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Pirat Christopher Lauer: "2017 kommen wir in den Bundestag"

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Christopher Lauer (29), ehemaliger Fraktionsvorsitzender der Piratenpartei in Berlin und nun innenpolitischer Sprecher, spricht im Exklusiv-Interview mit der Huffington Post über seine Rolle bei den Piraten und darüber, wie er die Partei fit für den Wahlkampf 2017 machen will.

Huffington Post: Herr Lauer, Sie galten mal als der Hoffnungsträger der Piratenpartei. Was sind Sie jetzt?
Christopher Lauer: (lacht) Wird das jetzt so ein Brüderle-Himmelreich-Interview? Ich bin innenpolitischer Sprecher der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Der Hype um die Piraten ist vorbei. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass für die Medien kommunale Arbeit nicht so interessant ist wie Personalia.

HuffPost: Aus Ihrer Sicht oder für Außenstehende?
Lauer: Für Außenstehende. Als Mitglied eines Landesparlamentes muss ich damit leben, dass Kinder 52.000 Pokemons kennen, aber nicht einen Namen eines Landtagsabgeordneten.

HuffPost: Bedauern Sie das?
Lauer: Was heißt bedauern? Mann muss auch mal sehen, dass dieser Hype um die Piraten von 2011 und 2012 unverhältnismäßig war. Ich bin damals mit Kollegen eine Woche nach Island gefahren, wir wurden die ganze Zeit von Journalisten überregionaler Medien begleitet und zuhause wurde das so gecovert wie ein Staatsbesuch. Das war doch absurd. Mir war damals sehr bewusst, dass dieser Hype nicht die Normalität sein kann. Ich habe auch Verständnis für Leute, die 40 Stunden die Woche Arbeiten und dann keinen Bock mehr haben, sich abends mit Politik zu beschäftigen. Ich erwarte ja auch von meinem Friseur, dass er ohne meine Hilfe seine Arbeit macht.

HuffPost: Warum hat es für Sie nicht nach ganz oben, zum Bundesvorstand, gereicht?
Lauer: Die Wahl des Vorstands ist in hohem Maße davon abhängig, wo sie stattfindet. Und als ich vor drei Jahren kandidiert habe, in Heidenheim an der Brenz, kam ein Großteil der anwesenden Piraten halt aus Bayern und Baden Württemberg, und die haben dann eben den Kandidaten aus Baden Württemberg gewählt.

Die Frage, warum ich 2011 nicht zum Bundesvorsitzenden gewählt wurde oder ob ich Lust hätte, jetzt zum Bundesvorsitzenden gewählt zu werden, finde ich aber auch eher uninteressant. Die eigentliche Frage, die sich mir stellt ist, wie kann die Piratenpartei ihre Strukturen verändern, damit wir wieder erfolgreich sind. Wir hätten auf dem letzten Parteitag in Bremen einen Vorstand wählen können, der zum Beispiel aus Marina Weisband, Jesus Christus und mir besteht - und wir hätten es trotzdem schwer gehabt etwas zu reißen, weil momentan keine Strukturen da sind.

HuffPost: Ist es nicht vielleicht auch eine Typfrage? Sie sind doch einer mit Ecken und Kanten. Ist so einer nicht gemacht für die große Politik, bei den Piraten zumindest?
Lauer: Ich bin konfrontativ, ich bin direkt, und ich kann nicht verbergen, wenn mir etwas nicht passt. Und damit macht man sich innerhalb einer Partei, die auf Konsens der Beteiligten ausgerichtet ist, nicht unbedingt viele Freunde.

HuffPost: Sie schreiben auf Ihrer Webseite, dass Sie schon diverse Fußspuren im Internet hinterlassen haben. Ist man heutzutage nur dann jemand, wenn man Spuren im Web hinterlässt?

Lauer: Nö, aber im Moment findet ein gesellschaftlicher Wandel statt. Das klingt vielleicht zynisch, aber wenn vor zehn Jahren jemand Amok gelaufen ist, hieß es danach, dass er ein Profil auf dieser komischen Internetseite Myspace oder so hatte. Da war das Internet noch etwas Anrüchiges, da haben sich in der öffentlichen Wahrnehmung im Internet die Kriminellen getroffen, um schlimme Dinge zu verabreden. Wenn heute jemand Amok läuft, heißt es dann, dass derjenige überhaupt keine Profile in sozialen Medien hatte. Hier findet eine Verschiebung statt, was gesamtgesellschaftlich als normal oder abnormal gesehen wird.

HuffPost: Würden Sie auch Ihren Facebook- oder Twitter-Account löschen?
Lauer: Facebook ja, Twitter eher nicht. Aber das finde ich ehrlich gesagt uninteressant.

HuffPost: Was unterscheidet die beiden?
Lauer: Ganz ehrlich: Ich verstehe Facebook nicht, habe mir das nur mal eingerichtet, weil es da diese Politiker-Seiten gibt. Das rauscht da so an einem vorbei, da sind dann Links, da schicken einem Leute immer Einladungen zu komischen Spielen – wie heißt das mit den Kühen? Kapier ich nicht. Ich finde, es sieht auch hässlich aus. Ich kenne mich da nicht aus, das ist keine Koketterie. Twitter ist kürzer, da kann man mal so einen Link drüber schicken.

HuffPost: Wer wären Sie ohne das Internet?

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Lauer: Das ist aber ‘ne schwierige Frage. Hätte, hätte, Fahrradkette... Ein anderer Mensch... Entspannter! Das bestimmt.

HuffPost: Tatsächlich?
Lauer: Das ist aber ein Allgemeinplatz, der für alle gilt. Es ist ein Nachteil für 95% der Menschen, durch das Mobiltelefon und das Internet ständig erreichbar zu sein. Dann ist es ein Problem, dass jeder irgendwelche Gehirnpfürze sofort postet, weil man immer ein Publikum findet. Über Nichtigkeiten, über die man früher gar nicht gesprochen hätte, wird dann diskutiert.

Als ich zum Studieren in China war, ist mir eins sofort aufgefallen: Wenn chinesische Kinder auf der Straße hinfallen, stehen sie halt wieder auf. Wenn in Deutschland so ein Kind vorm Mega-Bio-Supermarkt hinfällt, wird sofort der Notarzt gerufen – kleiner Spaß. Aber genau so ist das im Internet auch. Jede Neurose, jedes Wehwehchen wird verstärkt. Das versaut die Gesprächskultur und führt zu nichts.

HuffPost: Passt das Internet mit seinem Charakter dann gut zu uns Deutschen?

Lauer: Das Internet passt gut zu uns Menschen. Weil Menschen soziale Tiere sind. Es geht immer um Feedback dazu, wie ich in der Gruppe wahrgenommen werde, wie viele Freunde ich habe, wie viel Zuspruch ich bekomme. Welche Stellung habe ich in der Gruppe? Vor dem Internet hat man diese Erfahrungen nur durch sein direktes soziales Umfeld gemacht, durch direkte soziale Interaktion. Jetzt kriegen Sie das ganze soziale Feedback über das Internet ohne Interaktion vor Ort. Deshalb muss ich mich auch kritisch fragen: Was mache ich da auf meinem Blog, auf Twitter, auf Facebook?

Menschen finden auch Zucker geil, weil der Körper ihnen evolutionsbedingt sagt: Zucker ist gut. Früher gab’s Zucker aber nur in Äpfeln, mittlerweile gibt’s Schoko-Riegel und irgendwann sterben wir alle an Verfettung, weil der Körper signalisiert: Mehr, mehr davon!

HuffPost: Im übertragenen Sinne stopfen wir uns so mit dem Internet voll, dass wir irgendwann daran sterben?
Lauer: Sterben werden wir wahrscheinlich nicht, aber es ist derselbe Effekt. Da werden Mechanismen in unserer sozialen Verdrahtung angesprochen, die dazu führen, dass wir uns aus uns heraus mit dem Internet beschäftigen. Sie essen den Marsriegel ja auch nicht weil Sie hungrig sind, sondern weil der Körper Zucker will. Und wie mit den Süßigkeiten erfordert das Internet ein großes Maß an Selbstkontrolle, sozusagen an digitaler Selbstkontrolle.

HuffPost: Sprechen wir über die Piraten. Was müssen die tun, damit sie wieder erfolgreich werden?

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Lauer: Wir müssen sehen, wie wir uns aufstellen bei den anstehenden Kommunalwahlen, der Europawahl und den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg. Die Frage ist, wann die Partei erkennt, was sie da kollektiv mit Politik macht. Das ist Cargo-Kult.

HuffPost: Cargo-Kult?
Lauer: Im Pazifikkrieg haben die Amerikaner Versorgungsbasen auf kleinen Inseln aufgebaut. Die indigene Bevölkerung der Inseln sah, wie Menschen und Material aus Flugzeugen kommen und dachte: Das sind die Götter. Daraufhin bauten die Ureinwohner Flughäfen nach und imitierten Fluglotsen. Sie dachten sich: Wenn wir dieses Ritual nur richtig machen, kommt auch zu uns die große Transportmaschine und wirft Dinge ab.

In diesem Zustand befinden sich die Piraten: Unsere Generation kennt Politik zu großen Teilen nicht aus dem Selber-gemacht-Haben, sondern aus dem Fernsehen. Die Leute, die 2009 beigetreten sind, waren im Durschnitt 25 bis 30 Jahre alt, und hatten nicht die Erfahrung von Jahren Parteiarbeit. Unser Wissen darüber, was andere Parteien da eigentlich machen, ist sehr begrenzt. Wir machen einen Parteitag weil es die andern machen und beschließen ein Programm weil es die anderen machen, ohne uns die Frage zu stellen: Warum eigentlich? Wir sehen, was die anderen Parteien machen und imitieren das irgendwie.

Dabei betrachten wir Politik durch den medialen Filter und sagen: Das und das finden wir an Politik scheiße, das müssen wir anders machen. Dann wollen wir alles anders machen, wissen aber gar nicht, warum andere Parteien Dinge so tun wie sie sie tun.

2011 in Berlin haben wir uns zuerst hingesetzt und uns gefragt: Was wollen wir eigentlich? Danach haben wir das Programm geschrieben. Dann haben wir überlegt, wen wollen wir eigentlich ansprechen? Und siehe da, wir haben mit unserer Kampagne 25.000 Nichtwähler an die Urnen gebracht. Es hat funktioniert.

HuffPost: Und das kriegen die Piraten im Bund nicht hin?

Lauer: Man hätte sich nach Berlin auf Bundesebene fragen müssen, warum das hier geklappt hat. Hat man aber nicht. Viele haben wohl nur gedacht, dass es einfach an der Zeit war, dass die Piraten in ein Parlament kommen. Wenn Sie einen Monat lang einen Regentanz machen und es dann irgendwann mal regnet, dann denken sie sich halt der Tanz hat funktioniert. Wir haben zu spät erkannt, dass der Erfolg nach der Berlinwahl ein vorübergehender Selbstläufer war.

HuffPost: Und was müssen Sie nun bis 2017 tun?
Lauer: Das Stichwort hier ist Parteireform. Wir müssten uns überlegen, wie sollen die Strukturen aussehen. Und zwar nicht aus einer Cargo-Kult-ähnlichen Nachahmung heraus, sondern aus fünf Jahren Erfahrung mit der Partei, zwei Jahren Erfahrung aus den Parlamenten. Wir müssen uns einfach mal anschauen, wie andere Parteien das machen und uns dann überlegen, was wollen wir innerparteilich an Struktur und Kultur ändern.

Wir haben, kultiviert durch das Internet, eine Umgangsweise an den Tag gelegt, die nach innen demotivierend ist und nach außen hin abschreckt. Das hat alles überschattet. Wir müssen Menschen klarmachen: Wenn ihr euch inhaltlich direktdemokratisch beteiligen wollt, sind wir eure Anlaufstelle. Das kriegt ihr bei keiner anderen Partei! Die Legislative der Partei können wir sehr demokratisch ausbauen, basisdemokratisch und über das Internet. Für den Vorstand, als Exekutive der Partei, brauchen wir eine Struktur, die diesen gewählten Leuten das Mandat gibt, die Beschlüsse der Legislative, also der Mitglieder, nach außen zu tragen.

HuffPost: Das war viel Strukturelles. Wie sieht es mit Inhalten aus?
Lauer: Das sind unter anderem visionäre Themen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wir sind uns in der Partei einig, das jetzige Sozialsystem kann so nicht weiterlaufen. Ein weiterer Punkt ist Bildung. Die Bologna-Reform sollte alles einfacher machen. Aber es war noch nie schwerer, ein Auslandsemester anerkennen zu lassen, als heute. Und die ganze Überwachungsgeschichte natürlich. Das sind alles Sachen, die bekämen wir doch gut verkauft, und keine der anderen Parteien berücksichtigt sie angemessen.

Aber Inhalte sind das geringste Problem, das wir hatten und haben. Auch wenn man uns gerne vorgeworfen hat, wir hätten keine Position zu irgendwelchen Spezialthemen. Die Piratenpartei braucht doch keine beliebige Meinung zu allem, wir brauchen ein klares Profil! Ich habe immer gesagt: Die Piraten sind eine im besten Sinne sozialliberale Partei, wir wollen in einer offenen und solidarischen Gemeinschaft leben, in der die Gruppe für den einzelnen einsteht. Aber noch mal: Erst müssen wir klare Strukturen kriegen, mit denen sich all diese guten Themen nach außen tragen und umsetzen lassen. An Politikern wird oft kritisiert, dass sie innerhalb von 30 Sekunden zu allem etwas sagen können. In dem Moment wo man’s nicht macht, wird es auch kritisiert.

HuffPost: Wo stehen die Piraten in zehn Jahren?
Lauer: Wir werden kampagnenfähige, basisdemokratische Strukturen haben. Und wir kämpfen darum, zum dritten Mal in den Bundestag einzuziehen, denn 2017 schaffen wir das erstmals. In Berlin sind wir hoffentlich an der Regierung beteiligt. Denn die große Koalition ist offenkundig nicht das Beste für die Stadt. Das alles kommt natürlich nicht von allein. Aber ich bin Zuversichtlich, dass wir genug realpolitisch orientierte Menschen in der Partei haben, die dazu beitragen werden, dass auch so etwas wie Regierungsbeteiligung möglich wird.

HuffPost: Und wo steht Christopher Lauer in zehn Jahren?

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Lauer: Dann werde ich 40 Jahre alt. Werde hoffentlich Kinder haben. Werde wahrscheinlich noch Mitglied der Piratenpartei sein.

HuffPost: Ein bedeutendes?
Lauer: So bedeutend, wie Sie der Meinung sind, dass ich bedeutend bin. Mein großes politisches Idol Dr. Helmut Kohl (lacht) hat auf die Frage, wie er Bundeskanzler geworden ist, mal geantwortet: „Man drängt sich für ein solches Amt nicht auf, da ereilt einen ein Ruf.“ Ich bin da also bescheiden. Aber wenn mich der Ruf ereilt, dann übernehme ich natürlich Verantwortung.

 
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