Kampf gegen Homophobie in Europa: EU-Parlamentarier lässt Shitstorm unbeeindruckt - Zustimmung für Lunacek-Bericht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HOMOSEXUALITT
Getty
Drucken

Mit so einem Shitstorm hatte sie wirklich nicht gerechnet. Mehr als 40.000 Mails erreichten Ulrike Lunacek in den vergangene Tagen und Wochen. Die Österreicherin ist Abgeordnete im EU-Parlament, von der Fraktion der Grünen. Ihre Kritiker forderten: Stoppen Sie Ihren „EU-Fahrplan zur Bekämpfung von Homophobie“. Und zwar schleunigst.

Lunacek war schockiert über die massive Hasswelle gegen ihre Person. Sie habe doch nur einen Bericht vorgelegt, in dem sie strategische Ziele formulierte, wie das EU-Parlament sich stärker für die Rechte und gegen die Diskriminierung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgender, Transsexuellen und Intersexuellen einsetzen kann. „Solch einen Widerstand gegen einen Bericht, der von dem Recht der Menschen handelt, ohne Angst so zu leben und zu lieben wie sie wollen, ist etwas, das ich nicht erwartet hatte“, sagt sie. Auch ihre Website wurde gehackt. Ein Zufall? Daran glaubt Lunacek nicht.

Klatsche für Konservative, die vor "Homo-Unterricht" warnten

Und dennoch hat sie sich mit ihrem umstrittenen Bericht, der auch von EU-Parlamentariern von CSU und CDU kritisiert worden war, überraschend deutlich durchgesetzt. 394 Parlamentarier stimmten an diesem Dienstag in Straßburg für den Lunacek-Bericht, 176 dagegen. Lesben- und Schwulenverbände in Europa feiern das Ergebnis.

Unter anderem soll sich das EU-Parlament dafür einsetzen, in Schulen „objektive Kenntnisse“ über Fragen im Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität zu fördern. In Baden-Württemberg sprach man bei ähnlichen Formulierungen zuletzt von pädagogischer Bevormundung. Weitere Strategiepläne im Lunacek-Bericht: Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sollten EU-weit anerkannt und die "Störungen der Geschlechtsidentität" von der Liste der psychischen Störungen und der Verhaltensstörungen der Weltgesundheitsorganisation WHO gestrichen werden.

Die deutliche Zustimmung ist eine Klatsche für etliche Konservative, die zuletzt - auch in Deutschland - mit radikalen Tönen gegen den Lunacek-Bericht wetterten und davor warnten, Lunacek wolle Homosexualität als Leitkultur diktieren. An den Schulen gebe es wohl bald „Homo-Unterricht“, erklärten Vertreter der „Aktion Kinder in Gefahr“. Initiatoren einer Online-Petition attackierten Lucanek, weil die Österreicherin unter „dem Deckmantel der Nichtdiskriminierung (...) Sonderprivilegien" für Schwule und Lesben durchsetzen wolle.

"Sonderwünsche einer empirisch nicht messbaren Minderheit"

Hedwig Freifrau von Beverfoerde, die Sprecherin der Berliner „Initiative Familienschutz“, warnte gar vor einem „Skandal“ im Europäischen Parlament. Sie sieht durch den Bericht „das Prinzip der Universalität der Menschenrechte“ untergraben. Lunacek plane „Sonderwünsche einer empirisch nicht messbaren, aber lautstarken und in Politik und Medien gut vernetzten Minderheit von Schwulen und Lesben gegen die Interessen der Allgemeinheit durchzusetzen“, erklärte von Beverfoerde. Auf Anfrage der Huffington Post war sie am Dienstag nicht erreichbar.

Der Protest blieb bei deutschen EU-Politikern nicht ungehört. Der deutsche EU-Parlamentarier Markus Ferber (CSU) kritisierte etwa, dass Lunacek die Kompetenzen der Mitgliedsstaaten auszuhebeln versuche. Er werde seine Kollegen davon überzeugen,“diesen Bericht abzulehnen“.

Trotz des massiven Widerstands der vergangenen Tage konnte Lunacek lächeln, als sie am Dienstagmittag das Abstimmungsergebnis der EU-Parlamentarier sah. Ihr eindringlicher Appell am Montag hatte offenbar Erfolg. Da hatte sie noch einmal deutlich gemacht, dass ihr Bericht nichts formuliere, was nicht eigentlich normal sein sollte. "Sagen Sie mir, liebe Kollegen, welches Recht in meinem Bericht privilegiert Schwule und Lesben?" Es handele sich letztlich um Rechte, die auch anderen häufig diskriminierten Gruppen wie Roma oder behinderte Menschen zustünde.

Lesben- und Schwulenverband: "Ergebnis ist ermutigend"

Ob den Worten im Aktionsplan auch Taten folgen, hängt jetzt von der EU-Kommission ab. Lunacek jubelt bereits: „Homophobie wird in Europa nicht mehr länger geduldet.“ Auch Eva Henkel vom Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland spricht von einem "großen Erfolg". Das eindeutige Ergebnis sei "ermutigend" - und komme zum richtigen Zeitpunkt, erklärte Henkel gegenüber der Huffington Post. Man müsse nicht erst nach Russland blicken, um "die menschenverachtende Politik der Diskriminierung" von Homosexuellen zu kritisieren. Diese "gehört leider auch in der EU oft noch zum Alltag."

UPDATE: 15.59 Uhr - Der Artikel wurde um Reaktionen ergänzt.

Auch auf HuffPost

Close
10 Promis, deren Sexualität diskutiert wurde, bevor sie ihr Coming out hatten
von
Teilen
Tweet
Werbung
Aktuelles Bild

Korrektur anregen

So berichten andere

Familienbischof Küng empfiehlt Ablehnung des 'Lunacek-Berichts'

EU-Parlament: „Fahrplan gegen Homophobie“ - Thomas Schneider ...

Ulrike LUNACEK - Europa

Keine LGBTI-Sonderrechte! Nein zum Lunacek-Bericht | CitizenGO

„Fahrplan gegen Homophobie“ - Idea

Lunacek: "Europaparlament widersetzt sich konservativer Panikmache und sagt ...