So wirkt sich Geld auf unsere Gedanken und unser Verhalten aus

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Der vor allem im englischen Sprachraum verbreitete Begriff „Affluenza“ – ein Kunstwort aus affluence (Wohlstand, Überfluss) und influenza (Grippe) – bezeichnet eine „schmerzhafte, ansteckende, über soziale Beziehungen weitergegebene Krankheit, deren Symptome in einem Überangebot aus Konsumgütern, Schulden, Angstzuständen und einer Unmenge Abfall bestehen. Diese Symptome resultieren aus dem konzentrierten Streben nach mehr und immer mehr“.

Affluenza wird häufig als Modewort abgetan, mit dem die kulturelle Missachtung des Konsumismus zum Ausdruck gebracht werden soll. Doch auch wenn dieser Begriff häufig nur zum Spaß verwendet wird, steckt in ihm mehr Wahrheit, als den meisten lieb ist.

Erst kürzlich spielte Affluenza in einem vieldiskutierten US-amerikanischen Gerichtsverfahren eine wichtige Rolle. Ein wegen Trunkenheit am Steuer angeklagter 16-Jähriger behauptete, der Reichtum seiner Familie entbinde ihn von der Verantwortung für den Tod von vier Menschen. Viele waren empört, als der Jugendliche mit einer zehnjährigen Bewährungsstrafe und einer Therapie (für die seine Familie aufkommt) davon kam, und kritisierten die Milde des Gesetzes.

Der Sachverständige der Verteidigung, Psychologe G. Dick Miller, argumentierte, der Junge leide unter Affluenza und sei somit nicht in der Lage, die volle Tragweite seiner Handlungen zu verstehen.

„Ich wünschte, ich hätte diesen Begriff niemals verwendet“, äußerte sich Miller später in einem Gespräch mit CNN. „Jeder scheint sich darauf eingeschossen zu haben.“

Doch unabhängig davon, ob Affluenza nun echt oder eingebildet ist, steht unzweifelhaft fest, dass Geld tatsächlich alles ändert. Denn die Mitglieder der oberen Gesellschaft tendieren durchaus dazu, sich wesentlich anders als den Rest der Menschheit zu betrachten. Reichtum (und das Streben danach) werden mit unmoralischem Verhalten in Zusammenhang gebracht, und das nicht nur in Filmen wie The Wolf of Wall Street. Psychologen, die die Auswirkungen von Reichtum und Ungerechtigkeit auf das menschliche Verhalten untersuchen, fanden heraus, dass Geld auf verschiedene Weise einen unbewussten Einfluss auf unsere Gedanken und Handlungen ausübt. Und zwar völlig unabhängig von der eigenen finanziellen Lage. Der zweifelsohne subjektive Begriff des Wohlstands wird in den meisten aktuellen Forschungsarbeiten entweder anhand des Einkommens und Berufsstatus gemessen oder anhand der sozioökonomischen Umstände wie Bildungsstand oder intergenerationeller Reichtum.

Im Folgenden präsentieren wir sieben Fakten über die psychologischen Auswirkungen von Geld und Wohlstand.

1. Mehr Geld = weniger Mitgefühl?

Verschiedene Studien ergaben, dass Reichtum im Widerspruch zu Mitgefühl und Einfühlungsvermögen steht. In einem Artikel in der Zeitschrift Psychological Science wurde zudem beschrieben, dass wirtschaftlich schlechter gestellte Menschen besser den Gesichtsausdruck anderer Menschen interpretieren konnten – ein wichtiges Zeichen für Mitgefühl – als wohlhabendere Menschen.

„Viele unserer Beobachtungen deuten grundsätzlich darauf hin, dass die unteren Gesellschaftsschichten tendenziell viel Mitgefühl zeigen und die oberen Schichten tendenziell weniger“, erläutert Michael Kraus, einer der Autoren der Studie, in einem Gespräch mit TIME. „Das Umfeld der unteren Bevölkerungsschichten unterscheidet sich stark von dem der Oberklasse. Mitglieder der unteren Gesellschaftsschicht sind angreifbarer und müssen permanent auf soziale Bedrohungen reagieren. Da sie sich darauf verlassen müssen, dass ihnen andere Menschen von drohenden Gefahren oder sich bietenden Chancen berichten, nehmen sie die Gefühle ihrer Mitmenschen stärker wahr.“

Während mangelnde Ressourcen somit die emotionale Intelligenz fördern, kann ein Übermaß an Ressourcen schlechtes Verhalten auslösen. Wissenschaftlern der Universität Berkeley zufolge kann selbst Spielgeld dazu führen, dass Menschen weniger Rücksicht auf andere nehmen. Sie beobachteten zwei Studenten beim Monopoly spielen, wobei ein Teilnehmer erheblich mehr Geld erhielt als der andere. Obwohl dies dem reicheren Spieler anfänglich unangenehm war, agierte er im Laufe des Spiels nicht nur aggressiver, nahm mehr Straßen ein und bewegte seine Spielfiguren lauter, sondern machte sich auch über den Spieler mit weniger Geld lustig.

2. Reichtum kann das moralische Urteilsvermögen beeinträchtigen

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 wissen wir alle, dass Reichtum zu einem Gefühl moralischer Überlegenheit führen kann. In einer Studie der Universität Berkeley stellte sich heraus, dass Fahrer von Luxusfahrzeugen in San Francisco vier Mal seltener an Zebrastreifen anhielten und Fußgängern den Vortritt ließen als Fahrer von weniger teuren Autos, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. Zudem neigen sie eher dazu, anderen Fahrern die Vorfahrt zu nehmen.
In einer anderen Studie kamen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass selbst der Gedanke an Geld ein unmoralisches Verhalten auslösen kann. Wissenschaftler der Harvard-Universität und der Universität von Utah fanden heraus, dass Studienteilnehmer eher logen oder sich unmoralisch verhielten, nachdem sie geldbezogenen Wörtern ausgesetzt worden waren.

„Auch wenn wir die besten Absichten haben und wissen, was richtig und was falsch ist, gibt es Faktoren, die unsere Entscheidungen und Verhaltensweisen unbewusst beeinflussen“, erläutert Kristin Smith-Crowe, eine der Mitautorinnen der Studie.

3. Reichtum steht in Zusammenhang mit Suchtverhalten

Während Geld allein weder süchtig macht noch den Missbrauch von Alkohol und Drogen verursacht, wurde Wohlstand mit einer höheren Anfälligkeit für Suchtprobleme in Verbindung gebracht. Diverse Studien ergaben, dass Kinder wohlhabender Eltern eher zu Alkohol- und Drogenproblemen neigen. Mögliche Ursachen dafür sind der hohe Erfolgsdruck und die Abgrenzung von den Eltern. Forscher stellten zudem fest, dass reiche Kinder auch nicht vor Verhaltensproblemen gefeit sind. Stattdessen ist eher das Gegenteil der Fall: Laut einer wissenschaftlichen Untersuchung schnitten Schüler mit einem höheren sozio-ökonomischen Status auf einer Skala für Verhaltensstörungen schlechter ab als Schüler aus sozial schwächeren Schichten. Außerdem neigen reiche Kinder eher dazu, ihre Probleme für sich zu behalten, was zum Missbrauch von Alkohol und Drogen führen kann.
Dies ist jedoch kein reines Jugendproblem: Selbst als Erwachsene konsumieren reiche Menschen 27 % mehr Alkohol als ärmere.

4. Geld als Suchtfaktor

Das Streben nach Reichtum kann zu einem zwanghaften Verhalten werden. Psychologe Dr. Tian Dayton erläutert, dass das zwanghafte Bedürfnis nach mehr Geld häufig zu einer Gruppe von Verhaltensweisen zählt, die als Verhaltenssucht bezeichnet werden und sich vom Rauschmittelmissbrauch unterscheiden:

Mittlerweile ist das Konzept der Verhaltenssucht weithin anerkannt. Dieses Suchtverhalten beinhaltet ein zwanghaftes und/oder unkontrolliertes Verhältnis zu bestimmten Tätigkeiten wie beispielsweise Glücksspiele, Sex, Essen oder eben Geldverdienen. Bei einer Verhaltenssucht kommt es zu einer Änderung der chemischen Vorgänge im Gehirn, vergleichbar mit der stimmungsverändernden Wirkung von Alkohol oder Drogen. Dabei lösen Tätigkeiten – das Ansehen von Pornografie, zwanghaftes Essen oder der Umgang mit Geld – die Freisetzung bestimmter körpereigener Substanzen wie beispielsweise Dopamin aus. Diese lösen ein mit einem Drogenrausch vergleichbares Hochgefühl aus. Ein Mensch, der nach einem bestimmten Verhalten süchtig ist, hat – wenn auch unbewusst – gelernt, wie er die chemischen Vorgänge in seinem Gehirn manipulieren kann.

Eine Verhaltenssucht stellt keine eigentliche chemische Abhängigkeit dar. Dennoch beinhaltet sie ein zwanghaftes Verhalten – in diesem Fall nach dem guten Gefühl, das Geld und Besitztümer auslösen. Und dieses Verhalten zieht zwangsläufig negative Folgen nach sich und beeinträchtigt das Wohlergehen des Betroffenen. Auch der Zwang zum Geldausgeben, die sogenannte Kaufsucht, ist eine häufige Form von zwanghaftem Verhalten in Zusammenhang mit Geld.

5. Reiche Kinder haben mehr Probleme

Kinder aus reichem Elternhaus mögen zwar alles haben, was ihr Herz begehrt, müssen aber oft einen hohen Preis dafür zahlen. Denn sie neigen eher zu Kummer als Kinder aus weniger betuchten Familien. Außerdem ist das Risiko höher, dass sie Angstzustände, Depressionen und Essstörungen entwickeln, Alkohol und Drogen missbrauchen, andere betrügen oder etwas stehlen. Forscher verzeichnen zudem zahlreiche Fälle von Alkoholexzessen und Marihuanakonsum bei Kindern aus einkommensstarken, intakten, weißen Familien.

„In Gesellschaften, die den sozialen Aufstieg erlauben, werden Kinder häufig zu Bestleistungen bei verschiedenen schulischen und außerschulischen Aktivitäten angetrieben, um ihre langfristigen beruflichen Aussichten zu verbessern – ein Phänomen, das nicht selten mit hohem Stress verbunden ist“, schreibt Psychologin Suniya Luthar in einem Artikel über die Kultur des Wohlstands. „Auch auf emotionaler Ebene kommt es zur Isolation, weil die Familie, bedingt durch die beruflichen Verpflichtungen der wohlhabenden Eltern und die Vielzahl außerschulischer Aktivitäten der Kinder, immer weniger Zeit miteinander verbringt.“

6. Wir sehen Reiche gerne als „böse“ an

Andererseits neigen Menschen mit geringerem Einkommen dazu, besser Gestellte in Stereotypen zu betrachten und ein vorschnelles Urteil zu fällen, wobei Wohlhabende häufig als „eiskalt“ eingestuft werden.

Reiche Menschen rufen Neid und Misstrauen hervor, und zwar so sehr, dass wir uns an ihren Fehlschlägen erfreuen, ist im Scientific American zu lesen. Wissenschaftler der Universität von Pennsylvania demonstrierten, dass die meisten Menschen Profit mit gesellschaftlichem Schaden gleichsetzen. Die Teilnehmer einer Studie wurden um eine Bewertung verschiedener Unternehmen und Branchen (einige real, einige hypothetisch) gebeten. Dabei wurden Einrichtungen, die vermeintlich höhere Profite erzielen, durchgängig von sowohl liberal wie konservativ denkenden Teilnehmern als schädlicher und unmoralischer erachtet – und zwar unabhängig von der tatsächlichen Aktivität des Unternehmens oder der Branche.

7. Mit Geld kann man kein Glück (und auch keine Liebe) kaufen

In unserem (durchaus gerechtfertigten) Streben nach Erfolg suchen wir meist nach Geld und Einfluss. Dadurch verlieren wir jedoch allzu schnell die wirklich wichtigen Dinge im Leben – Liebe und Glück – aus den Augen.

Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen der Einkommensstufe und Glück. Ab einem bestimmten Einkommen (die Zahlen für die USA liegen zwischen 50.000 und 75.000 US-Dollar), das die Grundbedürfnisse abdeckt und ein gewisses Gefühl von Sicherheit vermittelt, macht Reichtum so gut wie keinen Unterschied in Bezug auf das Wohlbefinden und Glück insgesamt, sondern kann diese sogar schmälern. Denn extrem wohlhabende Menschen leiden häufiger an Depressionen. Einige Daten lassen den Schluss zu, dass Geld allein nicht unzufrieden macht, wohl aber das unablässige Streben nach Reichtum und materiellem Besitz. Zudem stehen materielle Werte in Zusammenhang mit einer geringeren Zufriedenheit in der Partnerschaft.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Immer weniger Menschen definieren Erfolg im Leben allein mit Geld und Status. Eine 2013 durchgeführte LifeTwist-Studie ergab, dass nur noch ein Viertel aller Amerikaner der Meinung sind, dass Erfolg durch Reichtum bestimmt wird.

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