Nymphomanie: Sechs Fakten über Hypersexualität bei Frauen

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Hinter einem krankhaften Sextrieb steckt oft eine psychische Störung | Thinkstock.com
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Unersättlich, mannstoll, verrucht. Der Begriff "Nymphomanie" weckt Fantasien. Und erregt Scham. Allein die Vorstellung: Frauen, die dauernd Sex haben wollen. Die fremde Männer verführen und immer mehr verlangen. Diese Idee war Stoff unzähliger Bücher und Filme. Gerade schockt Lars von Trier mit seinem Skandalfilm "Nymphomaniac", in dem eine Sexsüchtige ihre Lebensgeschichte erzählt.

Wissenschaftler meiden das Wort "Nymphomanie", weil es vorbelastet ist. Sie sprechen von Hypersexualität. Vieles, was wir darüber zu wissen glauben, ist Legende, vieles falsch. Huffington Post sprach mit dem Wiener Psychotherapeuten Richard L. Fellner über den Mythos Nymphomanie. Sechs Fakten über Sexsucht bei Frauen:

1. Im 19. Jahrhundert galten alle Frauen, die sexuelle Bedürfnisse auslebten, als nymphoman.
Sittenwächter sahen Nymphomanie als schwere psychische Krankheit, die den Betroffenen ausgetrieben werden musste. "Darunter fielen damals wohlgemerkt auch Frauen, die uneheliche Kinder zeugten oder masturbierten", sagt Richard L. Fellner. "Aus heutiger Sicht sind das unfassbar sexistische und lebensfremde Kriterien." Ärzte traktierten die Patientinnen mit Aderlass und Blutegeln, im schlimmsten Fall amputierten sie die Klitoris.

2. Sexuelles Verhalten ist krankhaft, wenn die Betroffenen darunter leiden und es nicht kontrollieren können.
Hypersexuelle zeigen oft schon nach zwei oder drei Tagen ohne Sex Symptome: Magenbeschwerden, Verspannungen, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen. "Sie sind durch ihren inneren Druck belastet und eingeschränkt, und sie zeigen Anzeichen von Abhängigkeit", sagt Fellner.

3. Hypersexualität wird bei Frauen seltener diagnostiziert als bei Männern.
Es gibt keine verlässlichen Zahlen dazu, wie viele Menschen erkranken. Klar ist, dass Hypersexualität meistens bei Männern festgestellt wird. "Das kann aber auch daran liegen, dass promiskuitives Verhalten bei Frauen auch heute noch weitaus stärker tabuisiert ist", sagt Fellner. "Frauen sprechen dieses Problem seltener an als Männer und haben gelernt, ihre Lust zu verbergen und zu verdrängen." Außerdem kämen Männer häufiger zur Sexualberatung, oft auch weil ihre Partnerinnen Druck machten. Hypersexuelle Frauen hingegen seien häufig Singles.

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4. Hypersexuelle Frauen haben Schwierigkeiten, einen Partner zu finden.
Eine Frau, die immer Sex will - das hört sich zunächst nach einem Männertraum an. "So lautet das Klischee", sagt Fellner. "Doch in der Sexualberatung begegnen mir Männer, die sich schon unter Druck gesetzt fühlen, wenn ihre Partnerin zwei Mal pro Woche Lust auf Sex hat." Die betroffenen Frauen haben einen starken Sexualtrieb, sie sehnen sich aber auch nach Geborgenheit. "Beides zu vereinen, gelingt jedoch nur den wenigsten", sagt Fellner. "Auch deshalb, weil hypersexuelles Verhalten Ausdruck einer tieferliegenden psychischen Störung sein kann."

5. Betroffene haben oft auch andere psychische Krankheiten
Experten können nicht eindeutig sagen, was Hypersexualität auslöst. "Es gibt aber eine Reihe von anderen psychiatrischen Auffälligkeiten, bei denen zumindest phasenweise starker sexueller Druck empfunden werden kann", so Fellner. Bipolare Störungen, das Alzheimer-Syndrom, Borderline-Störungen. Auch Alkohol- oder Drogensucht kann den Sexualtrieb übermäßig steigern. "Wenn keine solchen Auslöser gefunden werden, kann Hypersexualität häufig durch ein intensives, kaum zu stillendes Bedürfnis nach Intimität erklärt werden", sagt Fellner.

6. Immer mehr Menschen benutzen Sexsucht als Entschuldigung dafür, dass sie nicht treu sein können.
Michael Douglas, Tiger Woods, Lindsay Lohan: Viele Prominente sind angeblich sexsüchtig. "Ich teile die Ansicht, dass es sich um eine Modediagnose handelt", sagt Richard L. Fellner. Das heiße aber nicht, dass es so etwas wie Sexsucht nicht gebe.

Allerdings könne die Diagnose auch ein Feigenblatt sein. Zum Beispiel für schillernde Hollywood-Stars, die verhindern wollten, dass sich die vorgeblich hochmoralische US-Öffentlichkeit entsetzt von ihnen abwende. "Auch wenn wir angeblich alle aufgeklärt und sexuell freizügig sind, hängen die meisten immer noch dem romantischen Idealbild lebenslanger Liebesbeziehungen und sexueller Treue nach", sagt Fellner. Alles andere sei problematisch, ja möglicherweise sogar "krankhaft".

fellner
Richard L. Fellner ist Psychotherapeut und hat eine Praxis in Wien.

Auch auf HuffingtonPost.de: Video klärt auf Die Wahrheit über Sex

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