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Fünf junge Autoren aus Deutschland, die sie unbedingt gelesen haben sollten

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Fünf junge Autoren, die sie unbedingt gelesen haben sollten | Shutterstock
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Es geht ein kleines Beben durch die deutsche Literatur-Szene. Die deutsche Gegenwartsliteratur sei brav und konformistisch. Warum? Weil nur Söhne und Töchter aus gutem Hause an den beiden führenden deutschen Schreibschulen in Hildesheim und Leipzig studieren würden. Der Literaturkritiker Florian Kessler, selbst Absolvent des Hildesheimer Studiengangs „Kreatives Schreiben“, hat in der Wochenzeitung „Die Zeit“ einen ziemlich gnadenlosen Systemverriss der deutschen Autoren-Ausbilungsstätten verfasst.

„Kreatives Schreiben studiert habe ich meiner Erinnerung nach mit Lehrerkindern und Ärztekindern und noch mehr Lehrerkindern und noch mehr Ärztekindern", schreibt er. Sicher habe es Ausnahmen gegeben. Insgesamt aber handelte es sich um "so ein dynastisches Familiending", so Kessler. „Die erschütternd wenigen Mitschüler aus meinem Heidelberger Gymnasium, die nicht der etablierten Mittelschicht angehörten, hatten definitiv andere Interessen als ein Dichter-Studium.“ Und weiter: „Insgesamt reüssieren meiner Wahrnehmung nach in Hildesheim und Leipzig ganz besonders die Absolventen mit den hochrangigsten bundesrepublikanischen Eltern: Professorenkinder wie Nora Bossong, Paul Brodowsky oder auch ich, eine Bundestagsdirektorentochter wie Juli Zeh, ein Richtersohn wie Thomas Pletzinger, ein Managersohn wie Leif Randt.“

Nun ist der Vorwurf, dass die junge deutsche Gegenwartsliteratur keinen mehr vom Hocker haue, nicht unbedingt neu. In der Bundesrepublik geistert er seit Gras-und-Böll-Gedenken durch die Feuilletons. Zuletzt wurde er in einem viel beachteten Artikel von Dana Buchzik über das bedeutende Literaturfestival Open Mike laut. Sie ist der Meinung, dass junge deutsche Autoren nur noch über ihre Unterhosen, vom Tapezieren oder vom Strandlaufen schreiben. Nabelschau auf nationalem Niveau.

Auch, dass zulassungsbeschränkte Studiengänge wie die in Hildesheim oder Leipzig vor allem dabei helfen, Eliten zu reproduzieren, kann man in fast allen soziologischen Studien über das deutsche Bildungssystem nachlesen.

mit Hornbrille und Schwurbelzitaten ausgestattet

Trotzdem überrascht die Offenheit, mit der Kessler die Kritik an dem System benennt, aus dem er selbst stammt. So beschreibt er auch, wie er mit Hornbrille und Schwurbelzitaten ausgestattet in Hildesheim beim Aufnahmetest vorgesprochen und die prüfenden Professoren vor allem mit Habitus und den Lachern an den richtigen Stellen um den Finger zu wickeln wusste. Das liest sich lustig. Aber auch ein wenig befremdlich.

Dahinter steckt ein Vorwurf: Wer aus dem Bürgertum stammt, habe keine bedeutenden Geschichten zu erzählen, weil man als Kind reicher Eltern keine bedeutenden Probleme erlebt. Und weil der ganze Betreib mit Kindern aus der akademischen High Society der alten Bundesrepublik besetzt sei, verhalte es sich mit der deutschen Gegenwartsliteratur wie mit einer Party voll gut gekleideter, schön gewachsener, gut erzogener Menschen, die stundenlang an ihrem Wodka nippen, statt ihn mit einem Ruck herunterzustürzen.

Das mag mit Blick auf einzelne Ereignisse und Festivals stimmig sein. Generalisieren kann man das nicht. Denn spannende Autoren mit faszinierenden Geschichten gibt es jede Menge. Die Huffington Post stellt ihnen fünf junge Autoren aus dem deutschsprachigen Raum vor, deren Texten eines gemein ist: Man spürt, dass sie ein Anliegen haben. Die Auswahl ist selbstverständlich höchst subjektiv. Wenn Sie wollen, diskutieren Sie mit!

Aboud Saeed

saeed

Saeed stammt aus Syrien und hat lange Zeit in der Nähe von Aleppo als Schmied gearbeitet. Zum Schriftsteller wurde der 31-Jährige erst mit Ausbruch des Bürgerkrieges in seinem Heimatland. Auf Facebook postete er Statusupdates, die wie Lyrik oder Kurzprosa klingen. Darin verarbeitete er seine Kriegserfahrungen, seine Sehnsüchte, seine Wut. Er schreibt über Gott, Sex und Zigaretten. Saeed schafft es mit wenigen Worten zu sagen, was Krieg bedeutet: die völlige Umkehr der Verhältnisse. Dass scheinbar normale Dinge unerreichbar sind, und dass die absurdesten Phantasien Realität werden. Schon bald folgten ihm viele junge Menschen aus dem arabischsprachigen Raum. Der Berliner Ebook-Verlag mikrotext sammelte seine Updates, übersetzte und veröffentlichte sie im März 2013. Die Resonanz in Deutschland war beachtlich, das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ nannte ihn den „syrischen Bukowski“. Mittlerweile lebt Saeed in Berlin.

Nora Gantenbrink

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Streng genommen ist natürlich auch Nora Gantenbrinks Buch „Verficktes Herz“ nichts weiter als Nabelschau. Es geht um Liebe, Abgründe, Enttäuschungen, Hoffnungen. Um das Leben halt. Doch schon auf den ersten Seiten wird klar, dass die Geschichten der 27-Jährigen alles andere als brav und harmlos sind. Und es geht dabei gar nicht um die Dinge, die sie beschreibt, sondern um ihre Sprache. Ihre Bilder stimmen, die Worte sind mitunter selten schön, und ihre Texte haben Melodie. Es ist schwer, keinen Zugang zu ihren Texten zu finden. Gantenbrink hat in Münster studiert und danach eine journalistische Ausbildung auf der Henri-Nannen-Schule absolviert. Sie lebt im Hamburg.

Vea Kaiser

vea kaiser

Es gibt leichtere Dinge, als Menschen nördlich des Mains davon zu überzeugen, einen Roman über ein unbekanntes, österreichisches Alpendorf zu lesen. Vea Kaiser schafft das. „Blasmusikpop“ handelt von einem bildungshungrigen jungen Mann, der sich nach humanistischen Idealen sehnt aber dann durch die Matura fällt. So beginnt er damit, eine Chronik seines Heimatortes zu verfassen. Das Paradoxe und gleichzeitig Faszinierende an diesem Buch: Wer unterhaltsame Bücher über das Landleben mag, wird dieses Buch lieben. Aber gleichzeitig trifft die 25-Jährige auch das Lebensgefühl jener, die ihre ländliche Heimat stets als zu provinziell und eng empfunden haben. Das schafft man nur mit viel Einfühlungsvermögen. Kaiser stammt aus St. Pölten in Österreich und studiert in Wien.

Sasa Stanisic

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Geboren wurde Sasa Stanisic 1978 in Visegrad: Eine Stadt, die durch Ivo Andric’ Roman „Die Brücke über die Drina“ zu literarischen Weltruhm gelangte. Mit 14 musste Stanisic vor dem Krieg in Bosnien fliehen, nachdem er selbst noch die serbische Belagerung von Visegrad miterlebt hatte. Stanisic machte in Heidelberg Abitur und studierte danach Deutsch als Fremdsprache. In dieser Zeit veröffentlichte er erste Texte. Von 2004 bis 2006 studierte er am Leipziger Literaturinstitut. Sein 2006 veröffentlichter Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ ist vielleicht das beste deutschsprachige Buch, das über die Folgen des Jugoslawienkrieges Anfang der 90er Jahre geschrieben wurde. Es trägt autobiografische Züge, handelt von einer Kindheit in skurrilen, faszinierenden und heimeligen Visegrad, vom Ankommen in Deutschland – und wie Krieg die Sichtweise eines jungen Menschen auf die Welt verändert. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Leif Randt

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Randts Roman „Schimmernder Dunst über Coby County“ ist vom Berlin Verlag mit einem auffälligen Cover veröffentlicht worden: Es glänzt silbern und man kann darauf sein eigenes Spiegelbild schemenhaft erkennen. Auf der Rückseite des Einbandes steht: „Willkommen am schimmernden Ende unserer Welt“. Und genau darum geht es in dem Buch auch – um eine Soap-Welt voll glatter Schönheit und gesundheitsbewussten Vernunfthandeln, die kurz vor dem Kollaps steht. Warum? Dazu findet sich kaum ein Beleg im Text. Aber man ahnt es auf jeder Seite, das macht dieses Werk so stark. Irgendwann beginnt sich der Dunst aufzulösen, und man erkennt die Umrisse von Schwabing, Eimsbüttel und Prenzlauer Berg. Randt stammt aus Frankfurt am Main und hat in Gießen, London und Hildesheim studiert. Der 30-Jährige hat schon mehrere Literaturpreise gewonnen, unter anderem ist er als „KulturSPIEGEL-Nachwuchsautor des Jahres“ ausgezeichnet worden.

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