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Medienkritik: Warum sich Journalisten und Leser immer schlechter verstehen

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Mit der Kritik ist das so eine Sache: Kommt sie undifferenziert daher, neigt man viel zu schnell dazu, sie nicht ernst zu nehmen.

Vielen Journalisten geht das seit Monaten so. Immer wieder bekommen sie zu hören, sie seien Teil der „Systemmedien“, „gekaufte Schreiberlinge“ oder auch kurz „Lügner“.

Meist fallen solche Anfeindungen im Zusammenhang mit der Ukraine-Berichterstattung. Und es wäre nur allzu einfach, darüber hinweg zu hören. Bei aller Kritik an der Kritik, die genauso gut möglich wäre: Es ist wahr, dass der deutsche Journalismus ein Kommunikationsproblem hat.

Doch erst einmal zu den Vorwürfen: Sie haben es spätestens seit dieser Woche in den kulturellen Mainstream geschafft. Die Satiriker Max Uthoff und Claus von Wagner widmeten sich in der Sendung „Die Anstalt“ den Geschehnissen in der Ukraine und der anstehenden Europawahl. Immer wieder, bis zum Schluss der Sendung, klang deutliche Kritik an der Berichterstattung deutscher Journalisten durch.

"Die Anstalt" bringt vieles auf den Punkt

Einiges davon ist fragwürdig: So wird, wie so oft in den vergangenen Wochen, die Journalistin Gabriele Krone-Schmalz als Kronzeugin angeführt. Sie hatte im NDR-Medienmagazin „Zapp“ deutliche Kritik am Tenor der deutschen Ukraine-Berichterstattung geübt.

Dass sie selbst aber nicht unumstritten ist, zeigt ein offener Brief des langjährigen Russland-Korrespondenten Boris Reitschuster, der Krone-Schmalz unter anderem vorwirft, für Vorträge vom Kreml bezahlt worden zu sein.

Andererseits trifft die Satiresendung in vielen Punkten ins Schwarze. So ist die Verbindung zwischen Journalisten und oft elitären Think Tanks in der Tat ein Problem. Warum die Chefs der Auslandsressorts von "Süddeutscher Zeitung" und "FAZ" gleichzeitig im Beirat der staatlichen Bundesakademie für Sicherheitspolitik sitzen dürfen, lässt sich nur schwer erklären.

In den USA wäre das in vielen Verlagshäusern nicht möglich. Die Info, dass Springer-Mitarbeiter laut Arbeitsvertrag das transatlantische Verhältnis fördern sollen, macht in den Russland-Foren schon seit Monaten die Runde. Und sie ist wahr. Ebenso wie die Tatsache, dass es kaum einen Journalisten in Deutschland gibt, der in so vielen transatlantischen Organisationen tätig ist wie der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe.

Journalisten in elitären Zirkeln

Natürlich ist jeder Journalist auch Staatsbürger und kann sich eben dort politisch engagieren, wo er will. Das Prekäre an den Zusammenhängen, die in der „Anstalt“ gezeigt wurden, ist aber der elitäre Kontext: Durch ihre Tätigkeit bei Institutionen, die nicht allen Bürgern offen stehen, erwecken Journalisten den Eindruck, sie würden ihre Berichterstattung in Hinterzimmern gemeinsam mit ihren mächtigen Freunden aushecken.

Das darf nicht sein. Vielleicht ist es auch deswegen Zeit, über die Wiederbelebung von Redaktionsstatuten nachzudenken, die solche Dinge klären könnten.

Doch das Kommunikationsproblem der Medien geht tiefer. Es ist nicht nur das Fremde im Handeln vieler Journalisten, das zu Kritik führt. Die Fremdheit mit dem Leser fängt schon in der Realitätswahrnehmung an.

Dazu trägt sicher bei, dass Journalisten eine sozial sehr eng geschlossene, homogene Gruppe sind. Eine Befragung der Friedrich-Ebert-Stiftung im Jahr 2008 hat gezeigt, dass Schüler der großen Journalistenschulen zu fast zwei Dritteln aus Beamtenhaushalten stammen.

Der Medienforscher Siegfried Weischenberg hatte in einer Befragung von 2006 festgestellt, dass nur neun Prozent der deutschen Journalisten aus Arbeiterfamilien kommen.

Ein weiteres Problem ist die Wirklichkeitswahrnehmung

Natürlich gibt es viele Journalisten, die trotz ihrer Herkunft aus Akademikerhaushalten genügend Interesse für die Lebenswelt derer aufbringen können, die kein Abitur haben. Neugierde sollte eigentlich in jedem Journalisten stecken. Doch oft genug klingt Dünkel aus journalistischen Texten heraus.

Ein Beispiel aus dieser Woche ist die Berichterstattung zum Tode des Fernsehmoderators Heinz Schenk, der 21 Jahre lang die Sendung „Zum Blauen Bock“ moderiert hat und damit bis zu 20 Millionen Zuschauer vor den Fernseher lockte.

Sicherlich war der „Blaue Bock“ kein Bildungsfernsehen, sondern professionell gemachte Unterhaltung. Und doch transportierte die Sendung ein regionales Lebensgefühl. Etwas, das viele Menschen nicht in Worte fassen können, aber erkennen, wenn sie es sehen.

Heinz Schenk schrieb all seine Moderationen und Witze selbst. Er machte seinen Job so gut, dass er bald schon zum Inbegriff des „Hessen“ in Deutschland wurde. Damit gab er seinem identitätsarmen, nach dem Zweiten Weltkrieg künstlich zusammengefügten Bundesland ein Gesicht – genau das haben ihm viele seiner Landsleute bis heute nicht vergessen.

Schenk war einer der letzten echten volkstümlichen Künstler

Dass Schenk durchaus in der Lage war, seine mediale Rolle zu reflektieren, bewies er mit seinem Part als alternder, egozentrischer Entertainer Heinz Wäscher in Hape Kerkelings Show-Satire „Kein Pardon“.

Später war er einer von Deutschlands ersten „Silversurfern“ und erklärte älteren Menschen den Umgang mit Computern. Sein Vermögen übrigens soll in eine Stiftung übergehen, die junge Musiker und Kabarettisten fördern wird.

Vor diesem Hintergrund ist es schon bemerkenswert, was beispielsweise Spiegel Online-Autorin Jenni Zylka zu Schenk in ihrem Nachruf einfiel. Unter der Überschrift „Der Äppelwoi-Onkel der Nation“ heißt es: „Statt den souveränen Frauenheld gab er den medioker schmierigen, aber schlagfertigen Weinonkel der Nation, mit dem sich viele Zuschauer identifizieren konnten.“

Oder: „Er babbelte sich bis ins Fernsehen und übernahm 1966 die Vorzeigeshow des Hessischen Rundfunks, "Zum Blauen Bock", deren Namen bereits Niveau und Trunkenheitszustand der Zuschauer und Mitstreiter auf den Punkt brachte.“

Zylka stellt Schenk als berechnenden Simpel mit unsympathischer Physiognomie dar. Noch einfacher gestrickt ist dieser Logik zu Folge nur sein Publikum. Im vorletzten Absatz zitiert sie ein volkstümliches Gedicht Schenks, sie schließt mit dem Satz: „Keine neue Erkenntnis, aber da nickt der Bürger gerne mit.“

Als ihr Text erschien, hatten sich bereits Hunderte Menschen in das Online-Kondolenzbuch des Hessischen Rundfunks eingetragen.

Kleinbürger-Bashing

Mal abgesehen von der Frage, ob dies der richtige Tonfall für einen Nachruf ist: Der gesamte Text ist nichts anderes als unverstelltes Kleinbürger-Bashing.

Mehr unbewusst als bewusst hat Zylka damit aufgezeigt, woran es vielen Medien in Deutschland fehlt: Journalisten verstehen sich in Deutschland immer seltener als Mittler zwischen Klein- und Bildungsbürgertum.

Zwangsläufig wird Journalismus deshalb auch als etwas Elitäres wahrgenommen, weil die Lebenswirklichkeit von Nicht-Akademikern oder Landbewohnern in den Medien unterrepräsentiert ist. Und wenn sie doch vorkommt, schwingt im Subtext nicht selten ein Stück Verachtung mit.

So ist übrigens auch der Bedeutungsverlust von Regionalzeitungen zu erklären. Noch in den frühen 90er Jahren kam ihnen auf dem Land und in den mittelgroßen Städten eine wichtige politische Funktion zu: Sie waren ein Bildungsinstrument.

Im Gegensatz zu Lokalzeitungen boten sie eine gute Mischung als anspruchsvoller Politikberichterstattung und lokaler Information. Ein Konzept, das auch heute noch funktionieren könnte, wenn es in den Redaktionen noch genug Personal gäbe, das den steten Informationsstrom aus dem Netz einordnet und bewertet.

Stattdessen fingen aber Anfang der Nullerjahre viele Zeitungen an, sich zu „regionalisieren“. Jobs in den Politik- und Nachrichtenredaktionen wurden gestrichen, lokale Meldungen schafften es nun bis auf die Titelseite.

Warum? Weil Verleger und Chefredakteure ihren Lesern unterstellten, sie würden sich ohnehin nur für das interessieren, was vor ihrer eigenen Haustür passierte. Spätestens das große öffentliche Interesse an außenpolitischen Themen wie dem Arabischen Frühling oder der Ukraine-Krise dürfte das widerlegt haben.

Die Leser wollen nicht immer nur schlechte Nachrichten hören

Auch der Umgang mit Themen spielt eine Rolle, wenn man das Kommunikationsproblem deutscher Journalisten beschreiben möchte. Denn genauso, wie es in der Welt der Leser und Zuschauer Missstände gibt, existieren dort auch schöne, motivierende oder trostspendende Geschichten.

Kritischer Journalismus ist wichtig. Ohne ihn wäre die Bundesrepublik keine freie Gesellschaft. Doch Journalismus ist nicht allein Kritisieren und Skandalisieren, sondern auch das Abbilden von Lebensrealitäten - um dadurch Lernprozesse anzustoßen. Auch eine positive Geschichte kann Menschen zum Nachdenken bringen.

Das alles sind nur Puzzlesteine. Wahrscheinlich kommt es täglich tausendfach vor, dass Autoren an dem vorbei schreiben, was Leser denken.

Und nicht immer ist das schlimm. Man stelle sich eine Medienwelt vor, in der Journalisten ihren Lesern nur noch nach dem Mund reden würden. Schnell wäre die Rede von einer „neuen Haltungslosigkeit“.

Denkanstöße sind wichtig, allein schon wegen der dabei freigesetzten Reibungsenergie. Was jedoch seltener wird, ist gegenseitiger Respekt.

Wenn kritische Autoren schnell mit dem Lafontaine-Bonmot „Schweinejournalist“ belegt werden, oder Journalisten voller Verachtung auf die Lebenswelt ihrer Leser blicken: Dann läuft im Kommunikationsprozess etwas schief.

Dass wir bereits an diesem Punkt angekommen sind, zeigen die atmosphärischen Störungen zwischen Medienmachern und Medienrezipienten der vergangenen Monate.

Für Journalisten ist das fatal: Sie leben schließlich davon, dass Leser ihnen vertrauen.

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