Umstrittene EU-Saatgut-Verordnung mit großer Sicherheit vor dem Aus

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"Hurra!“, jubeln die Initiatoren der Kampagne "Freiheit für Vielfalt“, die in Deutschland und Österreich bereits über 500.000 Unterschriften gegen die umstrittene EU-Saatgut-Verordnung gesammelt hat. Denn es gibt für diese Verordnung erneut einen ordentlichen Dämpfer.

Die Fraktionen im federführenden EU-Agrar-Ausschuss haben sich nach Informationen vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW in einer informellen Sitzung darauf geeinigt, die Verordnung abzulehnen. Die EU-Kommission müsse nachbessern.

"Artenvielfalt ist gefährdet"

Noch ist die EU-Saatgutverordnung nicht endgültig gescheitert. Das Parlament wird noch vor der Europawahl Ende Mai über die Verordnung abstimmen. Peter Röhrig, Landwirtschafts-Experte vom Bund Ökologische Landwirtschaft, rechnet damit, dass auch dort die Abgeordneten den Vorstoß ablehnen. "Die EU-Saatgutverordnung ist ein unzureichender Entwurf – das zeigt sich allein schon an den fast 1.400 Änderungsanträgen im Europaparlament", sagte Röhrig der Huffington Post. Die Verordnung gefährde die Artenvielfalt und sei auf die Saat-Züchtung weniger großer Unternehmen zugeschnitten.“ Röhrig hofft, dass das Parlament den Entwurf nicht nur an die Kommission zurückweist, "sondern ihr auch sagt, was sie bei einer Neufassung ändern muss."

Wenn die Verordnung durchkommt, würden Großunternehmen privilegiert und kleinere Produzenten beim Markteintritt diskriminiert, warnt Röhrig. Die Folgen könnten wir in letzter Konsequenz dann auch im Supermarkt merken: "Wenn in der Folge wenige Unternehmen den Markt kontrollieren, kann das auf Dauer zu höheren Saatgutpreisen führen und damit auch zu höheren Preisen für Bauern. Das merkt letztendlich dann auch der Verbraucher bei Lebensmitteln.“

Die Huffington Post hat die weiteren Kritikpunkte an der EU-Saatgutverordnung kurz zusammengefasst:

  • Großunternehmen wie der US-Agrarkonzern Monsanto oder der Schweizer Konkurrent Syngenta würden über 50 Prozent des Saatguthandels weltweit kontrollieren. Die Verordnung könnte diesen Trend verschärfen - mit der Folge, dass die Saatgut-Vielfalt weiter schrumpft. „Für viele lokal angepasste, seltene und alte Sorten von Gemüse, Obst und Getreide wäre das das sichere Ende“, warnt die Kampagne "Freiheit für Vielfalt“. Der österreichische Sternekoch Heinz Reitbauer sieht "eine große Gefahr für die regionalen Identitäten der europäischen Küche“ (siehe Video unten).
  • Die Großunternehmen setzen auf sogenanntes Hybridsaatgut, das Landwirte nur einmal verwenden können, da die Ernte nicht mehr als Saatgut genutzt werden kann, kritisiert Peter Röhrig vom BÖLW. Das treibe die Landwirte in eine stärkere Abhängikgiet von den Züchtungsunternehmen.
  • In den Testverfahren für Saatgut würden große Agrarkonzerne bevorzugt. Finanziell und administrativ würden kleinere Produzenten stark benachteiligt.
  • Saatgut, das sich besonders gut für die Öko-Landwirtschaft geeignet ist, hat kaum Chancen die Testverfahren zu überstehen. Gegner der EU-Verordnung fordern, dass die Eigenheiten der Öko-Sorten berücksichtigt werden und faire Chancen haben müssen.
  • "Neuzüchtungen von biologischem Saatgut würden diskriminiert, weil sich die Zulassungskriterien einseitig an den Einheitlichkeitsstandards industrieller Hybridsorten orientieren“, kritisiert Susanne Kopte von der Kampagne "Freiheit für Vielfalt“ in einem offenen Brief an EU-Parlamentarier.