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10 Gründe, warum Deutschland Zuwanderung braucht

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TRKEI
Immer mehr Einwanderer kommen nach Deutschland - und das ist gut so | Getty

In den vergangenen Jahren hat sich Deutschland immer mehr für Zuwanderer geöffnet. 2012 war die Zahl der Migranten so hoch wie seit 1995 nicht mehr. Das geht aus dem aktuellen Migrationsbericht hervor, den das Bundeskabinett kürzlich vorgestellt hat. Fakt ist: Etwas mehr als eine Million Menschen zogen 2012 in die Bundesrepublik – das sind 13 Prozent mehr als 2011. Aber können wir mit so vielen Einwanderern überhaupt etwas anfangen?

„Wir alle wissen, dass Deutschland auch auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen ist“, sagte Innenminister Thomas de Maizière erst vor kurzem. Die Zahlen belegten, dass Deutschland für Migranten attraktiv sei und die Weichen für den Zuzug von Fachkräften richtig gestellt seien, sagte der Innenminister.

Dass die auch kommen, belegen die Zahlen des Migrationsberichts. Waren es 2009 noch 16.000 hochqualifizierte Zuwanderer, kamen im vergangenen Jahr schon mehr als 27.000. Erst kürzlich hatte die CSU noch gegen zu viele geringqualifizierte Migranten gewettert – die aktuellen Statistiken belegen das Gegenteil.

Die Huffington Post findet: Die Debatte um vermeintliche Armutszuwanderung versperrt die Sicht auf die vielen positiven Auswirkungen von Immigration. Diese 10 Gründe zeigen, dass Staat und Wirtschaft auf Zuwanderung angewiesen sind:

1. Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen auf den internationalen Märkten steigt

Um erfolgreich zu sein, müssen sich Unternehmen immer mehr global ausrichten. Fachkräfte aus dem Ausland können den Firmen dabei helfen, neue Märkte zu erschließen und Geschäftskontakte mit potenziellen Partnern aus dem Ausland herzustellen. So ist auch der Bedarf an interkulturellen Kompetenzen einer der Hauptgründe, warum deutsche Unternehmer ausländische Arbeitskräfte einstellen:

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(Quelle: HAYS HR Report 2011)

2. Zuwanderung steigert die Innovationskraft

Branchen, deren Erfolg stark von Innovationen abhängen (Maschinen- und Fahrzeugbau, Pharmaindustrie), sind das Zugpferd der deutschen Wirtschaftskraft. Besonders hier zahlt es sich aus, dass in den vergangenen Jahren immer mehr ausländische Forscher nach Deutschland gekommen sind.

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(Quelle: Deutscher Akademischer Austauschdienst)

Dass es einen Zusammenhang zwischen Migration und Innovationskraft gibt, belegen Wissenschaftler. So hätten hochqualifizierte Einwanderer - gemessen an der Zahl an Patenten - einen positiven Einfluss auf die Innovationsfähigkeit von Unternehmen, schreiben die Forscher Alessandra Venturini and Neha Sinha.

3. Migranten sind jung – und zahlen länger in die Sozialkassen ein

Das Durchschnittsalter eines Zuwanderers liegt derzeit bei 28 Jahren. Im Schnitt könnte also jeder Zugezogene gut 40 Jahre in die Sozialkassen einzahlen – wenn er sich dazu entschließen würde, zu bleiben. Dabei teilen die vergleichsweise jungen Einwanderer das Schicksal ihrer deutschstämmigen Altergenossen: Sie werden einmal bedeutend weniger Rente bekommen als der Durchschnittsdeutsche des Jahres 2014, der etwa 45 Jahre alt ist. Darüber hinaus haben die weitaus meisten Migranten einen Bildungsabschluss in der Tasche, der mit Steuergeldern eines anderen Landes finanziert wurde. Deutschland profitiert also von Bildungsinvestitionen, die anderswo getätigt werden.

Die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zahlen in Deutschlands Rentenkasse ein. Zwischen 2015 und 2035 wird es wahrscheinlich einen Rückgang der Beitragszahler geben, da die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1969 in Rente gehen werden - die Einnahmen der Rentenversicherung könnten dann drastisch sinken. Nur mit gut ausgebildeten Migranten kann Deutschland es schaffen, die Zahl der Beitragszahler stabil zu halten.

In diesem Zusammenhang interessant: Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten unter den Einwanderern lag 2011 bei 41,9 Prozent. Zum Vergleich: Die Rate bei in Deutschland Geborenen war mit 35,5 Prozent deutlich niedriger.

4. Einwanderung entlastet die öffentlichen Haushalte

Der Einfluss ausländischer Staatsbürger auf den Staatshaushalt ist positiv. So haben Neuzuwanderer 2009 deutlich seltener Arbeitslosengeld I und Rente als in Deutschland Geborene und in etwa gleich häufig steuerfinanzierte Leistungen wie Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe empfangen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zu den "Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat". Haushalte von Bund, Ländern und Kommunen profitierten also von Zuwanderung.

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(Quelle: Herbert Brücker, Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat)

5. Medizinische Pflege und Vorsorge profitieren von der Zuwanderung

Deutschland muss immer mehr alte Menschen versorgen. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass die Zahl der Krankenhausaufenthalte 2020 bis zu sechs Prozent höher liegen wird als heute. Bei den Pflegebedürftigen sagt das Bundesamt sogar einen Anstieg um 29 Prozent voraus. Die Nachfrage nach Pflegepersonal wird in den kommenden Jahren stark zunehmen. Zuwanderung kann eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, den heute schon vorhandenen Pfleger- und Ärztemangel (besonders in ostdeutschen Gebieten) aufzufangen. Schon heute sind Einwanderer eine tragende Säule unseres medizinischen Versorgungssystems. So waren 2011 rund sechs Prozent aller Ärzte in Deutschland Migranten.

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(Quelle: Forschungsdatenzentrum der statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Mikrozensus 2011)

6. Zuwanderung bringt Wohlstand

Ein Blick auf den Better Life Index der OECD zeigt: Traditionelle Einwandererländer wie Kanada, Australien oder die USA schneiden regelmäßig besonders gut ab, wenn es um Kriterien wie den Gesundheitszustand, das Wohlbefinden und die Wohnsituation ihrer Bürger geht. Da Zuwanderung, wie oben beschrieben, das wirtschaftliche Wachstum Deutschlands fördert, verbessert sich dadurch auch die finanzielle Lage der Bundesbürger.

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(Quelle: OECD)

7. „Romahäuser“ sind Einzelfälle, die meisten Migranten leben in gesicherten Verhältnissen

Eine Studie der Europäischen Kommission kam im Herbst zu dem Schluss, dass europaweit der Anteil von Einwanderern aus EU-Ländern an den Transferleistungsempfängern verschwindend gering ist. In Deutschland liegt er, genauso wie in Frankreich, den Niederlanden oder Schweden, bei unter fünf Prozent. Mehr noch: Unter diesen weniger als fünf Prozent Leistungsempfängern aus anderen EU-Ländern lebten vier Fünftel in geregelten Verhältnissen. Sprich: Wenigstens ein anderes Mitglied im Haushalt geht einer lohnsteuerpflichtigen Beschäftigung nach.

8. Deutschlands Hightech-Unternehmen könnten von einer Lockerung der Einwanderungsbeschränkungen profitieren

Die OECD stellt in einer Studie fest, dass Deutschlands Einwanderungspolitik in den vergangenen Jahren sehr liberal geworden ist. Doch gerade bei den qualifizierten Berufen bestehe noch Nachholbedarf – hier behinderten Gesetze eine „internationale Personalbeschaffung“, und das „trotz Fachkräftemangels in diesen Berufen, der nach Ansicht der Arbeitgeber weiter zunehmen dürfte.“

9. Deutschland ist ein Magnet für Talente: Seit 2000 hat sich die Sozialstruktur unter den Einwanderern drastisch verändert

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hat sich der Anteil der Studierenden an den Neuzuwanderern von 2000 bis 2009 stark erhöht: von 13,6 auf 21,2 Prozent. Außerdem hat sich der Anteil von zugezogenen Migranten mit hoher Qualifikation (Promotion, Hochschulabschluss oder Meisterschule) fast verdoppelt: Von 22,9 Prozent auf 42,2 Prozent. Dagegen sank der Anteil von Einwanderern ohne Berufsausbildung von 41,6 Prozent im Jahr 2000 auf 24,6 Prozent im Jahr 2009. Der typische Einwanderer der Gegenwart ist also keinesfalls ein Armutsmigrant – sondern eher ein smarter Akademiker.

10. Eine Mehrheit der Deutschen befürwortet Einwanderung

Nicht nur die Sozialstruktur der Zuwanderer hat sich verändert, auch die Meinung der Deutschen zum Thema Migration an sich. Laut ARD-Deutschlandtrend befürworten 68 Prozent „qualifizierte Zuwanderung“, und 46 Prozent sehen insgesamt mehr Vor- als Nachteile durch Zuwanderung. Allerdings sagen auch 76 Prozent, dass die Politik zu wenig gegen die „Probleme“ tue, die durch Einwanderung entstehen. Welche Probleme dies seien, wurde nicht gefragt.

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