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Wie eine Waffe im Krieg: „Mit Vergewaltigung spart man Bomben"

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VERGEWALTIGUNG
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„Ich war im dritten Monat schwanger, aber ich wurde von so vielen Männern vergewaltigt, dass das Baby herauskam. Hätte ich mich diesen Leuten verweigert, hätten sie mich umgebracht. Neun Männer haben mich vergewaltigt.“

„Die anderen Frauen waren stark, sie haben sich geweigert. Ich wollte leben (...).“

Nyawal hat den Horror überlebt, der im späten Dezember in Palop im Südsudan über sie hereinbrach. Den anderen sieben Frauen haben die Soldaten große Holzstöcke in die Vagina gestoßen. Sie sind gestorben.

Im Südsudan kämpfen seit Mitte September Anhänger zweier Politiker der Regierungspartei gegeneinander, meist Regierungstruppen gegen Deserteure und Milizen, die Volksgruppe der Dinka gegen die der Nuer.

Ein am Donnerstag veröffentlichter Report der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) listet Berichte wie den von Nyawal auf, dokumentiert, dass sogar ein zehnjähriges Mädchen von zehn Männern missbraucht wurde. Die Nachrichten zeigen: Vergewaltigung ist eine perfide Waffe.

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Die Hölle auf Erden - Südsudan
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Eine der ältesten Waffen der Welt

„Sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Krieg ist so alt wie der Krieg selbst“, schreibt Gabriela Mischkowski im Buch der Frauenhilfsorganisation „Medica Mondiale“, und sie sind „ Bestandteil jeden Krieges“, wie es auf der Homepage heißt.

Was sexuelle Gewallt so gefährlich macht: Sie ist leicht verfügbar – und entfaltet ihre zerstörerische Wirkung auf drei Ebenen:

  • Körper: Bei der Vergewaltigung erleiden viele Frauen schwere Verletzungen, „Risse in der Vagina und im Darm bis hin zu Beckenbrüchen“, heißt es bei „Medica Mondiale. Wenn die Betroffenen nicht daran sterben, können chronische Schmerzen etwa durch Fisteln und Inkontinenz sie ihr Leben lang quälen.

    „Andere erleben Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Das Risiko, sich bei einer Vergewaltigung mit Geschlechtskrankheiten, insbesondere HIV/AIDS, zu infizieren, ist ebenfalls hoch.“

  • Psyche: Viele Opfer sind nach den Angriffen traumatisiert, nur wenige haben Zugang zu psychologischer Versorgung. Oft dürfen sie nicht einmal sagen, was ihnen zugestoßen ist. Wie bei keinem anderen Verbrechen geht bei einer Vergewaltigung die Schande der Tat vom Täter auf das Opfer über“, schreibt die Hilfsorganisation.

    Manchmal werden auch die Ehemänner gezwungen, bei der Vergewaltigung ihrer Frauen zuzusehen. Es ist eine Erfahrung der Hilflosigkeit und Demütigung.

  • Familie und Gesellschaft: In manchen Regionen werden Frauen von ihren Familien verstoßen, wenn sie von der Vergewaltigung erfahren. Können die Frauen in ihrer Familie bleiben, kann es sein, dass sie wegen der Traumatisierung ihre Rolle als Mutter und Ehefrau nicht mehr ausfüllen können.

    Auch ihre Arbeitskraft kann beeinträchtigt sein.Viele werden durch die brutalen Angriffe auch unfruchtbar. Wurden die Frauen bei der Vergewaltigung mit Krankheiten infiziert, besteht die Gefahr, dass sich Erreger ausbreiten.

Kurz: „Mit Vergewaltigung spart man Bomben“, soll eine Beobachterin der Balkan-Kriege gesagt haben.

Missbrauch auf Befehl

In manchen Kriegen ist belegt, dass sexuelle Gewalt auf Anordnung begangen wurde. In Ruanda sei in den 90er-Jahren systematische Vergewaltigung Teil des Völkermordes an den Tutsi gewesen, schreibt Mischkowski. Sie zitiert einen UN-Sonderbeauftragten mit den Worten: „Vergewaltigung war die Regel, ihr Nichtstattfinden die Ausnahme.“

Herfried Münkler, Wissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin schreibt im Buch „Die neuen Kriege“, die Nationalsozialisten hätten mit Vergewaltigungen „,ethnische Säuberung‘ in großem Stil ohne Genozid“ betrieben.

Nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis in Libyen machten – letztlich nicht belegte – Gerüchte die Runde, der Machthaber habe Viagra gekauft, um das Wüten seiner Truppen noch zu unterstützen.

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„Aus Sicht der Frauen ist es letztlich unerheblich, ob sie auf Befehl in Massen und über Monate vergewaltigt werden, oder ob dies aus kriegsstrategischen Gründen ,nur‘ geduldet wird“, schreibt Mischkowski. Wie im Bosnien-Herzegowina der 90er-Jahre, als „mit der Billigung der Befehlshaber auf allen Ebenen“ Vergewaltigungen stattfanden, wie Mischkowsi notiert.

Seit dem Mittelalter verboten

Die Frage der Anstiftung macht lediglich für die juristische Aufarbeitung einen Unterschied. Bekannt ist, dass Vergewaltigung seit dem Mittelalter im Krieg verboten sind, obwohl damals wohl eher der Schutz der Soldaten vor Krankheiten im Vordergrund stand. Heute verpflichten die Genfer Abkommen, die auch der Südsudan ratifiziert hat, zum Schutz der Zivilisten.

Bis die Verbrechen strafrechtlich verfolgt wurden, dauerte es allerdings noch viele Jahre. "Erst Anfang der 1990er-Jahre begannen mit der Einrichtung der Sondertribunale für Ex- Jugoslawien und Ruanda ernsthafte Versuche, sexualisierte Kriegsgewalt systematisch strafrechtlich zu verfolgen", schreibt Medica Mondiale.

Entscheidend sei gewesen, dass bosnische Frauen den Mut hatten, über ihre Erlebnisse zu sprechen. "2001 wurde im Jugoslawien-Tribunal in Den Haag erstmals Vergewaltigung in Zusammenhang mit kriegerischen Aktionen als schwerer Verstoß gegen die Genfer Konventionen verurteilt und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft."

2008 habe der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in der Resolution 1820 den Einsatz von sexualisierter Gewalt erstmals als Kriegstaktik bezeichnet und festgestellt. Allerdings stehen immer noch Millionen missbrauchter Frauen einer Handvoll Verurteilter gegenüber.

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