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"Cannabis ist so gefährlich wie Sex": Experten räumen mit Marihuana-Mythen auf

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MARIHUANA
dpa
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Die Marihuana-Revolution hat begonnen. Immer mehr Länder und Staaten legalisieren die Droge vollständig oder in Teilen, allen voran die USA.

Im US-Bundesstaat Washington ist Cannabis bereits legal, in Colorado ebenfalls. Über ein Dutzend weitere Staaten debattieren darüber, die Droge zu legalisieren. In 20 amerikanischen Bundestaaten ist es zudem bereits erlaubt, Marihuana für medizinische Zwecke zu nutzen.

Auch Urugay hat sich für die Legalisierung entschieden und will damit kontrolliert und gezielt die Drogenkartelle bekämpfen.

In Deutschland hingegen bewegt sich die Gesetzgebung nur träge.

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Zwar haben erst kürzlich mehr als 100 Strafrechtler die Legalisierung von Haschisch und Marihuana gefordert und auch immer mehr Politiker, Wissenschaftler und Ärzte sprechen sich für eine Gesetzesänderung aus.

Doch die Vorurteile gegenüber der Droge halten sich immer noch hartnäckig.

Wir haben zehn Mythen über Cannabis auf den Zahn gefühlt:

1. “Marihuana macht süchtig.”

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Marihuana-Konsum, so wie der Genuss anderer Substanzen, zu Missbrauch und Abhängigkeit führen kann. Allerdings sind sich die meisten Experten einig, dass eine körperliche Abhängigkeit von der Droge äußerst unwahrscheinlich ist. Einige zweifeln sogar an, dass überhaupt Entzugserscheinungen auftreten würden.

“Ähnlich dem Alkoholkonsum kann es auch beim Haschischkonsum über einen längeren Zeitraum hinweg ein Missbrauchverhalten geben, ohne dass es zur Ausbildung einer Abhängigkeit kommt”, schreibt beispielsweise die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. auf ihrer Internetseite.

Das Risiko eines Missbrauchs und einer Abhängigkeitsentwicklung sei vom individuellen Konsummuster und den persönlichen und sozialen Risikofaktoren eines Cannabiskonsumenten abhängig.

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Allerdings könne es zu einer psychischen Abhängigkeit kommen, sagt zum Beispiel Dr. Christian G. Schütz, Psychiater an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn.

Studien hätten gezeigt, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Cannabis-Konsumenten die Kriterien der Abhängigkeit erfüllen, wenn die psychischen Symptome berücksichtigt werden. “Allerdings sind sie seltener abhängig als etwa Nikotin-, Heroin- oder Kokain-Konsumenten.”

Studien des amerikanischen “National Institute on Drug Abuse” haben sogar belegt, dass Cannabis weniger abhängig macht als Koffein.

2. “Marihuana ist fast so gefährlich wie LSD oder Heroin.”

cannabis

Kaum ein seriöser Gegner der Droge bedient sich dieses Arguments. Trotzdem stellt das deutsche Betäubungsmittelgesetz Marihuana auf eine Stufe mit anderen nicht verkehrsfähigen Betäubungsmitteln wie Kokain, LSD und Heroin.

Diese Substanzen weisen nach Einschätzung der Behörden das höchste Gefahrenpotential auf. Doch wie eine Studie der Drogenbeauftragten der Bundesregierung zeigt, verursachte Marihuana keinen einzigen der 986 Drogentoten im Jahr 2011.

Auch in Bezug auf die Suchtgefährung ist Marihuana kaum mit härteren Drogen zu vergleichen. Unter bestimmten Bedingungen kann der Konsum negative Folgen haben. Verglichen mit den Folgen, die der Dauerkonsum von LSD, Kokain oder Heroin hat, sind die Folgen von Marihuana-Konsum jedoch gering.

3. “Marihuana ist eine Einstiegsdroge und führt zum Konsum härterer Drogen.”

Die Behauptung, dass Marihuana Menschen dazu anstiftet, härtere Drogen zu nehmen, ist eines der beliebtesten Argumente im Kampf gegen die Legalisierung - obwohl es keinen Beweis dafür gibt. Angeblich fangen Menschen an, Crystal Meth, Koks oder Heroin zu nehmen, kurz nachdem sie Marihuana getestet hätten, heißt es häufig. Kritiker von Cannabis berufen sich sogar auf Statistiken.

Doch ein wichtiger Faktor, der hier vernachlässigt wird, ist, dass Korrelationen in einer Statistik nicht automatisch bedeuten, dass ein kausaler Zusammenhang besteht. Menschen, die Heroin oder Kokain nehmen, haben zwar zuvor oftmals Marihuana geraucht. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Marihuana die Ursache für ihren Konsum war.

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Maia Szalavitz vom US-Magazin “Time” erläutert diese Problematik an einem Beispiel anschaulich: “Bei Mitgliedern der Motorradgang “Hell’s Angels” ist es 104 Mal wahrscheinlicher, dass sie bereits als Kind Fahrrad gefahren sind. Es bedeutet aber genauso wenig, dass Fahrradfahren bereits ein erster Schritt zur Karriere als Mitglied einer Motorradgang ist.”

Tatsächlich zeigen Statistiken, dass Konsumenten von harten Drogen meist zuerst Marihuana konsumiert haben. Ursache dafür ist aber, dass es einfach zu kriegen ist. Studien belegen, dass die Theorie von der Einstiegsdroge ein Mythos ist, der sich seit den 90ern hält.

4. “Marihuana ist schädlich, weil es geraucht wird.”

marihuana

Die häufigste Form des Cannabis-Konsums ist der Joint. Häufig wird das Gras mit Tabak gemischt und geraucht. Die schädlichen Auswirkungen von Tabak sind hinreichend bekannt. Es ist allerdings nie bewiesen worden, dass Cannabis an sich die Lunge schädigt.

Erst kürzlich hat eine Studie aus den USA sogar belegt, dass Marihuana die Lungenfunktion verbessern kann. Zum Erstaunen der Wissenschaftler zeigte sich in der Kontrollgruppe, die Marihuana konsumierte, ein Anstieg des Lungenvolumens und der Lungenkapazität. Eine Erklärung für dieses Ergebnis konnten die Wissenschaftler allerdings nicht finden.

“Die schädlichen Substanzen in Marihuana sind ähnlich wie die im Tabak”, sagte hingegen Dr. Franjo Grotenhermen der Huffington Post. Er ist Cannabis-Experte und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin sowie Geschäftsführer der International Association for Cannabinoid Medicines.

“Sie scheinen aber keinen Krebs zu verursachen, weil THC gleichzeitig krebshemmend ist. Die größte Studie, die bisher durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass das Krebsrisiko ein bisschen gesenkt wird. Es ist aber so, dass andere Erkrankungen des Atemtraktes durchaus auch bei Cannabis-Konsumenten vorkommen. Eine chronische Bronchitis ist ein typisches Symptom, ähnlich wie bei Tabak-Rauchern.”

5. “Cannabis macht wahnsinnig.”

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Cannabis-Pflanze

Experten raten Menschen mit psychischen Vorerkrankungen wie Schizophrenie dringend davon ab, Marihuana oder andere bewusstseinserweiternde Drogen zu konsumieren. Es gibt allerdings keinerlei Nachweis dafür, dass Marihuana-Konsum zu psychischen Störungen führt.

“Bei Jugendlichen wird das Psychose-Risiko durch Cannabis-Konsum verdoppelt”, sagt Grotenhermen. “Das ist zumindest die gängige Annahme. Allerdings besteht dasselbe Psychose-Risiko bei Kindern, die in großen Städten aufgewachsen sind, im Vergleich zu Kindern, die auf dem Land aufgewachsen sind.”

“Eine Verdoppelung des Risikos ist ein vergleichsweise geringes Risiko. Statt einem von 100 Betroffenen sind bei doppeltem Risiko zwei von 100 Personen betroffen. Zum Vergleich: Wenn Sie rauchen, haben Sie ein 15 bis 20 Prozent erhöhtes Risiko an Lungenkrebs zu sterben”, sagt der Mediziner.

“Wenn man sagt, Cannabis verursacht Psychosen, müsste man also auch sagen, das Leben in Großstädten verursacht Psychosen.”

6. “Marihuana macht dumm.”

“Das ist ein Mythos”, sagt Grotenhermen. “Es gibt bei erwachsenen Menschen keinerlei Hinweise, dass Cannabis schädlich ist. Das entwickelte Gehirn nimmt keinen Schaden. Es gibt zwar eine einzelne Studien, die zu einem anderen Ergebnis gekommen ist. Allerdings waren dort Menschen betroffen, die mehr als zehn Joints am Tag rauchen.”

Auch Dr. Schütz kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: “Ob Cannabis zu kognitiven Langzeitschäden führt, ist nicht geklärt und nach unseren jetzigen Ergebnissen auch eher fraglich.”

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Allerdings warnt Grotenhermen vor Cannabis-Konsum bei Jugendlichen, da ihr Gehirn noch nicht vollständig entwickelt ist. Daher sei es keine gute Idee, wenn beispielsweise ein 14-Jähriger regelmäßig Marihuana konsumiere.

Grotenhermen weist außerdem darauf hin, dass Menschen mit kognitiven Defiziten häufiger zu Cannabis- und Alkohol-Konsum neigen. Es sei in diesen Fällen schwer nachweisbar, ob diese Defizite vor dem Konsum von Marihuana bereits vorhanden waren. Dies sei ein häufiger Grund für die Verzerrung von Untersuchungsergebnissen.

7. “Marihuana macht faul.”

marihuana
Teilnehmer des "World March of Marijuana" in Kolumbien

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. zählt als mögliche Folge des Cannabis-Konsums das sogenannte amotivationale Syndrom. Dieses äußere sich in Form von Teilnahmslosigkeit und mangelnder Aktivität.

Der Zusammenhang zwischen diesen Symptomen und Cannabis-Konsum ist allerdings nicht nachgewiesen und die Therorie längst überholt. Das geht aus einer wissenschaftlichen Arbeit von Dr. Grotenhermen und Robert Gorter über “Cannabis und Psychosen” hervor:

“Klinische Studien führten zu widersprüchlichen Ergebnissen, so dass die Existenz eines cannabisinduzierten Amotivationssyndroms heute als ungeklärt gilt. Der Zustand ist sicherlich eher selten. Persönlichkeit und Beikonsum anderer Drogen machen es zudem schwierig, ein amotivationales Syndrom per se auf Cannabis zurückzuführen.”

8. “Marihuana kann tödlich sein.”

Es ist so gut wie unmöglich, an Cannabis zu sterben. Die amerikanische Drogenbehörde DEA hatte Ende der 80er Jahre versucht, Labortiere mit Marihuana zu töten. Allerdings ohne Erfolg. Das Fazit der Wissenschaftler: “Um an Cannabis zu sterben, müsste ein Kiffer 1.500 Pfund rauchen - innerhalb von 15 Minuten.” Aspirin sei beispielsweise weitaus gefährlicher.

Große Aufregung herrschte, als im Februar bekannt wurde, dass deutsche Ärzte die weltweit ersten Todesfälle durch Marihuana-Konsum nachweisen konnten. Die beiden Männer starben an Herzrhythmusstörungen.

Im Interview mit “Vice” äußerte sich Dr. Grotenhermen skeptisch über die Ergebnisse seiner Kollegen. “Meistens findet man bei plötzlichem Herztod keine Ursache, und wenn man jetzt bei Betroffenen THC findet, dann sagt das ja über die Ursache nichts aus.” Allerdings sei Marihuana-Konsum keinem Patienten mit Herzerkrankungen zu raten.

“Menschen, die aufgrund einer Herzerkrankung nicht in der Lage sind, einen Kilometer zügig zu gehen, ohne dass Beschwerden auftreten, sollten sicherlich kein Cannabis konsumieren, denn es verändert den Blutdruck und steigert die Herzfrequenz”, sagte Dr. Grotenhermen der Huffington Post. Es kommt also auf den körperlichen Zustand der Person an. “Man könnte aber genauso gut sagen, Cannabis ist so gefährlich wie Sex.”

9. “Marihuana macht kriminell.”

Auch wenn einige Studien darauf hindeuten, dass Kriminelle einen erhöhten Marihuana-Konsum aufweisen, heißt das nicht, dass Kiffer automatisch ein kriminelles Leben führen. Tatsächlich beweist eine Reihe von Studien, dass es keinen Zusammenhang zwischen Marihuana und Kriminalität gibt.

Wenn es um Gewaltverbrechen geht, stellt Alkohol im Vergleich zu Marihuana einen erheblich größeren Faktor dar. Ein Bericht des US-amerikanischen Instituts für Alkoholmissbrauch und Alkoholismus weist darauf hin, dass 25 bis 30 Prozent von Gewaltverbrechen auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen seien.

Ein Artikel im Journal “Addictive Behaviors” aus dem Jahr 2003 merkt an, dass “Alkohol die Droge ist, der die häufigsten Rausch-Gewalt-Beziehungen nachgewiesen werden konnten” und dass “Marihuana die Wahrscheinlichkeit einer Gewalttat während des Konsums reduziert”. Die National Academy of Sciences konnte sogar nachweisen, dass das THC bei regelmäßigen Marihuana-Konsumenten “aggressives und gewalttätiges Verhalten” reduziert.

10. “Eine Legalisierung würde zu erhöhtem Konsum führen.”

marijo

“Das ist ein Mythos, der nicht mehr haltbar ist”, sagt Grotenhermen. “Der vermeintliche Vorteil des Verbots ist die Reduzierung des Konsums. Aber selbst die europäische Beobachterstelle für Drogen in Lissabon kommt zu dem Ergebnis, dass die rechtliche Lage auf die Menge des Konsums keinen Einfluss hat.”

In Holland werde beispielsweise nicht mehr gekifft als in Frankreich, obwohl die Gesetze deutlich lockerer sind. Zwar wolle man mit den Verboten vor allem die Jugendlichen schützen. Die hätten allerdings kaum ein Problem, an Marihuana heranzukommen: “Es ist der 50-jährige MS-Patient im Rollstuhl, der Probleme hat, an Cannabis heranzukommen”, sagt Grotenhermen.

Wäre Marihuana-Konsum ab 18 Jahren legal, hätten Jugendliche weniger Hemmungen, mit ihren Eltern darüber zu sprechen, meint der Mediziner. “Stattdessen lernen sie, mit Kriminellen in Kontakt zu treten.”

“Mit der Legalisierung würden die Probleme, die wir unter den gegenwärtigen Bedingungen haben, wegfallen: Schwarzmarkt, mafiöse Strukturen, Jugendliche, die Kontakt zu kriminellen Strukturen bekommen, und gesundheitliche Schäden durch gestreckten Cannabis”, sagt Grotenhermen.

Mit Material der Huffington Post USA.

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