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Fußball-Kommentator Marcel Reif: Kritik an Olympia-Vergabe an Sotschi

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Fußball-Kommentator Marcel Reif | Getty

Der Sport-Kommentator Marcel Reif (Sky) hält Sotschi für den falschen Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Die Entscheidung für die russische Stadt sei „absurd", sagte Reif der Huffington Post.

Im Interview sagte er weiter: "Früher war mal die Idee: Wir fahren zu Olympia, machen Sport und es ist Frieden. Und heute wird sich jeder, der nach Sotschi fährt und nicht blind ist, mit ganz vielen anderen Dingen beschäftigen müssen. Und das ist für die Sportler sehr, sehr misslich, wie ich finde. Weil ihre Leistung nicht mehr im Mittelpunkt steht. Und sie nicht mehr so gewürdigt werden, wie sie es verdienen. "

Reif befürwortet, dass Bundespräsident Joachim Gauck angekündigt hat, die Spiele aufgrund rechtsstaatlicher Defizite nicht zu besuchen. "Das Schlimmste wäre ja, er fährt hin und sagt: Alles toll, ich weiß von nichts", sagte Reif. "Das wäre doch lächerlich. Gauck ist ein politischer Mensch und wenn ihm das, was dort stattfindet, zu viel ist, ist es ein Zeichen. Ein Zeichen: Das sind keine Olympischen Spiele, wie wir sie uns wünschen."

In Bezug auf die geplatzte Olympia-Bewerbung von München stellte Reif das Mittel der Volksbefragung infrage. "Ich weiß, dass Volksbefragungen in Deutschland zur Zeit sehr in Mode zu kommen scheinen. Da fragt man sich ab und an, ob das der Weisheit letzter Schluss ist." Er bezweifelt, „ob dann immer ein demokratisches Urteil gefällt wird, das die Mehrheitsverhältnisse abbildet: „Ist es nicht so, dass die Gegner solcher Bewerbungen viel leichter zu mobilisieren sind?"

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Huffington Post: Herr Reif, Sie kommentieren mittlerweile nur noch Fußballspiele. Interessieren Sie sich trotzdem noch für Wintersport?
Reif: Im Fernsehen schaue ich es mir nur sehr gezielt an. Ich habe selbst drei Olympische Winterspiele mitgemacht. Die Spiele von Lillehammer waren mit das schönste Sportereignis, das ich erlebt habe – alle Fußballspiele, alle Weltmeisterschaften mit eingeschlossen. Das waren Spiele mit einem überschaubaren Maß an Gigantismus. So stelle ich mir Olympische Winterspiele vor. Da war alles, so wie es vertretbar ist.

HuffPost: Schöner als ein deutsches Champions-League-Finale?
Reif: Anders. Letzteres war historisch. Aber wenn Sie mich nach dem schönsten Ereignis fragen, würde ich immer Lillehammer sagen.

HuffPost: Welche Sportarten schalten Sie ein, Eishockey?
Reif: Ja, das habe ich ja kommentiert früher. Ein Eishockey-Finale schaue ich mir schon an. Und dann bleibt man eben hängen. Als Sportjournalist schaut man unwillkürlich hin, wenn sich was bewegt. Es ist aber nicht so, dass es ein must ist für mich.

HuffPost: Was sind ihre schönsten Erinnerungen an Olympia und Eishockey?
Reif: Ich bin kein Sammler von Ereignissen. Jedes Spiel hat seinen eigenen Charakter. Aber die Spiele in Albertville – da ist der Puck auf der Linie liegen geblieben, sonst hätten die Deutschen Kanada geschlagen. Oder EIN Finale Schweden gegen Kanada: Das waren große Spiele, die vergisst du nicht.

HuffPost: Was empfinden Sie generell beim Event Olympische Spiele?
Reif: Der Gigantismus geht über jedes erträgliche Maß hinaus. Bei Olympia, bei Fußball-Weltmeisterschaften, wie überhaupt bei solchen Großveranstaltungen. Das ist zu viel, das ist unverantwortlich und teilweise schon obszön.

HuffPost: Wir erleben gerade, dass sich das in Sotschi noch weiter zuzuspitzen droht... Macht Ihnen das Angst?
Reif: Sie fragen mich das als Fußball-Reporter, der mit Wintersport nicht viel zu tun hat. Was glauben Sie, wie finde ich wohl eine Fußball-Weltmeisterschaft in Katar? Das sind Entscheidungen, die sind einem normalen Menschen nicht vermittelbar. Ich kann das nicht nachvollziehen.

Warum muss ich Olympische Spiele in einer Nicht-Wintersportregion machen, warum lasse ich eine Fußball-Weltmeisterschaft in einem Land stattfinden, in dem es im Sommer 50 Grad warm ist. So etwas verstehe ich nicht. Das ist mir zu hoch. Und das bedient ja dann auch gleich wieder die nächste Stufe des Gigantismus: dass ich etwas tauglich machen muss, was nicht tauglich ist.

HuffPost: Ist es falsch, dass Sotschi die Spiele ausrichtet?
Reif: Über falsch lässt sich streiten. Es ist erkennbar absurd.

HuffPost: Kann man dem ausartenden Gigantismus als Journalist wirksam entgegentreten?
Reif: Wenn, muss ich das weit im Voraus tun. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Wenn sich irgendjemand Dinge in den Kopf setzt und die dann entschieden werden, kann ich darüber nur Bericht erstatten. Und wenn die Wettkämpfe laufen und die Dinge funktionieren, dann haben es auch die Sportler verdient, dass man sich mit ihnen um ihren Sport kümmert. Man darf nicht blind sein, nicht die Augen schließen. Aber ich muss die Diskussion wachhalten für die Zukunft.

HuffPost: Wer ist dafür verantwortlich?
Reif: Alle. Sportler, Verbände, Journalisten, Menschen, die sich für den Sport interessieren – alle sind gefragt. Sport ist doch eine wunderbare Geschichte. Es kann doch nicht jedes Mal zu einer elenden, langwierigen Problemdiskussion über Jahre führen. Ich sehe Fußball-Weltmeisterschaften furchtbar gern. Aber wie in Katar Fußball gespielt werden soll, weiß ich nicht. Es scheint mir so, als sei das auch gar nicht mehr wichtig. Wir diskutieren nur noch über diese absurde Entscheidung. Und auch in Sotschi ist der Sport im Moment sehr zweitrangig.

HuffPost: Inwieweit müssen Medien auf die Verhältnisse dort reagieren?
Reif: Jede Olympiade ist eigenartig. Und Sotschi ist Sotschi, weil es Sotschi ist. Also muss ich das Gesamtbild zeigen, das ich vorfinde. Es ist meine Pflicht, darüber zu berichten. Es ist meine Pflicht, das sauber zu recherchieren. Es ist meine Pflicht mich umzugucken, mich zu informieren, mir ein Bild zu machen – und dieses Bild zu transportieren. Sonst brauche ich da nicht hinzufahren.

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HuffPost: Inwiefern hat sich der Charakter von Olympischen Spielen verändert?
Reif: Er hat sich sehr geändert. Die Idee in der Antike war: Wir fahren zu Olympia, machen Sport und es ist Frieden. Und heute wird sich jeder, der nach Sotschi fährt und nicht blind ist, mit ganz vielen anderen Dingen beschäftigen müssen. Und das ist für die Sportler sehr, sehr misslich, wie ich finde. Weil ihre Leistung nicht mehr im Mittelpunkt steht. Und sie nicht mehr so gewürdigt werden, wie sie es verdienen.

HuffPost: Im Falle von Sotschi können wir nicht nur über die olympische Idee sprechen, sondern auch über Homophobie und andere menschenverachtenden Dinge. Verstehen Sie Politiker wie Bundespräsident Gauck, die sagen: Ich bleibe den Spielen fern?
Reif: Das Schlimmste wäre ja, er fährt hin und sagt: Alles toll, ich weiß von nichts. Das wäre doch lächerlich. Gauck ist ein politischer Mensch und wenn ihm das, was dort stattfindet, zu viel ist, ist es ein Zeichen. Ein Zeichen: Das sind keine Olympischen Spiele, wie und wo wir sie uns wünschen.

HuffPost: Ist es nicht die logische Folge, dass Verbrecher-Staaten Olympische Spiele an Land ziehen, wenn an anderen Orten die Bewerbung durch ein Votum der Bürger abgelehnt wird? Stichwort München 2022...
Reif: Ich weiß, dass Volksbefragungen in Deutschland zur Zeit sehr in Mode zu kommen scheinen. Und da ich in der Schweiz lebe, fragt man sich ab und an, ob das der Weisheit letzter Schluss ist. Ob dann immer ein demokratisches Urteil gefällt wird, das die Mehrheitsverhältnisse abbildet. Ist es nicht so, dass die Gegner solcher Bewerbungen viel leichter zu mobilisieren sind?

In München bin ich mir nicht sicher, dass alle sagen können: Das ist die Meinung der Bevölkerung. Ich hatte so ein bisschen das Gefühl, dass viele, die dafür waren, jetzt sagen: Hätte ich doch lieber mal das Kreuzchen gemacht. Volksbefragungen sind immer ein zweischneidiges Schwert. Es wirkt sehr sexy, aber eigentlich müssten Sie hundert Prozent Beteiligung haben. Dass ist die Crux der Demokratie, schon immer gewesen.

HuffPost: Waren Sie ein Befürworter von München 2020?
Reif: Ich fand die Idee gut. natürlich hätte man sich genau angucken müssen: Wie gigantisch soll’s denn werden – zu welchem Preis? Ich hatte den Eindruck, dass die Leute dort schon gute Gedanken gemacht haben. Aber am Ende ging das in einem Abwasch runter und die abstimmende Mehrheit hat gesagt: nein. Ich bedaure das. Ich glaube, es wäre eine Chance gewesen, eine Sportstadt wie München noch mal einen Schritt voran zu bringen.

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