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Das Christentum ist ein Skandal

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KRIPPE
Die Krippe | Thinkstock
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Mit einer Karte, die ein überfülltes, fast kenterndes Schiff mit Flüchtlingen aus Afrika zeigt, grüßt der evangelische Bischof der Landeskirche Hannover, Ralf Meister, zu Weihnachten. Seine Schock-Postkarte hat Schlagzeilen gemacht.
Sicher nicht zuletzt, weil wir bei den klassischen Motiven der Weihnacht, dem Stall, der Krippe, Ochs und Esel und den Hirten kein Befremden mehr empfinden, sondern ein wohliges Behagen.

Dabei ist ein Stall alles andere als bequem und ein Futtertrog nicht der Aufbewahrungsort für ein Neugeborenes.

Die beschauliche Weihnachtsszene, die ohne die Hirten nicht auskommt, blendet die Armut aus, in der diese Menschen, die draußen bei den Herden übernachteten, gelebt haben. Papst Franziskus hat kurz nach seiner Wahl die Flüchtlingsinsel Lampedusa besucht. Dabei hat er die wohlhabenden Nationen, deren Bewohner der Tradition nach nahezu alle christlich getauft sind, eindringlich ermahnt, die Verlierer der Globalisierung nicht zu vergessen. Damals wie heute sind die Armen die, die von der Entwicklung und dem Fortschritt der anderen nicht profitieren können.

Politisch aufgeladenes Klima

Die Römer machten sich die Heimat Jesu Untertan und beuteten sie, wie alle Provinzen, aus. Gleichzeitig brachten sie auch ein gewisses Mass an Fortschritt. Die Volkszählung, die Kaiser Augustus befohlen hat, von der am Anfang der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas berichtet wird, mag ein Beispiel für beides sein: Wissen, wie viele Leute für einen zahlen können und die Verwaltung einer Provinz optimieren.

Die Besatzungsmacht hatte nicht nur Freunde. Und so wird der Junge Jesus in ein politisch aufgeladenes Klima hineingeboren in dem es auch ihm relativ schnell an den Kragen gehen soll. Seine Familie flieht nach Ägypten, nachdem König Herodes ihn töten lassen will. Die Sterndeuter, die bei uns heilige drei Könige heißen, haben ihm auf dem Weg nach Bethlehem von der Geburt eines neuen Königs berichtet.

Herodes lässt alle Kinder in der Gegend niedermetzeln. Josef gelingt gerade noch rechtzeitig mit Maria und Jesus die Flucht. Schon hier deutet sich an, dass Weihnachten nicht nur Beschaulichkeit bedeuten kann. Die Theologen aller Jahrhunderte sehen in den Umständen seiner Geburt schon den Hinweis auf Jesu Tod am Kreuz. Diese Art zu sterben ist alles andere als beschaulich.

Das Christentum taugt niemals zur Beschaulichkeit

Darin liegt der Skandal des Christentums: Dass es, wenn man es ernst nimmt, niemals für Beschaulichkeit taugt. Jeder Weihnachtsmarktbesuch ist so gesehen eine Abkehr von der Religion und ein Widerstand gegen Gott.

Der Besuch des Papstes und die Weihnachtskarte des Bischofs hingegen bilden den Gegenpol: Das Christentum ist unbequem - und daher nicht jedermanns Sache. Am Besten wird man seiner Herr, in dem man es domestiziert, also behaglich und überschaubar macht.

Es ist ja nicht damit getan, ein paar Euros für die Flüchtlinge zu spenden oder die EU großspurig aufzufordern, dafür zu sorgen, dass mehr von ihnen aufgenommen werden. Dem Christentum würde es um den Systemwechsel gehen, um die Entwicklung eines Familiengefühls für die ganze Menschheit. Der andere, das war immer der Fremde. Für den Juden der Nicht-Jude, für den Römer der Nicht-Römer, also der Ausländer - den er übrigens immer Barbar nannte.

Das Christentum ist kein Humanismus

Für uns Reiche sind es die Armen. Und ja, es ist korrekt, wir können nicht alle Menschen, die heute in Afrika leben, bei uns aufnehmen. Sondern wir müssten etwas von unserem Reichtum abgeben beziehungsweise akzeptieren, dass wir in Zukunft nicht mehr so leben können wie bisher, damit für alle Glieder der Menschheitsfamilie Raum und Spielraum zum Leben, häufig in einem ersten Schritt nur dem Überleben bleibt.

Das machen wir nicht, weil uns letztendlich die Begründung dafür fehlt, warum wir das tun sollten. Wir haben ja auch bei uns Arme, also unsere Armen, um die wir uns zuerst kümmern müssten. Abgesehen davon, dass es auch hier häufig nur bei Appellen bleibt, fehlt auch hier die Begründung, warum wir uns für sie einsetzen sollten. Weil sie auch Deutsche sind? Weil sie auch Europäer sind? Weil diese Armen irgendetwas mit den Nicht-Armen verbindet? Welches Charakteristikum könnte das sein?

Das Christentum ist kein Humanismus, der das Menschsein mit dem Menschen begründet. In dieser Religion geht es darum, dass Gott Mensch wird. Ebenfalls ein Skandal.

Denn wenn das stimmte würde es bedeuten, dass Gott die Menschen, jeder einzelne von ihnen, nicht egal ist. Dann darf dem Menschen auch sein Mitmensch nicht egal sein. Die Rede vom Systemwechsel ist deshalb nichts für den universitären Katheder, sondern ihn herbeizuführen ist Christenpflicht!

Ein geschwächtes Christentum hat gravierende Folgen

Die Mächtigen möchten naturgemäß diesen Systemwechsel nicht - weswegen Jesus am Ende sterben muss. Mit seinem Reden und seinem Handeln provoziert er die Banker und die politisch-religiöse Elite seiner Heimat, die für seine Kreuzigung sorgen.

Wenn heute das Christentum in Talkshows, Leitartikeln oder sonstwo schlecht geredet wird, dann hat das auch etwas sehr gravierendes zur Folge: Ein in der Öffentlichkeit geschwächtes Christentum kann nicht mehr mit Macht für die Armen, Unterdrückten und Benachteiligten kämpfen. Es gibt da draußen einige, die das gut finden, weil sie so leichter mit den Menschen verfahren können, wie es ihnen beliebt.

Wir glauben, in den kenternden Schiffen säßen immer nur die Anderen. In einer biblischen Episode wird berichtet, dass ein Boot, in dem Jesus und seine Jünger saßen, in einen schweren Sturm geriet und zu kentern drohte. Jesus habe, so sagt es die Schrift, dem Sturm befohlen, sich zu verziehen.

Wer bewahrt uns vor dem Schiffbruch, wenn wir keinen Glauben mehr haben?

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Filed by Sebastian Matthes