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Antisemitismus: "Jude, Jude, feiges Schwein!" So gefährlich leben Juden auf deutschen Straßen

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Zur Politik des Staates Israel gibt es viele mögliche Standpunkte. Manche finden es gerechtfertigt, dass israelische Soldaten im Gazastreifen gegen Hamas-Mitglieder vorgehen. Andere prangern an, dass Israel Menschenrechte verletzen würde. Und wieder andere glauben, dass durch Gewalt kein Frieden zu erreichen sei.

Sachliche Kritik ist wichtig, auch für Staaten wie Israel. Denn sie beinhaltet sowohl eine wertvolle Außensicht als auch einen möglichen Weg der Konfliktlösung. Zuhören schützt in solchen Fällen vor Betriebsblindheit. Man lernt, die eigene Welt mit anderen Augen zu sehen.

Was sich jedoch seit gut einer Woche auf deutschen Straßen abspielt, hat mit Kritik nichts mehr zu tun. Es ist blanker Judenhass, der sich bei so genannten „Pro-Gaza-Demonstrationen“ entlädt.

Nicht alle Demonstranten, die an solchen Veranstaltungen teilnehmen, äußern sich antisemitisch. Aber die allermeisten lassen antisemitische Parolen geschehen. So offen wie das bisher selten in der Geschichte der Bundesrepublik möglich war.

Üble antisemitische Hetze

Beispiel Berlin. Dort demonstrierten am Donnerstagabend auf dem Kurfürstendamm mehrere Hundert Menschen gegen die Militäraktion im Gazastreifen. Ganz offen brüllten junge Männer arabischer Herkunft eine hässliche antisemitische Parole: „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf’ allein!“ Die Polizei schritt nicht ein.

Der Grund dafür: „Jude, Jude, feiges Schwein“ wird laut eines Tagesspiegel-Berichts von der Staatsanwaltschaft nur als Beleidigung gewertet, nicht aber als Volksverhetzung. Die Polizei darf im Falle einer Beleidigung jedoch nur dann einschreiten, wenn eine Anzeige vorliegt.

Beispiel Hannover. Dort hatte ein Vorstandsmitglied der deutsch-israelischen Gesellschaft am Samstag eine spontane Gegenveranstaltung zu einer Pro-Gaza-Demo in der Innenstadt angemeldet. Es kamen vier Leute, darunter der grüne Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler. Gemeinsam hielten sie eine Israel-Fahne in der Hand.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis das Grüppchen angegriffen wurde. Mehrere Männer versuchten, die Fahne runterzureißen. Ein weiterer Mann sprang in Kung-Fu-Manier auf die Pro-Israel-Demonstranten zu und verletzte dabei einen der Teilnehmer am Rücken.

Beispiel Essen. Dort fand am Freitag eine Pro-Gaza-Demo statt, zu der die Linke in Nordrhein-Westfalen aufgerufen hatte. Im Pulk waren Schilder zu sehen, auf denen der Holocaust infrage gestellt wurde (wörtlich hieß es, dass Juden „angebliche Opfer“ gewesen seien). So berichtet es das Blog „Tapfer im Nirgendwo“ und liefert dafür Bildbeweise.

Der Davidstern in manchen Darstellungen wurde mit einem Hakenkreuz versehen. Eine Frau, die ein weißes Shirt mit der Aufschrift „Fuck you Israel“ trug, skandierte „Kindermörder!“, wohl in Anspielung an die zivilen Opfer der Militäroffensive. Und während WDR-Reporter Stefan Göke in einem Aufsager erklärte, die Demo sei friedlich verlaufen, hielt jemand einen Zettel ins Bild, auf dem „Israel = Terrorist“ stand.

Eine besonders zweifelhafte Rolle bei den antisemitischen Ausfällen in deutschen Innenstädten nimmt dabei die Linkspartei in Nordrhein-Westfalen ein. Sie hatte am Freitag nicht nur zu der Essener Demo aufgerufen, sondern auch zu einer Veranstaltung in Köln eingeladen. Motto: „Stoppt die Bombardierung Gazas – für ein Ende der Eskalation im Nahen Osten“. Als ob es die Hamas-Raketen nie gegeben hätte.

Auf beiden Demos waren führende Funktionäre der nordrhein-westfälischen Linken vor Ort, in Essen zum Beispiel der Landessprecher Ralf Michalowsky. Kein Wort des Bedauerns von seiner Seite, dass es unter seinen Augen zu anti-israelischen Ausfällen gekommen ist.

Stattdessen macht er auf seiner Facebook-Seite Stimmung gegen die Polizei. Nach Aussage des Essener Polizeipräsidiums wird derzeit gegen mehrere Personen ermittelt, die einen Anschlag auf die Alte Synagoge in Essen geplant haben sollen. Michalowsky dazu wörtlich im Gespräch mit einem anderen Nutzer: „Glaub bitte nichts, was aus der Ecke derer kommt, die den Krieg der Israelis gegen die Palästinenser im Gaza unterstützen. In Essen gab es nie den Versuch, die Synagoge zu stürmen. Darüber bin ich sehr froh.“

Die Querfrontstrategie ist im Kommen

Ein wenig erinnert die Stimmung derzeit an die Berliner Montagsdemos im Frühjahr. Dort durfte unter anderem der Publizist Jürgen Elsässer Ressentiments gegen den „Finanzkapitalismus“ verbreiten und seine kruden Thesen mit den Namen von jüdischen Unternehmern und Investoren illustrieren. Ein klassisches antisemitisches Motiv.

Auch damals ging es vordergründig um den „Frieden“. Diese Klammer half offenbar. Hunderte Zuhörer applaudierten, als Elsässer die Bühne verließ. Darunter Sozialisten, NPD-Funktionäre und einfache, interessierte Bürger. Beobachter sprachen von einer neuen „Querfront“, die unter dem Dach einer vermeintlichen Friedensbewegung die Unzufriedenen dieses Landes sammle und radikalisiere.

Diese Gefahr tragen auch die Pro-Gaza-Proteste in sich. Oberflächlich geht es um die Beendigung eines Krieges. Unterschwellig brechen sich längst verschwunden geglaubte Hassgefühle ihre Bahn. Das in deutschen Innenstädten zu sehen, ist ganz und gar unerträglich.

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