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Generation Y: Wer uns noch nicht verstanden hat, sollte damit anfangen

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Generation Y: Selbstbewusst, Konsequent, Selbständig | Shutterstock
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Die Große Koalition beschließt die Rente mit 63 und glaubt, dass die junge Generation sie bezahlen wird. "Den Menschen soll es besser gehen. Wir wollen mehr Gerechtigkeit", sagt Arbeitsministerin Andrea Nahles, einstimmig mit Kanzlerin Merkel und der Regierung. Deren Zielgruppe ist offensichtlich die alte Generation, denn die junge, zu der ich gehöre, taucht in Nahles' watteweichen Sätzen gar nicht auf. Dass die Geschenke aus den Milliarden-Rücklagen der Rentenkasse bezahlt werden, dass die Rente künftiger Generation sinken wird und dass sie Ökonomen, Politiker und Unternehmer vor diesem kapitalen Fehler gewarnt haben, kalkuliert sie, verschweigt sie aber.

Ich gehöre zu der jungen, geschröpften Generation, die jetzt eigentlich aufstehen müsste und sagen sollte: Schluss jetzt! Hört auf, uns noch mehr aufzubürden! Doch das tun wir nicht. So sind wir nicht. Wir geben die Antwort, wenn wir Verantwortung übernehmen. Denn die gute Nachricht ist: Die Geldgeschenke von heute erfordern schmerzhafte Entscheidungen in der Zukunft, die dann nicht mehr Frau Nahles treffen darf, sondern wir, die junge Generation.

Das Rentenbeispiel ist nur eines von vielen, bei denen die Lösung von dramatischen Zukunftsproblemen ganz alleine auf die Jüngeren geschoben wird. Sie ist deswegen die Erlöser-Generation, deren Einfluss, so glaube ich, noch ziemlich unterschätzt wird. Bekannt ist sie unter dem Namen Generation Y, zu ihr zählen die heute 25 bis 35 Jahre Alten. Unsere To-Do-Liste ist lang: Wir müssen Kinder kriegen, was die ältere Generation jahrzehntelang nicht wollte, sonst kollabiert das Rentensystem (oder wir erfinden es einfach neu, das ist eher unsere Art). Wir müssen weniger, nein, besser, keine Schulden mehr machen – das bedeutet auch, dass wir uns entweder mehr anstrengen müssen (Wirtschaftswachstum) oder verzichten müssen. Wir müssen weniger CO2 in die Luft blasen und die Umwelt am besten nicht mehr versauen.

Danke für das Vertrauen

Wir sind nicht Jesus, wir können nicht übers Wasser laufen, aber wir haben uns unsere Erlöser-Rolle ja auch nicht ausgesucht. Das waren die Älteren. „Macht es besser als wir“, ein viel gehörter Satz. Um das ganz klar zu sagen: Danke für das Vertrauen, wir nehmen die Aufgabe gerne an, denn langsam aber sicher haben wir die Macht dazu. Generation Praktikum, un- und unterbezahlt, das war einmal. Es wird nicht allzu lange dauern, da wird diese Generation Vorstandsvorsitze, Aufsichtsräte, Lehrstühle und auch Regierungsposten übernehmen - nicht nur in Deutschland, sondern rund um den Globus. Man könnte auch sagen: Die Generation Y übernimmt die Weltherrschaft, und ich rate den Älteren: Wenn Sie uns noch nicht verstanden haben, fangen Sie jetzt damit an. Wenn Sie Ihre Zukunft verstehen wollen, müssen Sie uns verstehen. Denn Ihre Zukunft liegt in unseren Händen, und ich erkläre Ihnen auch, was Sie erwartet.

Meine Generation weiß: Die Welt ist scheiße, aber nur sie kann sie retten. Sie ist aufgewachsen in den Nullerjahren, einem Jahrzehnt der Krise. Es hat sie in ihren Grundfesten geprägt, weil wir jung waren und eine tabula rasa, ein unbeschriebenes Blatt.

Es begann so richtig mit 9/11. Der große Crash. Eine historische Zäsur. Es sah danach aus, dass meine Generation lebenslang im Grabenkampf mit Terroristen leben würde. Dann kam die Angst vor der Klimaerwärmung, Tenor: Wir werden untergehen im Klimahöllenfeuer. Ich sehe jetzt noch hunderte Zeitungsberichte vor meinem Auge mit dieser düsteren Prognose. Dann kam der 15. September 2008, viele werden sich daran nicht mehr erinnern, ich auch nicht. Er hat eine Weltwirtschaftskrise losgetreten, die immer noch nicht ausgestanden ist. Damals sagte man den Untergang allen Wohlstands voraus.

Natürlich sind wir keine von Trauma und Verzicht gezeichnete Nachkriegsgeneration (1945+) und mussten nicht jahrzehntelang einen atomaren Krieg fürchten. Aber: Die Nullerjahre prognostizierten meiner Generation eine düstere Zukunft, die, so sagten uns die Älteren, nur wir aufhalten können. Wenn man das ständig hört, glaubt man das irgendwann. Und deswegen sind wir so, wie wir sind.

Selbstbewusst. Fragen Sie mal einen Chef, der einen Y-er frisch eingestellt hat. Gehalt ist ihm eher egal, was wirklich wichtig ist sind kreative Aufgaben, Familie und ein ausgeglichenes Leben. Straßenkampf ist nicht so unsere Art. Die Generation kämpft im Büro, am Fließband oder im Labor, sie stürzt das System nicht von außen, indem sie draufhaut, sie stürzt es von innen, indem sie ein Teil davon wird. Denn Fleiß und Tugend gehören zu unseren Stärken, wie eine Shell-Studie von 2010 belegt. Wir sind exzellent ausgebildet (steigende Abiturienten- und Studentenzahlen). Deswegen nehmen wir uns, was uns gehört, sobald wir einen legitimen Anspruch darauf haben. Mit dem Gefühl, dass alles möglich ist. Mit dem Gefühl, dass es keine Grenzen gibt und alles sowieso wieder gut geht.

Autonom. Meine Generation braucht keinen, der sie vertritt. Sie vertritt sich selbst. Sie hat das Internet. Sie produziert ihre eigenen Lieder, vorbei an großen Plattenfirmen. Schreibt ihre eigenen Bücher, vorbei an großen Verlagen. Gründet ihre eigenen Unternehmen, statt bei Siemens, Bosch und Daimler anzuheuern (die Startup-Szene ist eine Bastion der Jungen! Ihr Messias: Mark Zuckerberg). Braucht keine Gewerkschaften. Sie ist selbstbewusst (Erlöser, hallo?!?!) genug, ihr Gehalt und ihre Arbeitszeiten mit dem Chef persönlich auszuhandeln.

International. Schüleraustausch nach Frankreich, Erasmus-Programm (das exakt so alt ist wie ich): Meine Generation denkt nicht in “deutsch” oder “französisch”, sondern mindestens in “europäisch”. Im europäischen Ausland stellen wir uns nicht als Deutsche, sondern Europäer vor. Vorherige Generationen haben alles dafür getan (gemeinsame Währung, Freizügigkeit, eine Sprache), wir bedanken uns und werden einen europäischen Staat gründen. Versprochen.

Konsequent. Gehalt, Wachstum und Wohlstandsmehrung werden wir degradieren, Naturschutz, grünen Strom, Nachhaltigkeit befördern. Man nennt uns schon die “Generation Pippi”, weil wir uns die Welt machen, widde widde wie sie uns gefällt. Die Autoindustrie zuckt vor der Generation Y, weil immer weniger ein eigenes Auto besitzen wollen. Sie sharen es lieber, genauso wie Ideen: Patente verstehen viele als Relikt aus der Vergangenheit, ein Bremsklotz der Innovation (ob das so stimmt, sei dahingestellt).

Deswegen wird meine Generation auch eine Antwort auf die Rente mit 63 geben. Und ich versichere Ihnen: Wir werden euch zumuten, was ihr, liebe Älteren, uns jetzt zumutet. Das könnte dann bedeuten, dass alle, einschließlich der aktuellen Bundesregierung, vielleicht bis 80 arbeiten müssten.

... unter einer Voraussetzung: dass wir alle Erwartungen erfüllen. Denn unser Problem ist vielleicht nicht, dass es Grenzen gibt, sondern unsere Grenzenlosigkeit.

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