POLITIK
30/03/2014 14:30 CEST | Aktualisiert 07/04/2014 10:35 CEST

Das unheimliche Netzwerk der Muslimbruderschaft

Molden Verlag

Sie ist die weltweit größte Bewegung des politischen Islam – und damit eine der mächtigsten, mit 100 Millionen Mitgliedern. Und sie ist dabei, sich massiv zu verändern, unfreiwillig: die Muslimbruderschaft (MB).

Die Muslimbruderschaft steht „derzeit an einer zentralen Weggabelung zwischen Radikalisierung und Modernisierung“, schreibt die Wiener Journalistin Petra Ramsauer in ihrem neuen Buch „Muslimbrüder. Ihre geheime Strategie. Ihr globales Netzwerk.“ Wohin sich die MB entwickelt, ist für die Nahost-Expertin nicht nur wesentlich für die Entwicklungen in Ägypten, dem Mutterland der Bewegung. Angesichts der Größe und Verbreitung der Bewegung sei es „eine Weichenstellung von globaler Bedeutung“. Und hat damit auch Auswirkungen auf Deutschland.

Alte Geheimniskrämerei mit neuem Image

Bislang hat die 1928 von dem Lehrer Hassan al-Banna gegründete Organisation versucht, so wenig wie möglich von sich preiszugeben. Informationen waren am ehesten noch von mutigen Aussteigern zu bekommen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn etwa in Ägypten war sie jahrzehntelang verboten, und ist es jetzt wieder, nach dem Sturz des Präsidenten Muhammed Mursis, einem ranghhohen Muslimbruder, im Juli 2013.

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Mohammed Mursi mit Angela Merkel beim Besuch in Deutschland

Doch eben dieses Ereignis hat offenbar einige führende Muslimbrüder in Europa dazu bewegt, wenigstens unter der Zusicherung von Anonymität mit Ramsauer zu sprechen. Auf Basis dieser Gespräche, eigener Recherchereisen und Fachliteratur zeichnet Ramsauer ein neues Bild der Organisation. Mit aller Vorsicht, denn noch immer sei sie eine „mysteriöse Bewegung“.

So weit man weiß, zählen 79 Filialen in ebenso vielen Ländern. In Europa haben die Muslimbrüder ihre Ausbreitung ab den 70er-Jahren ganz maßgeblich von Deutschland aus vorangetrieben, vom „Islamisches Zentrum München“ aus.

„Außerhalb der arabischen Welt wird die Bewegung nie mit ihrem eigentlichen Namen bezeichnet“, schreibt Ramsauer. In Deutschland ist laut Bundesverfassungsschutz die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland“ (IGD) mit ihren 1300 Mitgliedern die „zentrale und wichtigste Organisation von Anhängern der MB in Deutschland. Neben ihrem Hauptsitz in Köln unterhält die IGD nach eigenen Angaben ,Islamische Zentren’ in München, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt am Main, Marburg, Braunschweig und Münster.“

Als Dachverband MB-naher Organisationen in Europa fungiert, so schreibt es der Verfassungsschutz Bayern, die Föderation der Islamischen Organisationen in Europa (FIOE) mit Sitz in Brüssel. Eng mit der MB verflochtene sei der Europäische Fatwa-Rat (ECFR) mit Sitz in Dublin. Dessen Vorsitzender Yusuf al-Qaradawi sei als geistiger Führer der MB bekannt.

Mitglied der Bruderschaft wird Ramsauers Recherchen nach nur, wer mehrjährige Schulungen in örtlichen Kleingruppen durchlaufen hat und sich als absolut loyal erwiesen hat. Die Zahl der Sympathisanten dürfte also die der echten Mitglieder bei Weitem übersteigen.

Ihre Beliebtheit hat sie in vielen Ländern dadurch erlangt, dass sie dort einsprang, wo der Staat versagte: bei der Gesundheitsversorgung, der Sorge um Arme und um Bildung. Welche Organisationen genau dazu gehören, lässt sich laut Ramsauer kaum recherchieren. Und angesichts der Repressalien etwa in Ägypten wird sich das wohl auch zumindest in den arabischen Ländern kaum ändern.

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Arme Kinder im Ägypten der 50er-Jahre

Allerdings scheint es dem Buch nach Bestrebungen zu geben, die Pressearbeit zumindest im Westen zu verbessern – wohl weniger um der echten Transparenz als des Images wegen. So hat sich die Hamas, eine Tochterorganisation der MB, im Herbst die überaus hübsche, englischsprechende Journalistin Isra al-Mudullal als Sprecherin ausgesucht – als „neues PR-Programm“, wie ein Hamas-Mitglied freimütig zugegeben haben soll.

Frauen auf dem Vormarsch

Frauen gelten als „tragende Säule“ der Organisation, schreibt Ramsauer, sie machten etwa die Hälfte der Mitglieder aus. Sie verrichteten die Basisarbeit, kümmerten sich um die Wohltätigkeit und arrangierten Ehen unter Mitglieder, um den Zusammenhalt zu festigen. Dazu hätten sie ebenso intensive Schulungen erhalten wie die Männer.

In den Führungspositionen hatten sie allerdings lange nichts zu suchen. Das ändert sich langsam. Wie Ramsauer schreibt wurden jüngst Frauen in wichtige Schura-Räte der MB in Tunesien, Syrien und Libyen gewählt.

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Nachdem in Ägypten nun die ganze Führungsriege – entgegen jeder menschen- und rechtsstaatlichen Kriterien – in Haft sitzt, haben die Frauen eine besonders wichtige Rolle bekommen. Frauen haben sich an die Spitze der Proteste gestellt. Einerseits, um sie aufrecht zu erhalten, andererseits aus dem Kalkül heraus, dass Frauen das Bild der Islamisten in der Öffentlichkeit verbessern würden und auch von den Behörden nicht so hart angepackt würden.

Abdriften in die Radikalität

Eine allgemeine Aussage, wie radikal die Muslimbrüder sind, ist kaum möglich. Die Mutterorganisation lehnt Gewalt seit Langem offiziell ab. Ihr tunesischer Ableger hat jüngst eine der fortschrittlichsten Verfassungen der arabischen Welt mitverantwortet. Andererseits feuert zum Beispiel die Hamas im Gazastreifen wann immer möglich Raketen gen Israel. In Syrien und Libyen steht die MB teils hinter den bewaffneten Aufständen.

Der deutsche Verfassungsschutz sieht die Muslimbrüder allerdings kritisch und hält die Ziele seines deutschen Ablegers IGD für unvereinbar mit der demokratischen Grundordnung. 2009 fand man einen Vierjahresplan der MB. „Die darin vorgesehenen Maßnahmen basieren auf einer Doppelstrategie“, heißt es im bayerischen Verfassungsschutzbericht von 2013. „Nach außen gibt sich die MB offen, tolerant und dialogbereit und strebt eine Zusammenarbeit mit politischen Institutionen und Entscheidungsträgern an, um so Einfluss im öffentlichen Leben zu gewinnen. Ihr Ziel bleibt aber die Errichtung einer auf der Scharia basierenden gesellschaftlichen und politischen Ordnung, wobei die MB für sich die Führungsrolle für alle Muslime beansprucht. Der Plan zeigt eine deutliche Abgrenzung gegenüber den USA, Israel, dem jüdischen Volk und Andersgläubigen.“

Experten gehen davon aus, dass die neuerliche brutale Unterdrückung der Muslimbrüder in Ägypten und der Sturz des gewählten Präsidenten und Muslimbruders Mursi zur Radikalisierung zumindest von Splittergruppen führen wird, so, wie es in den 50er-Jahren schon einmal passiert ist. Ramsauer fürchtet, dass einige „das Experiment mit der Demokratie für gescheitert“ erklären.

Direkte Auswirkungen sind damit vor allem für arabische Länder zu erwarten – indirekte aber auch für Europa. Denn die Zusammenhänge sind laut Verfassungsschutzbericht 2012 deutlich erkennbar: Darin heißt es, die IGD sei in Deutschland seit dem Arabischen Frühling und dem Machtzuwachs der MB in arabischen Ländern aktiver als zuvor. Allerdings seien die IGD-Aktivitäten „letztlich geeignet, gesellschaftlich desintegrativ auf hier lebende Muslime zu wirken“.

Internationaler Vernetzung wird wichtiger

Das internationale Netzwerk wird nach Ansicht von Beobachtern nach der Schwächung der Ägypter besonders wichtig werden. Für die internationale Zusammenarbeit gilt nach Ramsauers Recherchen ein Statut von 1994. Seither gibt es in jedem Land einen Schura-Rat, der einen Vorsitzenden wählt. Ein internationaler Schura-Rat aus 130 Mitgliedern wiederum wählt einen obersten Führer.

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Die Al-Taqwa-Bank mit Zweigstellen unter anderem in der Schweiz dient den MB als gemeinsames Finanzinstitut. Ramsauer zitiert den Journalisten und Ex-Muslimbruder Abdel al-Galil al-Sharnubi mit der Einschätzung: „In Wahrheit ist die internationale Vernetzung besonders wichtig, vor allem wegen der globalen Investitionen.“

Derzeit hat es den Anschein, als werde die alte MB-Hochburg Großbritannien künftig eine besondere Rolle spielen. Dorthin hat die ägyptische Bruderschaft ihre Pressestelle kürzlich verlegt, und auch ihre offizielle Webseite wird dort erstellt.

Wohin die Muslimbrüder sich bewegen werden, traut sich Ramsauer nicht zu schätzen. Zu unberechenbar machen Verschleierung und „chaotische Machtkämpfe“ die Gruppe. Damit bleibt die Bruderschaft weiter mysteriös – und möglicherweise gefährlich.

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