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Digitale Zukunft: Was wir von Estland über das Internet lernen können

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Vor gerade einmal 24 Jahren war Estland eine Wüste. Wirtschaftlich kaputt. Politisch bedeutungslos. Technologisch rückständig. Heute dagegen ist die baltische Republik mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern das vielleicht digitalste Land der Welt.

Das ist nicht nur eine spannende Geschichte an sich. An dieser Entwicklung können andere Länder eine ganze Menge lernen - gerade die Deutschen.

Nachdem sich der kleine Staat 1990 von sowjetischer Herrschaft befreit hatte, musste Estland von vorn anfangen. Der Kommunismus hatte das Land jahrzehntelang gelähmt. Nun wählte das Volk junge, kühne Politiker an die Macht, die sich an wirtschaftliche und technologische Experimente wagten. Und dafür belohnt wurden.

Das Ergebnis: ein Land, in dem das öffentliche Leben hauptsächlich online stattfindet. Regierung. Verwaltung. Bildung. Gesundheit. Recht. Alles wird digital organisiert und kontrolliert. Und die technikbegeisterten Bürger machen mit. In Estland telefonierte schon fast jeder mit dem Handy, als das hierzulande höchstens ein paar sehr wichtige Börsenmakler taten. Inzwischen gibt es in Estland mehr Mobilfunk-Verträge als Einwohner.

Es ist kein Wunder, dass die Esten so offen gegenüber neuer Technik sind. Sie hat ihr Leben leichter gemacht: Die Bürger sparen sich Behördengänge. Sie zahlen digital, überall. Sie weisen mit dem Mobiltelefon ihre Identität nach. Und sie haben selbst mitten im Wald WLAN-Zugang. Kostenlos natürlich.

Diese acht Schritte in die digitale Welt haben uns am meisten beeindruckt:

1. Personalausweis und Unterschrift sind überflüssig

Bürger weisen ihre Identität mit einer persönlichen ID-Nummer nach. Sie setzt sich unter anderem zusammen aus Geburtsdatum, Codes für das Geschlecht und für andere demografische Merkmale. Die Nummer ist auf einer ID-Karte abgespeichert - oder auf der Sim-Karte im Mobiltelefon. Die Bürger können sich damit zum Beispiel bei Behörden, bei der Bank, beim Schließen von Verträgen und beim Arzt ausweisen. Seit das Digitale-Signaturen-Gesetz erlassen wurde, zählt die ID genauso viel wie die Unterschrift auf Papier.

2. Kostenloses WLAN ist selbstverständlich. Überall.

In Estland ist an fast allen Orten kostenloses WLAN verfügbar: Auf öffentlichen Plätzen, in Parks, an Bushaltestellen, in Zügen, in Supermärkten. Ja, sogar an Stränden und mitten im Wald. Zustande kam das durch die Initiative eines Bürgers. Der Este Veljo Hamer besuchte Geschäfte und öffentliche Einrichtungen - und fragte dort, ob die Eigentümer ihr WLAN frei verfügbar machen wollen. Die meisten sagten ja, weil sie für das Zahlen mit EC-Karte sowieso eine Internet-Verbindung brauchten und die ungenutzte Bandbreite den Kunden zur Verfügung stellen konnten. Hamer gründete die Plattform wifi.ee. Von dort verbreitete sich der Trend im ganzen Land.

3. Die Esten bezahlen alles mit dem Mobiltelefon.

Kein Kleingeld zur Hand? Macht nix. In Estland gehört das Bezahlen mit dem Mobiltelefon zum Alltag. Parkgebühren begleichen die Bürger per SMS, Fahrkarten für Züge und Busse sind auf der Sim-Karte gespeichert. Auch im Supermarkt oder an der Kinokasse zahlen die Esten mit dem Handy.

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4. Die Krankenakte ist digital und für den Patienten jederzeit einsehbar.

In Estland ist der Patient Herr über seine eigenen Informationen. Arztbesuche, Medikamente und Untersuchungsergebnisse werden in der digitalen Patientenakte gespeichert. Ärzte und Kliniken überall im Land können sofort alle wichtigen Informationen einsehen - aber nur, wenn sie die Erlaubnis des Patienten haben. Rezepte auf Papier gibt es kaum mehr. Stattdessen werden sie an die zentrale Datenbank geschickt. Apotheken rufen sie ab.

5. Eltern wissen alles über die Schulleistungen ihrer Kinder.

Schüler können schlechte Noten nicht mehr verheimlichen. Und wenn sie heimlich schwänzen, kommt das heraus. Noten, Fehlstunden, Hausaufgaben und Lehrpläne werden auf einer zentralen Plattform gespeichert. Auch für die Schüler hat das Vorteile. Sie müssen verpassten Unterrichtsstoff nicht mehr von Klassenkameraden sammeln, denn sie haben online Zugang zu allen Lernmaterialen.

6. Die Steuererklärung macht sich von selbst.

Für Esten ist die Steuererklärung kein Behörden-Horror, den sie wochenlang aufschieben. Sie vervollständigt sich von selbst. Die Daten werden vom Finanzamt automatisch bei Arbeitgebern, Banken und andere Organisationen abgerufen. Am Ende prüfen die Bürger die Informationen und schicken das Formular ab. Zwei Tage später haben sie die Rückzahlungen auf ihrem Konto. Das ist so einfach und unbürokratisch, dass inzwischen 90 Prozent der Bürger ihre Steuererklärung online machen.

7. Transparenz ist mehr als nur ein Wort

Skeptiker mögen einwenden, dass die Bürger zu viele Daten preisgeben. Tatsächlich scheinen die Esten dadurch aber mehr Kontrolle über ihre Informationen zu haben. Sie können in einem Protokoll einsehen, wer ihre Daten wann abgerufen hat. Wenn es dafür keinen triftigen Grund gibt, können sie klagen. Und setzen sich in vielen Fällen durch. Umgekehrt gibt auch die Regierung mehr von sich preis als in anderen Ländern. Staatsausgaben werden in Echtzeit im Netz veröffentlicht.

8. Innovationen haben es leicht

Neue Ideen werden in Estland nicht durch bürokratische Hürden gebremst. Im Gegenteil, die Regierung hat ein Klima geschaffen, in dem Innovationen gedeihen. In dem kleinen Land entstehen gemessen an der Einwohnerzahl mehr Startups als irgendwo sonst in Europa. Deshalb wird Estland international schon als das "nächste Silicon Valley" gehandelt. Estnische Bürger können Firmen online gründen - im E-Business-Register. Das dauert nur 18 Minuten. Besuche beim Notar oder bei Behörden sind nicht nötig.

Der Kollaps in den 90ern hat sich für Estland als Chance herausgestellt. "Wenn man ein neues Land aufbaut, hat das Vorteile", sagt Jaan Tallinn, Gründer des Internet-Telefondienstes Skype der US-Zeitung "Christian Science Monitor". "Man kann das Neueste nutzen, das die Welt zu bieten hat."

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