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Auch Frauen schlagen zu: Häusliche Gewalt von Frauen gegen Männer ist ein ernstes Problem

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Dass es der Frauenfußball während der Männerfußball-WM in die Schlagzeilen schafft, kommt nicht allzu oft vor. Am Wochenende war es soweit, der Anlass jedoch hatte mit Sport nichts zu tun.

Die amerikanische Nationalspielerin Hope Solo wurde im angetrunkenen Zustand verhaftet. Die Anschuldigung: Solo habe ihre Halbschwester und ihren Neffen verprügelt. So heftig, dass beide sichtbare Verletzungen davon trugen. Die Torhüterin bestreitet das, sie ist derzeit gegen Kaution auf freiem Fuß.

Prügelnde Frauen? Finden bisher fast ausschließlich in Superhelden-Comics oder amerikanischen Actionfilmen statt. Dabei gibt es genug Indizien dafür, dass Frauen beinahe genauso häufig als Gewalttäter auftreten wie Männer.

Das belegt auch eine Studie des Robert-Koch-Instituts zu körperlichen und psychischen Gewalterfahrungen bei Männern und Frauen aus dem Jahr 2013.

Männer üben Gewalt meist gegen Fremde aus

So haben in den zwölf Monaten vor der Studie 3,4 Prozent der befragten Frauen körperliche Gewalt ausgeübt, bei den Männern waren es 3,9 Prozent. Männer treten meist im Alter bis 29 Jahren als Gewalttäter auf (10,6 Prozent). Unter den 30- bis 44-Jährigen dagegen lag die Zahl der körperlich gewalttätigen Frauen (5,2 Prozent) mehr als doppelt so hoch wie die der Männer (2,4 Prozent).

Männer üben Gewalt meist gegen Fremde aus (2,1 Prozent). Frauen gaben indes mehr als viermal so häufig (1,3 Prozent) wie Männer (0,3 Prozent) an, in den vergangenen zwölf Monaten gegen den eigenen Partner gewalttätig geworden zu sein.

Auch gegenüber anderen Familienmitgliedern werden Frauen der Studie zufolge mehr als doppelt so häufig gewalttätig wie Männer.

Die Forscher kommen zu folgendem Fazit: „Während es, nicht zuletzt angestoßen durch die Ergebnisse der feministischen Gewaltforschung, bereits eine hohe Aufmerksamkeit und vergleichsweise gut entwickelte Hilfestrukturen für gewaltbetroffene Frauen gibt, sind, trotz der Tatsache, dass Männer insgesamt häufiger Opfer von körperlicher Gewalt werden als Frauen, Gewaltopfererfahrungen von Männern im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs wenig repräsentiert.“

Gesellschaftlich noch weitgehend tabuisiert

Weiter heißt es: „Die soziale Akzeptanz einer männlichen Opferrolle eröffnete die Möglichkeit einer stärkeren Verankerung von Opfererfahrungen in der männlichen Selbstwahrnehmung sowie in männlichen Selbstkonzepten.

Die Themen „Frauen als Gewalttäterinnen“ und „Männer als Gewaltopfer“ sind gesellschaftlich noch weitgehend tabuisiert und werden erst allmählich von der Gewalt- und Genderforschung aufgegriffen.“

Mit anderen Worten: Dass es diese Tabus gibt, liegt auch an den Männern selbst. Viele haben ein großes Problem damit, zuzugeben, dass sie von einer Frau geschlagen wurden. Sie fürchten, in die Opferrolle gedrängt und verspottet zu werden.

Ein ähnliches Verhaltensmuster ist übrigens auch unter Kriegsveteranen bekannt, die oftmals ihre traumatischen Erlebnisse zu verdrängen versuchen, weil Verletzbarkeit nicht zum eigenen Selbstbild passt. Für andere Männer ist die prügelnde Frau immer noch eine erotische Phantasie. Das zeigen zahlreiche Tweets, die nach der Verhaftung von Hope Solo abgesetzt wurden.

Natürlich steckt dahinter eine schlimme Verklärung von häuslicher Gewalt. Und sie kommt fast immer von jenen Männern, die noch nie Opfer geworden sind.

Dieses Problem zeigt sich auch in der Art und Weise, wie über die Verhaftung von Hope Solo berichtet wurde. Viele Medien verniedlichten die Vorwürfe, die gegen Solo erhoben wurden – entweder zogen sie die Vorgänge ins Lächerliche (etwa als „Ausraster“) oder es war von der „schönen US-Torfrau“ die Rede, statt von einer mutmaßlichen Gewalttäterin.

Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass Gewalt von Frauen gegen Männer aus verschiedensten Gründen und von beiden Geschlechtern verharmlost wurde.

Im Frühjahr schlug die amerikanische Sängerin Solange Knowles, Schwester der Künstlerin Beyoncé Knowles, auf deren Ehemann Jay-Z ein. Der Rapper wehrte sich nicht und ertrug die Schläge, ohne selbst gewalttätig zu werden. In vielen Medien war dennoch von einer „Prügelei“ die Rede.

Jay Z wurde derweil Ziel des Spotts bei Twitter. Wieder einmal zeigte sich, dass die Angst vieler Männer, als Opfer auch noch stigmatisiert zu werden, sehr real ist.

Allein der Gedanke ist unerträglich: Dass jemandem, dem Gewalt widerfahren ist, in aller Öffentlichkeit noch seine Würde genommen wird. Denn unbesehen der Tatsache, welche äußeren Verletzungen Schläge hinterlassen: Sie haben immer auch psychische Folgen, die mitunter schwerer sein können als die körperlichen Blessuren. Das gilt übrigens auch für Rap-Stars.

Natürlich haben wir ein Wahrnehmungsproblem mit Gewalt gegen Männer. Und das betrifft die gesamte Gesellschaft. Es wäre viel zu kurz gedacht, den Feminismus dafür verantwortlich zu machen. Natürlich haben Frauenrechtlerinnen dafür gesorgt, dass über die früher ebenfalls tabuisierte häusliche Gewalt gegen Frauen geredet wird. Dass wir umgekehrt aber nicht über Gewalt von Frauen reden, liegt viel zu oft an den Männern selbst. Sowohl an denen, die ihre Gewalterfahrungen verdrängen, als auch an denen, die sich einen großen Spaß aus dem Leid anderer machen.

Was wir bräuchten, wäre ein neues gesellschaftliches Männerbild. Wir reden seit Jahrzehnten darüber, dass Männer auch mal weinen dürfen. Dass sie als Menschen genauso verletzlich sind wie Frauen. Erst wenn dieser Gedanke in den Köpfen der Leute angekommen ist, wird es echte Gleichberechtigung geben.

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