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Web 3.0: So könnte das Internet ohne Netzneutralität aussehen

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NET NEUTRALITY
Henrik Jonsson via Getty Images

Der Netzneutralität droht der Tod. Ein amerikanisches Berufungsgericht hat am Dienstag die Regeln der US-Kommunikationskommission (FCC) für ungültig erklärt, nach denen Internetprovider jeglichen Datenverkehr gleich behandeln müssen.

Das Prinzip der Netzneutralität verlangt, dass Telekommunikationsunternehmen keinen Datenverkehr blockieren, verlangsamen oder benachteiligen dürfen. Doch das US-Berufungsgericht für den Bezirk Columbia stellte sich auf die Seite des Serviceproviders Verizon Communications und bestätigte, dass die FCC-Internetanbieter nicht ebenso regulieren kann wie Telefonanbieter.

Das bedeutet, dass Internetprovider nun Absprachen mit Diensten wie dem Videoanbieter Netflix oder dem Verkaufsriesen Amazon treffen können, um diesen Anbietern einen schnelleren Service zu ermöglichen. Sollte dieser Gerichtsbeschluss tatsächlich umgesetzt werden, hat das Konsequenzen für alle Internetuser. Die FCC erwägt, Berufung einzulegen.

Auch in Europa fürchtet man um die Netzneutralität. Um Europa technologisch wieder in die erste Liga zu bringen, will EU-Kommissarin Neelie Kroes Unternehmen ermöglichen, ihre Daten schneller zu übermitteln. Über diese Frage, die letztlich eine Entscheidung über die Netzneutralität ist, wird am 27. Februar auf EU-Ebene abgestimmt.

Experten erklären, wie sich das Internet ohne Netzneutralität wandeln könnte. So sähe das Internet der Zukunft aus, das Web 3.0, wenn man so möchte. Es ist der nächste Evolutionsschritt des Internets nach seiner Gründung und dem interaktiven Web 2.0 von heute.

Doch Vorsicht: Das wird nicht schön.

1. Reiche Unternehmen werden viel Geld bezahlen, damit ihre Inhalte schneller übertragen werden. Weniger gut betuchte Firmen werden es schwer haben, ihre Kunden zu erreichen.

Die deutlichste Auswirkung der verschwindenden Netzneutralität wird sein, dass Anbieter mit entsprechend großem Budget (Websites wie Netflix oder Amazon) künftig Internetprovider dafür bezahlen werden, dass sie ihre Inhalte schneller bereitstellen, sagt der freiberufliche Journalist Derek Turner, der auch als Forschungsleiter für die Medienrechtsvertreter Free Press tätig ist. Doch schnellere Bereitstellung für reiche Unternehmen bedeutet gleichzeitig langsamere Dienste für nicht so reiche Firmen. „Das Internet ist ein Nullsummenmodell“, so Turner. Eine schnellere Datenübertragung für Netflix bedeutet fast zwangsläufig eine langsamere Übertragungsrate für andere Websites.

Turner vergleicht die Aufhebung der Netzneutralität mit der Aufteilung einer zweispurigen Autobahn in einen „Waldweg“ und eine „saubere, gut ausgebaute Mautstraße“. Websitebetreiber mit ausreichend Kapital nutzen die gebührenpflichtige Straße, um schnell voranzukommen, während alle anderen auf den Waldweg ausweichen müssen. Außerdem, so Turner, werden Internetprovider „den Waldweg nicht besonders gut pflegen“, da die Unternehmen ja für die „Mautstraße“ bezahlen sollen.

2. Arme und reiche Kunden werden künftig zwei verschiedene Versionen des Internets sehen.

„Der Nachteil der 'Mautstraße' ist, dass Internetanbieter ihren Kunden künftig bestimmte Inhalte nur noch gegen Bezahlung zur Verfügung stellen könnten“, sagt Todd O' Boyle von der liberalen Interessensgemeinschaft Common Cause. Natürlich würde man das so formulieren, dass es aussieht, als würden bestimmte Unternehmen bevorzugt und nicht andere benachteiligt werden. Man könnte zum Beispiel einen „kostengünstigen“ Breitbandzugang anbieten, der nur Zugriff auf eine geringe Anzahl ausgewählter Seiten ermöglicht. Gleichzeitig könnten die Internetprovider von den Content-Anbietern zusätzliche Gebühren erheben, damit ihre Inhalte auch für Kunden mit dem „Sparzugang“ verfügbar sind.

O'Boyle erklärt, dass diese Praxis in Afrika bereits verbreitet ist. Das soziale Netzwerk Facebook subventioniert dort seine Inhalte für Kunden, die sich keine „richtige“ Internetverbindung leisten können. Zugriff auf Facebook ist wahrscheinlich immer noch besser als gar kein Zugriff aufs Internet. Aber sollen künftig wirklich alle Websites zwischen arm und reich unterscheiden?

3. Die großen Unternehmen von heute sind die großen Unternehmen von morgen. Ein Internet ohne Neutralität verhindert Innovationen.

Mit der Neutralität verschwindet auch die Gleichberechtigung im Internet, so Turner. Künftig wird es für reiche Unternehmen viel leichter sein, sich Zugang zu den Kunden zu erkaufen. Die Mitbewerber bleiben dabei auf der Strecke. Ohne Netzneutralität ist es plötzlich ein enormer Vorteil, im Web bereits etabliert zu sein.

Des Weiteren, erklärt Turner, könnten Internetanbieter nun Contentseiten bevorzugen, von denen sie selbst profitieren. Dazu müssen Sie nur sämtlichen Datenverkehr blockieren, der dem Profit der eigenen Inhalte im Weg steht. Vor allem der US-Kabelnetzbetreiber und Telefonanbieter Comcast ist für solche Praktiken berüchtigt. 2012 blockierte das Unternehmen mit einer Datensperre sämtliche Video-Streaming-Dienste mit Ausnahme des zu Comcast gehörenden Anbieters Xfinity. Comcast versuchte 2007 auch, sämtlichen Peer-to-Peer-Traffic zu blockieren. Wenn die Netzneutralität wegfällt, ist das künftig legal.

4. Internetprovider werden Inhalte bündeln wie beim Pay-TV.

Ohne Netzneutralität ist das lukrativste Geschäftsmodell für Internetprovider eines, das dem Bezahlfernsehen ähnelt. Sie werden Pakete anbieten, von denen abhängt, was die Kunden im Netz zu sehen bekommen. In den schnellsten, günstigsten Paketen werden vermutlich die Seiten enthalten sein, von denen der Anbieter das meiste Geld kassiert. Wahrscheinlich also wieder die großen Dienste wie Amazon und Netflix. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Internetprovider beliebte Seiten mit weniger beliebten kombinieren, die bereit sind, zu zahlen. Wer dann z. B. ein Amazon-Webpaket kauft, muss auch die Suchmaschine Bing verwenden.

Noch schlimmer wäre laut Turner, wenn Internetanbieter und große Unternehmen sich für „Exklusive Angebote“ zusammenschlössen. So könnten sich zum Beispiel Netflix und Time Warner Cable absprechen, sodass Netflix nur noch für Kunden von Time Warner Cable verfügbar ist (beziehungsweise wahrscheinlich nur für bestimmte Kunden mit schneller Verbindung). Damit würden die Unternehmen eine Menge Geld verdienen. Sehr zum Nachteil der Internetnutzer.

5. Informationen und Aktivistennetzwerke können sich nur noch reiche Menschen leisten. Eine Gefahr für die Demokratie.

Viele entscheidenden Elemente einer Demokratie könnten künftig den Reichen vorbehalten sein. „Information darf kein Luxusgut werden“, sagt O'Boyle. Er befürchtet, dass Internetprovider „Sparangebote“ für ärmere Kunden anbieten könnten, in denen Nachrichtenseiten kaum oder gar nicht enthalten sind. Unbeschränkter Zugang zu Nachrichten würde dadurch zu einem Luxus für jene, die mehr Geld für ihren Internetanbieter ausgeben können.

Das ist schlecht für die Nutzer – und schlecht für all die alternativen Nachrichtenseiten, gemeinnützigen Organisationen, Aktivisten und sonstige Vereinigungen ohne viel Geld. Organisationen und Gemeinden, die auf das Internet vertrauen, um mit ihren Mitgliedern in Kontakt zu bleiben, „werden es schwer haben, künftig eine sinnvolle Website anzubieten, wenn sie sich keine schnelle Datenübertragung leisten können“, erklärt O' Boyle.

Eine Hoffnung bleibt den Verfechtern der Netzneutralität in den USA allerdings: Kevin Werbach vom Magazin "The Atlantic" erklärt, dass die Entscheidung des Gerichts zwar in vielerlei Hinsicht nachteilig für die FCC sei, jedoch auch bestätige, dass die Organisation die gesetzliche Autorität hat, die Breitbandnutzung zu regulieren. Deswegen bezweifelt Werbach, dass die FCC den Internetanbietern künftig einfach freie Hand lassen wird.
bek

Übersetzt aus der Huffington Post USA von Bettina Koch. Hier geht's zum Original.

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Filed by Susanne Klaiber
 
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