganz hat sich in der Szene keine Freunde gemacht. Es wurden Fenster eingeworfen.
Bredack: Der Hauptvorwurf ist: Wir machen Veganismus massentauglich. Damit verbinden Kritiker direkt eine Profitgier. Das ist für sie Kapitalismus, und Veganismus ist anti-kapitalistisch. Das ist ein kurzsichtiger Ansatz und nicht hilfreich – weder für die Umwelt, noch für das Tierwohl. Außerdem verstehe ich Veganismus so, dass man keinem Lebewesen schadet. Dazu zähle ich Tiere und Menschen. Aber die Veganer schmeißen Fenster ein, das passt hinten und vorne nicht. Jungs und Mädels, ihr habt nicht verstanden, was wir wollen.

HuffPost: Nämlich?
Bredack: Wir möchten die vegane Lebensweise, die ich für die natürlichste, nachhaltigste und friedvollste Lebensweise halte, möglichst allen Menschen ohne Hindernisse zugänglich machen. Wir wollen auch Menschen begeistern, die vor zwei Wochen nicht einmal davon geträumt hätten, etwas Pflanzliches zu essen.

HuffPost: Sie selbst haben jahrelang alles in sich hineingeschaufelt. Sie waren ein Fleisch-Fan.
Bredack: Genau. Deshalb kann ich keine Menschen verurteilen, die heute noch Fleisch oder Käse essen. Ich möchte Ihnen aber kleine Gedankenanstöße geben. Manchmal braucht es nur einen Ping, um zu bemerken, was man eigentlich auf den Teller packt.

HuffPost: Was war Ihr Ping?
Bredack: Ich habe mich eine Frau verliebt, die schon dreizehn Jahre vegetarisch gelebt hat. Dann folgte der Schritt zur veganen Ernährung. Erst dachte ich: Wie soll das gehen, so ohne Käse, Joghurt und Milch? Doch dann merkte ich: Ich kann weiterleben wie bisher. Das ist auch der Grund, warum Veganz so viel Erfolg hat. Die Menschen fühlen sich abgeholt. Sie können bei uns alles kaufen ohne nachzudenken.

HuffPost: Welche Käse-Alternativen gibt es?
Bredack: Wir haben über 100 Käsesorten, Käse auf Nuss-Basis, auf Erbsen-Basis, mit Kartoffelstärkemehl, Käse für Pizza, Fondue, Frischkäse oder Schnittkäse. Und das meiste davon ist auch sehr schmackhaft. Manches ist schon sehr gewöhnungsbedürftig.

HuffPost: Was ist derzeit ein Veganz-Verkaufsschlager?
Bredack: Ich erlebe gerade einen Boom mit Chia-Samen. Das hat Veganz in Deutschland als erstes in den Regalen gehabt. Da wusste keiner, was das ist. Inzwischen gibt es einen regelrechten Hype. Die Preise haben sich seit 2011 verdoppelt.

HuffPost: Chia-Samen? Noch nie gehört.
Bredack: Chia-Samen gelten als Gold der Azteken. Sie sind geschmacklos, sehr gut für die Verdauung, haben drei Mal so viel Kalium wie Bananen und das richtige Verhältnis von Omega-3 und Omega-6-Fettsäuren. Ich bin ein richtiger Fan und esse die Samen jeden Tag.

HuffPost: Blicken wir auf die großen Expansionspläne von Veganz. Ende 2015 soll es 21 Filialen in Europa geben.
Bredack: Ja, das stimmt, aber das Filialwachstum ist derzeit nicht unser größtes Thema. Das ist nur ein Teil der Veganz-Story. Wir wollen unsere Produkte in den Lebensmitteleinzelhandel bringen. Die Einzelhändler rennen uns nämlich gerade die Bude ein. Wir wissen gar nicht, wen wir als erstes verarzten sollen. Bald wird es viele Vegan-Ecken in großen Supermärkten geben.

HuffPost: Um welche Kooperationspartner geht es?
Bredack: Namen kann ich noch nicht nennen. Aber wir werden ab Oktober mit Veganz-Produkten in großen Einzelhandelsketten vertreten sein. Daran arbeiten wir mit Hochdruck.

Welche Produkte planen Sie?
Bredack: Zum Beispiel eine Veganz-Tiefkühlpizza mit besonderem Käse und besonderem Fleischersatz. Im Moment kostet eine vegane Tiefkühlpizza neun Euro. Die neue Pizza wird zwischen vier und fünf Euro kosten. Mit Wagner und Dr. Oetker, die ihre Pizza für 1,99 Euro anbieten, können wir da natürlich nicht mithalten, aber wir wollen bei den Zutaten auch keine Kompromisse.

HuffPost: Besteht beim Preisdruck der Supermärkte nicht die Gefahr, dass Ihre ethischen Standards verwässern?
Bredack: Wir lassen uns bei Preisen nicht in die Knie drücken. Bei Forderungen wie "Wir brauchen noch eineinhalb Cent mehr Marge“ geben wir einen Korb.

HuffPost: Sie gehen offenbar felsenfest davon aus, dass vegane Ernährung keine Modeerscheinung ist, die in ein paar Jahren verschwindet.
Bredack: Ja, denn es geht um eine Lebenseinstellung. Wenn wir uns international umschauen, ist Deutschland noch hintendran. Die USA sind viel weiter, Skandinavien und Osteuropa auch. Dort ist veganes Leben viel tiefer verankert. Was wir in Deutschland erleben, ist erst ein Mikrokosmos. Wenn sich der Markt nur ansatzweise so entwickelt wie in den USA, haben wir bald einen Nachfrage-Boom.

HuffPost: Sie waren bis zu Ihrem Burnout 2008 Manager bei Daimler. Heute habe Sie wieder Stress mit 13-Stunden-Tagen. Was unterscheidet den Technischen Direktor bei Daimler vom Veganz-Gründer?
Bredack: Die Zeit bei Daimler war getrieben von Macht und dem Vergleich von Machtsymbolen. Wie groß ist das Büro? Wie viel Sekretärinnen habe ich? Wo steht mein Auto in der Tiefgarage? Es ging weniger um Ideale. Heute arbeite ich, weil ich eine Vision habe. Da machen auch 15- oder 20-Stunden-Tage nichts.

HuffPost: Was war damals Ihr Antrieb? Steil nach oben, um jeden Preis?
Bredack: Ja. Meine Familie habe ich kaum gesehen. Es zählte nur die Firma. Dort haben wir dann künstliche Probleme fürchterlich aufgebauscht. Der Arbeitsalltag war wie ein Theaterstück, das immer wieder neu inszeniert wurde. Die Darsteller haben sich immer stärker mit ihren Rollen identifiziert, bis sie den Kontakt zur Realität verloren haben.

HuffPost: Wie haben Sie das bei sich selbst gemerkt?
Bredack: Ich konnte mich mit Leuten außerhalb der Daimler-Welt nicht mehr unterhalten. Das waren für mich Untermenschen. So eine Denke ist krass. Aber das habe ich erst mit dem zeitlichen Abstand bemerkt.

HuffPost: Wie kam es zum Burnout?
Bredack: Ich habe gemerkt, dass ich den Halt bei Daimler verloren habe. Alle Macht im Unternehmen ist nur eine geliehene Macht. Ich war im Schlepptau von einem der Vorstände. Er war quasi mein Leibeigner, ich habe ihm mein ganzes Leben verschrieben, meine ganze Karriere.

HuffPost: Gab es Streit?
Bredack:Aus einer gekränkten Eitelkeit hat er von einem auf den anderen Tag das Unternehmen verlassen. Und alle, die an seinem Seil hingen, retteten sich auf ein anderes Seil oder fielen herunter.

HuffPost: Sie gehörten zu denen, die herunterfielen.
Bredack: Vorher hatte ich einen Mann im Rücken, der Schutz versprach. Der war weg und ich habe Kompetenzen verloren. Ich wurde aus der Firmenrealität in die Wirklichkeit zurückgeschleudert.

HuffPost: Was wollen Sie im Unternehmen Veganz besser machen?
Bredack:Ich will dem Team immer wieder vermitteln, dass wir Spielchen um Führungspositionen nicht brauchen. Das ist ein langer Prozess, erst Recht in einem Startup, das schnell wächst und in dem wir pro Woche sechs neue Mitarbeiter an Bord haben.

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