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Nazis, die wie Hipster aussehen: Warum "Nipster" eine Gefahr sind

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NIPSTER
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Was Hipster und Nazis miteinander gemein haben? Auf den ersten Blick nicht viel. Die einen: friedlich und urban. Die anderen: fremdenfeindlich und ewiggestrig. Die meisten Menschen würden glauben, dass sie Nazis und Hipster schon aus der Ferne voneinander unterscheiden können.

Es gibt ein Klischee in Deutschland, das sich über die Jahre tief im kollektiven Gedächtnis festgesetzt hat: Nazis sehen aus wie die Personifizierung des „hässlichen Deutschen“. So wie der Mann im Deutschlandtrikot, der sich Anfang der 90er Jahre während der ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen eingepisst hat.

Das Foto ist weltbekannt geworden. Oder wie die fleischigen Gesichter, die in den vergangenen Jahren in der NPD Karriere machten: Udo Voigt, Holger Apfel, und andere.

Reportage im "Rolling Stone"

Ein Artikel im amerikanischen Rolling Stone Magazine stellt nun diese Klischees infrage. Dabei fällt im Text ein Begriff, der schon seit einiger Zeit die Runde macht: „Nipster“. Nazis, die sich wie Hipster kleiden und mit den ewigen Naziklischees brechen. Tenor: Die „netten Nazis“ haben das Zeug, bis in die Mitte der Gesellschaft auszustrahlen.

Die schlechte Nachricht. Das stimmt.

Aber bisher ist die rechte Szene in Deutschland zahlenmäßig zu schwach, um wirklich wahrgenommen zu werden. Und nicht alle Rechtsextremen wollen sich als Hipster in die gesellschaftliche Mitte schleichen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz unterscheidet zwischen zwei kulturellen Erscheinungsformen des Rechtextremismus in Deutschland.

Auf der einen Seite die Neonazis: Sie haben ein ideologisch geschlossenes Weltbild und sind eher unzugänglich für Einflüsse von außen. Angehörige der Neonazi-Szene sind weit öfter in die Durchführung von geplanten Gewaltakten mit rechtsextremem Hintergrund verwickelt als andere Gleichgesinnte. Der Bundesverfassungsschutz schätzt, dass es etwa 5.800 Neonazis in Deutschland gibt.

Die Glatze war gestern

Andererseits gibt es 7.400 „subkulturelle Rechtsextreme“. Sie identifizieren sich mit rechter Ideologie über einen gewissen Lebensstil, zu dem unter anderem auch Musik und Mode gehören.

Ihr Weltbild ist durchsetzt mit antisemitischen und ausländerfeindlichen Ansichten, es ist aber nicht so ideologisch geschlossen wie das der Neonazis. Sie sind weit häufiger für spontane Gewalttaten verantwortlich. „Subkulturelle Rechtsextreme“ haben weniger Probleme damit, auch Einflüsse von außen aufzunehmen, zum Beispiel in der Mode.

Anfang des Jahrtausends waren die meisten Rechtsextremen noch recht gut an den kahlgeschorenen Köpfen oder an den Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln zu erkennen. Damals wollte sich das ganze Milieu vom Rest der Gesellschaft abgrenzen.

Vor einigen Jahren aber fingen subkulturelle Rechtsextreme an, modische Elemente der autonomen Szene zu adaptieren. Dass Rechtsgesinnte auf einmal mit Palästinensertuch um den Hals zu Demos kamen, sorgte bei allzu traditionalistisch orientierten Rechten anfangs für zornige Blicke.

Mittlerweile gibt es in der Szene ein Umdenken: Rechtsextreme Vordenker machen sich Gedanken, wie sie in Zukunft noch Jugendliche und junge Erwachsene erreichen können.

Klar ist: Musik ist ein gutes Lockmittel, das dabei hilft, bereits vorhandene Ressentiments zu schüren. Nazi-Rockbands allein sorgen aber noch lange nicht dafür, Druck auf der Straße zu erzeugen.

Schluss mit "Trauermärschen und Heldengedenken"

Im Jahresbericht des Bundesverfassungsschutzes wird ein Text von der rechtsextremen Seite „Altermedia“ zitiert: „Vielleicht sollte man endlich mal Prioritäten setzen und breitere Bevölkerungsschichten ansprechen. Mit irgendwelchen ‚Trauermärschen’ und ‚Heldengedenken’ lockt man die Jugend sicher nicht auf die Straße, das ist nur etwas für Nostalgiker.“

Das Zitat spielt auf die sinkende Mobilisierungsfähigkeit der Rechtsextremen an. Am 13. Februar 2013 gingen beispielsweise am Jahrestag der Bombardierung Dresdens nur noch 700 Menschen auf die Straße. Zum „Ersten Rechten Antikriegstag“ nach Dortmund kamen im September 2013 gar nur 50 Leute.

Die sinkende Teilnahembereitschaft hat auch mit der erhöhten Aufmerksamkeit in Sachen Rechtsextremismus im Zuge der NSU-Prozesse zu tun. Ein weiterer Grund ist jedoch auch, dass die rechte Szene mitunter in der Vergangenheit Schwierigkeiten hatte, rechtes Gedankengut in die Gegenwart zu übersetzen.

Mittlerweile gibt es rechte Raves, rechte Reggae-Konzerte, und auf YouTube stellten Aktivisten der NPD-Nachwuchsorganisation "JN" ein "Harlem-Shake"-Video online. Letzteres glänzt durch unfreiwillig komische Momente: Etwa, wenn ein vermummter Rechtsextremer mit einem Schild "Multikulti wegbassen" durch das Bild läuft, während im Hintergrund spanischsprachige Dancemusik läuft.

Der „Rolling Stone“ portraitierte unter anderem auch den bayerischen Rechtsextremisten Patrick Schröder, der nach eigener Aussage etwas dafür tun will, das Erscheinungsbild der rechten Szene zu verbessern.

Stilberatung für die Kameraden

Schröder ist NPD-Mitglied, trägt die Haare lang, mit Undercut, und statt mit Fred Perry oder Londsdale hüllt er seinen massiven Oberkörper lieber in Motiv-T-Shirts, mal mit rechten Parolen, mal ohne. Ein Team von SPIEGEL-TV hat ihn kürzlich für eine Reportage mehrfach begleitet.

„Man müsste in die Richtung schulen, dass die Leute ein besseres Auftreten hinbekommen“, sagt Schröder den Journalisten. „Nicht unbedingt von der Kleidung her, sondern wie sie etwas rüber bringen. Das ist aber alles nicht einfach.“

Schröder hat eine in Szenekreisen populäre Web-TV-Show und erreicht etwa 1000 Zuschauer pro Folge. Daneben gibt es Stilberatungskurse für seine Kameraden. Message: Der grölende Glatzkopf ist out.

Dass er aber, Charme beiseite, ganz offen seinen Rechtsextremismus lebt, offenbart Schröder im Interview mit den Journalisten von „SPIEGEL TV“ auch.

Er sagt zum Beispiel: „Es gibt auch Leute, die haben das Reich bis zum Mai 1945 bis zum letzten Tropfen Blut verteidigt. Wie schlimm kann denn diese Diktatur gewesen sein, wenn das immer noch Leute machen, oder damals gemacht haben? Es gibt Leute, die sagen, es wäre eine Katastrophe damals gewesen, es gibt Leute, die sagen etwas anderes.“ Nachfrage der Journalisten: „Was gab es denn damals, was überhaupt gut war?“ Antwort Schröder: „Was gab es damals, was gut war? Schauen Sie sich die Straftatenstatistiken an. Kennen Sie nicht? Ah, okay, Sie kennen nur die sechs Millionen.“ Gelächter aus dem Hintergrund.

Durchbruch in den Mainstream

Auch Schröder und ähnlich denkende Rechtsextreme dürften kaum die Energie haben, ihre Ideologie allein durch Stilverbesserungen und neue modische Trends in den Alltag der Bundesbürger zu transferieren. Und doch stoßen die "netten Nazis" auf weniger Widerstand als ihre glatzköpfigen Gesinnungsgenossen. Bisweilen werden sie sogar geduldet.

Es war im April und im Mai, als in Berlin und in anderen Städten größere Antikriegsdemonstrationen stattfanden, die unter dem Titel „Montagsmahnwachen für den Frieden“ liefen. Zwar hatten sich Rechtsextreme schon länger an einem populistischen Anti-Kriegs-Kurs versucht. Die Demonstrationen am Potsdamer Platz und am Brandenburger Tor gaben dann aber auch der NPD die Möglichkeit, Teil einer größeren, lagerübergreifenden Bewegung zu werden.

Zum Beispiel, als am Ostermontag gut 2.000 Menschen protestierten und der Publizist Jürgen Elsässer auf der Bühne von der „internationalen Finanzoligarchie“ schwadronieren durfte. „Das Verbrechen hat Namen und Anschrift!“, posaunte er. Und nannte danach fast ausschließlich jüdische Namen.

NPD-Kader besuchen unbehelligt Friedensdemo

Im Publikum war auch der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke, der mit einigen Kameraden erschienen war. Niemand versuchte, ihn zurückzudrängen. Keiner buhte ihn aus. Schmidtke klatschte gemeinsam mit den Hippie-Mädchen und den Skater-Jugendlichen bei Elsässers Rede. In diesem Moment war die NPD zum ersten Mal seit Jahren im Mainstream angekommen.

Schlüssel zum Erfolg war dabei die Elitenkritik: Das ungefähre Gefühl, dass etwas schief läuft in Deutschland, und dass „die da oben“ dafür verantwortlich seien. Dafür braucht man keinen Undercut und kein Motiv-T-Shirt. Aber es hilft. Weil es mittlerweile viele Deutsche gibt, die nichts dagegen haben, wenn die "netten Nazis" mitten unter ihnen sind.

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