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Künstler foppen Ministerin Schwesig: Deutschland soll endlich syrischen Flüchtlingskindern helfen

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SCHWESIG
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Mehr als drei Jahre dauert der Bürgerkrieg in Syrien nun schon. Er hat Fakten geschaffen, die anhand der vorliegenden Zahlen kaum begreifbar sind: Weit mehr als hunderttausend Menschen sind ums Leben gekommen. Eine Million Kinder mussten nach UNHCR-Angaben aus dem Land fliehen, weitere drei Millionen haben innerhalb Syriens ihre Heimat verloren. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu fünfeinhalb Millionen syrische Kinder hilfsbedürftig sind. Das sind etwa so viele wie alle deutschen Kinder unter 14 Jahren zusammen.

Die deutschen Bemühungen, dieses Leid zu lindern, halten sich bisher – vorsichtig formuliert – in engen Grenzen. Gerade einmal 30.000 Flüchtlinge hat die Bundesrepublik bisher aufgenommen. Das sind ungefähr 0,3 Prozent derer, die in Syrien ihr Hab und Gut verloren haben. Bisher ist kein öffentlicher Druck entstanden, der die Bundesregierung zum Handeln zwingen könnte. Und in diesen Fällen pflegt Kanzlerin Angela Merkel die Politik der ruhigen Raute: Sie unternimmt nichts.

Bluff-Kampagne gegen die Untätigkeit der Bundesregierung

Die Aktionskünstler des Berliner „Zentrums für Politische Schönheit“ haben am Montag eine Kampagne gestartet, die das ändern könnte. Auf der Website „kindertransporthilfe-des-bundes.de“ kann man lesen, dass Familienministerin Manuela Schwesig nun endlich ein Einsehen gehabt habe. Das ist natürlich nur ein Bluff. Aber er ist gut gemacht. Wörtlich heißt es in der vermeintlichen Pressemitteilung der Ministerin: „Die Bundesregierung hat mit dem am 8. Mai 2014 im Bundestag eingebrachten Gesetzesentwurf 18/1333 die gesetzlichen Grundlagen für die Aufnahme besonders gefährdeter Kinder aus Syrien für die Dauer des Konfliktes geschaffen. (...)Im Rahmen des Hilfsprogramms des Bundes können vorübergehend 55.000 Kinder im Alter von bis zu 17 Jahren in die Bundesrepublik Deutschland einreisen, sofern für sie ein finanzieller Förderer oder eine Pflegefamilie gefunden wurde.“ Wer Lust hat, kann sich gleich als potenzieller Gastvater oder -mutter bewerben. Vorbild seien die Transporte jüdischer Kinder nach England in den Jahren 1938 und 39, die damals Tausenden das Leben retteten.

Die Syrien-Aktion ist fiktiv. Und doch könnte sie eine gewaltige Eigendynamik entwickeln: Man stelle sich vor, was passierte, wenn sich wirklich 55.000 potenzielle Gasteltern bewerben würden. Könnte die Kanzlerin dann immer noch sagen, sie sähe keine Veranlassung zum Handeln?

Ein geschicktes Spiel mit dem Desinteresse der Bundesregierung

Geschickt spielt das Zentrum für Politische Schönheit dabei mit dem Desinteresse der deutschen Politik. Die Fake-Kampagne zeigt, wie einfach es wäre, wenn man nur wollte. Um die nächste Stufe zu zünden, sollen Journalisten und Bürger nun der Bundesregierung Fragen stellen: Nimmt Deutschland jetzt wirklich syrische Flüchtlingskinder auf? Ist es wirklich war, dass es diesen Gesetzentwurf gibt, oder dass es ihn geben könnte? Wahrscheinlich kommt ein Dementi: Nein, wir nehmen keine Flüchtlingskinder auf. Die Tür bleibt zu. Für diesen Fall sind die Künstler vorbereitet. Weitere Aktionen sind bereits geplant, auch mit Überlebenden der britischen Kindertransporte.

Es wäre nicht das erste Mal, dass das Zentrum für Politische Schönheit für Schlagzeilen sorgt. Im Jahr 2012 etwa plakatierte die Gruppe um Philipp Ruch die Portraits von Anteilseignern des Rüstungskonzerns Krauss-Maffei Wegmann, mit der Bitte um Hinweise auf mögliches strafrechtlich verwertbares Material. So wollte das Zentrum auf den damals noch geplanten Panzerdeal mit Saudi Arabien aufmerksam machen.

Wie es aussieht, wenn wir Deutschen dem Leid des syrischen Bürgerkriegs nicht mehr aus dem Weg gehen können, war am späten Montagabend am Checkpoint Charly in Berlin-Mitte zu besichtigen. Mit einem Projektor warf die Künstlergruppe Videos aus der syrischen Metropole Aleppo an eine Häuserwand. Dort, wo einst die Berliner Mauer verlief, konnte man für einige Zeit Kriegsszenen aus einer längst zerstörten Stadt sehen.

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