Neurologie: Wie Sie Ihre linke und rechte Gehirnhälfte besser vernetzen

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Neurologie: Wie Sie Ihre linke und rechte Gehirnhälfte besser vernetzen | Thinkstock.com
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Bei der WM hat das deutsche Team Höchstleistungen gezeigt. Doch die sportlichen Erfolge wären nicht möglich gewesen ohne ein gut trainiertes Gehirn. Deshalb arbeiten Leistungssportler auch an der Koordination ihrer Hirnhälften.

Die meisten Menschen dagegen nutzen ihr Denk-Organ falsch. Sie lassen angeborene Fähigkeiten verkümmern. Wie Sie linke und rechte Gehirnhälfte besser vernetzen, erklärt der Mediziner und Redner Friedhelm Erkens, ehemaliger Mannschaftsarzt des FC Schalke 04.

Huffington Post: Es heißt immer, der Mensch nutze nur einen winzigen Teil seines Gehirns. Stimmt das?

Friedhelm Erkens: Unser Gehirn ist ein Zwölfzylinder-Motor: Es besteht aus zwei Reihen mit je sechs Zylindern – unsere beiden Gehirnhälften. Rechte und linke Gehirnhälfte sind anatomisch fast identisch und miteinander verbunden. Sie steuern Bewegung und Empfinden unserer beiden Körperhälften. Außerdem prägen sie unsere Persönlichkeit.

Vor knapp 20.000 Jahren nutzten unsere Vorfahren als Jäger und Sammler ihr gesamtes Gehirn. Heute haben 90 Prozent der Erwachsenen verlernt, beide Gehirnhälften gleich zu nutzen. Eine Hälfte dominiert.

HuffPost: Klingt nicht, als ob das gut ist.

Erkens: Wir verzichten dauerhaft auf bis zu 50 Prozent unserer Leistungsfähigkeit. Das Ergebnis sind Manager, denen fachlich niemand etwas vormachen kann, die aber bei den Mitarbeitern nicht gerade beliebt sind. Verkäufer, die sämtliche Rekorde brechen, deren Leistung aber radikal abfällt, sobald sie festen Strukturen und Regeln folgen müssen.

Außerdem erzeugt einseitige Hirndominanz Druck und kann Ursache vieler Krankheiten sein. Zum Beispiel treten Migräne und Schmerzen am Ischias-Nerv fast immer einseitig auf.

HuffPost: Woran erkenne ich meine dominante Gehirnhälfte?

Erkens: Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens können Sie in den Spiegel schauen. Nur die wenigsten Menschen haben ein perfekt symmetrisches Gesicht. Zum Beispiel ist ein Auge kleiner als das andere oder der Mund leicht zur Seite geneigt. In der Regel ist das Gesicht zur dominanten Gehirnseite hin verzogen.

Zweitens sagt das Verhalten einiges aus. Wer zum Beispiel eine Gebrauchsanweisung Satz für Satz durchliest und ihr entsprechend folgt, ist tendenziell linkshirnig geprägt. Rechtshirnige Menschen orientieren sich eher an Abbildungen oder ignorieren die Gebrauchsanweisung komplett. Während Linkshirnige zum Termin überpünktlich sind, ist die vereinbarte Zeit für den Rechtshirnigen eher eine ungefähre Richtgröße, die selten eingehalten wird.

Drittens ist Hirndominanz messbar und zwar am besten über das sogenannte Potenzial des Frontalhirns. Dieser vordere Teil des menschlichen Gehirns ist für Planung, Wertung und Handeln zuständig ist. Wenn Nervenzellen hochaktiv sind, erzeugen sie ein elektrisches Signal, das Potenzial. Es kann mit einem Scanner gemessen werden. Dieses spezielle Gerät liefert Potenziale für das rechte und linke Frontalhirn, in Ruhe und unter Stress.

HuffPost: Muss ich mit meiner einseitigen Hirndominanz leben?

Erkens: Nein. Als Kleinkinder sind wir noch dazu in der Lage, beide Hirnhälften effektiv zu nutzen. Erst die Erziehung führt zu einseitiger Hirndominanz. Mit zunehmendem Alter wird sie immer starrer. Sie können das Zusammenspiel Ihrer Hirnhälften aber auch dann noch verbessern. Durch Training.

HuffPost: Hört sich aufwendig an.

Erkens: Ist es nicht. Das gelingt mit einfachen Übungen, die alltagstauglich sind und innerhalb von wenigen Wochen spür- und messbare Ergebnisse liefern.

Wichtig ist, beide Körper- und Gehirnhälften gleichermaßen zu trainieren und gewohnte Tätigkeiten bewusst abwechselnd mit der rechten und linken Körperhälfte zu erledigen.

Bewegen Sie zum Beispiel morgens im Bett die Fußspitzen synchron zu Ihrer Atmung auf und ab. Beim Einatmen die Füße zur Nase heben, beim Ausatmen die Füße senken. Und das am besten 20 Mal.

Danach auf die Bettkante setzen und beim Einatmen mit den Augen zur Decke schauen, beim Ausatmen die Augen zu Boden richten. Und auch beim Zähneputzen können Sie beide Körper- und Gehirnhälften trainieren: Stehen Sie abwechselnd auf einem Bein. Während Sie auf dem rechten stehen, putzen Sie mit der linken Hand Ihre Zähne. Wenn Sie auf dem linken Bein stehen, putzen Sie mit der rechten Hand.

Auch wenn es anfangs schwer fällt, ist es wichtig, die „schwache“ Seite zu trainieren. Ebenfalls eine gute Übung ist Seilspringen, abwechselnd auf einem Bein.

Wer Ausdauertraining wie Laufen oder Radfahren bevorzugt, sollte zur Abwechslung Krafttraining machen – und umgekehrt. Wer beides bereits in sein Training aufgenommen hat, kann meditieren oder Klavierspielen lernen.

HuffPost: Was bringt mir das?

Erkens: Wenn Usain Bolt die hundert Meter zum Ziel sprintet, sehen die Zuschauer zwei extrem erfolgreich miteinander arbeitende Körper- und Gehirnhälfte. Sein Zwölfzylinder arbeitet auf Hochtouren.

Erfolg braucht Spannung im Körper und im Gehirn! Und zwar symmetrisch ausgeglichen, in beiden Körper- und Gehirnhälften. Auch im Beruf kann das von immensem Vorteil sein: Steht zum Beispiel ein wichtiges Meeting mit einem Kunden an, das mehrere Stunden dauert, wird beim einseitig Hirndominanten bald die Konzentration schwinden. Wer aber in der Lage ist, mit beiden Gehirnhälften zu denken, wird in der entscheidenden Verhandlungsphase auf die Leistung beider Hälften zurückgreifen – und dadurch erfolgreicher sein.

erkens
Friedhelm Erkens hat eine Praxis für Orhtopädie in Bocholt und eine private Praxis in Kleve.

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