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Ex-Telekom-Manager Sattelberger warnt: "Die jungen Menschen laufen den falschen Göttern nach"

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Thomas Sattelbaerger: "Die jungen Menschen laufen den falschen Göttern nach" | Thinkstock
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Eine neue Generation erobert den Arbeitsmarkt. Aber was wollen diese jungen Menschen wirklich? Welche Fehler machen sie? Wie können sie wirklich ein erfülltes Leben führen?

Kaum ein deutscher Spitzenmanager hat sich in seiner Berufslaufbahn so intensiv mit diesen Fragen auseinandergesetzt wie der Ex-Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger.

Mit der Huffington Post sprach der Ex-Manager über Karrieren, richtige Entscheidungen bei der Berufswahl und eine Generation Y, die auf den kollektiven Burnout zusteuert.

Herr Sattelberger, es heißt ja immer, die jüngste Generation von Berufseinsteigern verändere den Arbeitsmarkt dramatisch. Wegen ihrer Ansprüche an den Job, die Suche nach dem wirklichen Sinn der Arbeit. Was ist das für eine Generation?
Stattelberger: In der Tat, viele Menschen, die heute ins Berufsleben starten, unterscheiden sich grundlegend von ihren Vorgängern vor zehn Jahren. Doch sie sind längst nicht alle kreative Freigeister, die viele unter der Generation Y verstehen.

HuffPost: Sondern?
Sattelberger: Ich erlebe eine zutiefst verunsicherte oder rückwärtsgewandte Generation. Wenn ich sehe, wie viele junge Hochschulabsolventen am liebsten für den Staat arbeiten wollen, beschleicht mich das kalte Grauen. Und wenn sie nicht zum Staat wollen, flüchten sie unter das Dach großer Konzerne. Ich beobachte, dass etwa 75 Prozent der jungen Menschen ihre Karriere auf den Prinzipien Sicherheit oder Prestige aufbauen.

HuffPost: Das wäre das Gegenteil der angeblich freiheitsliebenden Generation Y.
Sattelberger: Ja. Ich glaube auch, dass die in weiten Teilen gehypt wird. Vor allem in Deutschland existiert sie so nicht. Nur wenige akademisch qualifizierte Berufseinsteiger versuchen, wirklich ihr eigenes Ding zu machen. Diese Menschen wissen, dass sie ihr Leben viel stärker in die Hand nehmen müssen, weil ihre Renten nicht sicher sind, weil sie für sich selbst sorgen müssen, und weil die Wirtschaft vor dramatischen Veränderungen steht. Sie wissen: Eigentlich ist nichts sicher.

HuffPost: Große Worte, in einer Zeit, in der die Deutschen so staatsgläubig sind wie selten zuvor.
Sattelberger: Das ist ja genau das Problem. Die junge Generation sucht nach Kontinuität und Sicherheit - und sieht dabei nicht, dass dieser Weg der gefährlichste ist.

HuffPost: Woher kommt diese Suche nach Sicherheit?
Sattelberger: Es ist die Krisenstabilität Deutschlands in den letzten zehn Jahren – und natürlich ist es das Ausbildungssystem, das nur noch wenig Raum gibt, Dinge auszuprobieren.

HuffPost: Jahrelang hat die Wirtschaft die Verkürzung der Schul- und Studienzeiten gefordert.
Sattelberger: Das war sicher so absolut nicht klug. Gleichzeitig ist diese Generation auch das Produkt der Erfolgsverwöhntheit dieses Landes. Der Spaß am Risiko, am Ausprobieren und an Neuem ist dem ganzen Land abhanden gekommen. Doch die Suche nach Sicherheit ist das eigentliche Risiko.

HuffPost: Das müssen Sie erklären!
Sattelberger: Unsere Wirtschaft steht vor dramatischen Veränderungen – ganze Branchen stehen vor einem disruptiven Tsunami.

HuffPost: Wie sieht der aus?
Sattelberger: Die deutsche Wirtschaft hat sich zu sehr auf Felder wie Maschinen, Anlagen und Automobilbau spezialisiert. Diese Branchen stehen vor dramatischen Veränderungen. Die USA sind das Digital House der Welt geworden und China das Maschinenhaus der Welt. Damit ist Deutschland im Sandwich zwischen digitaler Innovation und effizienter Produktion aus Asien. Zugleich entwickeln sich neue Felder wie IT, Biotech und Big-Data-Management in dramatischer Geschwindigkeit. Hier spielt Deutschland kaum eine Rolle.

HuffPost: Was heißt das?
Sattelberger: Wenn sich Branchen verändern, macht das die Welt des arbeitenden Menschen turbulenter.

HuffPost: Abertausende Menschen könnten ihre Jobs verlieren. Und neue Jobs entstehen.
Sattelberger: Völlig richtig. Aber nur für diejenigen, die nicht nur auf Sicherheit gesetzt haben. Was mich bei alledem am meisten besorgt: Um den deutschen Unternehmergeist steht es nicht mehr viel besser als um den der Franzosen.

HuffPost: Damit verlieren wir unseren Innovationsmotor.
Sattelberger: Nicht nur das. Wir erleben gerade, dass eine ganze Generation die Lust am Risiko verliert. Damit verlieren die jungen Menschen aber die Fähigkeit, sich auf neue Bedingungen einzustellen. Die Angst vor dem Scheitern überschattet alles. Zu viele handeln nach der Maxime: ‚Ich gehe zu BMW und dann in den Ruhestand’. Kurz: die junge Generation bereitet sich auf die gigantischen Umwälzungsprozesse der nächsten Jahrzehnte nicht vor.

HuffPost: Wo liegt hier das Risiko?
Sattelberger: Im Schnitt haben Menschen heute vier Arbeitgeber im Leben. In ein paar Jahren werden Jobwechsel durch die Veränderungen der Wirtschaft deutlich zunehmen.

HuffPost: Welche Chance haben Arbeitnehmer?
Sattelberger: Sie müssen sich selbst als Talent-Unternehmer, als Ich-AG verstehen. Sie müssen versuchen, zu einer Marke zu werden und entscheiden, für welches Thema oder welche Fähigkeit sie stehen wollen. Die junge Generation, die sich da gerade verträumt auf ein schönes Leben vorbereitet, braucht dringend einen Weckruf. Wenn sie so weiter machen, werden viele von ihnen beruflich gesehen böse Überraschungen erleben.

HuffPost: Jahrelang wurde den Studenten gesagt, sie sollten auf einen stringenten Lebenslauf achten.
Sattelberger: Viele Unternehmen haben verstanden, dass sie mit gleichförmigen Bewerbern nicht mehr weiterkommen.

HuffPost: Was raten Sie Berufseinsteigern gegen die Gleichförmigkeit?
Sattelberger: Vor allem: Lassen Sie sich nicht vom Herdentrieb der Kommilitonen anstecken, die in die großen Unternehmen streben. Fragen Sie sich lieber, was Sie wirklich wollen. Das werden Sie aber nur herausfinden, wenn Sie sich Zeit zum Experimentieren lassen. Und geben Sie sich Zeit zum Scheitern. Nehmen Sie sich ein paar Jahre zum Ausprobieren anderer sozialer Realitäten.

HuffPost: Wie das?
Sattelberger: Unterrichten Sie Migrantenkinder, gründen Sie Unternehmen, gehen Sie an eine Behindertenschule, ins Ausland oder arbeiten Sie in den Slums von Kalkutta. Verlassen Sie Ihren Weg, damit Sie wirklich herausfinden können, was Sie wollen. Das ist wichtiger denn je. Ich sehe zu viele junge Menschen, die ein Leben in einem falschen Film führen. Sie laufen einer Sache hinterher, hinter der sie nicht wirklich stehen.

HuffPost: War das früher wirklich besser?
Sattelberger: In den Neunzigerjahren herrschte Aufbruch. Da hatten junge Menschen Lust, etwas zu gründen, etwas zu unternehmen. Das war aber auch der Start des Turbokapitalismus in Deutschland. Mitte vergangenen Jahrzehnts kam dann die Trendwende.

HuffPost: Was ist da passiert?
Sattelberger: Da kam vieles zusammen. Sicher spielt die Bildungsreform nach urdeutscher DIN-Norm eine Rolle, die den Menschen nur noch wenig Freiraum gibt. Aber die jungen Menschen sind auch weniger bereit, sich diesen Freiraum zu nehmen.

HuffPost: Was ist die Folge dieser Entwicklung?
Sattelberger: Ich schätze, dass fast jeder zweite Berufseinsteiger die falsche Entscheidung trifft. Und das hat dramatische Folgen. Studien zeigen, dass Burnout vor allem bei Menschen im Alter zwischen 35 und 45 zunimmt. Arbeitsbelastung ist hier oft gar nicht das Hauptproblem.

HuffPost: Das heißt, wir werden eine ausgebrannte Generation erleben?
Sattelberger: Die Menschen laufen zu lange den falschen Göttern hinterher. Denn wer seiner Bestimmung folgt, dem fallen Stress und das Verkraften von Niederlagen nicht so schwer.


Sie erreichen Thomas Sattelberger auch bei Twitter: @th_sattelberger

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