Darum sollte Ihr Glas halb leer sein: 5 Gründe, warum Pessimismus besser für unsere Gesundheit ist

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Die ewigen Optimisten scheinen alles richtig zu machen: Glas halb voll – gut. Glas halb leer – schlecht. So sagt man zumindest. Es gibt natürlich auch einige extrem gute Argumente für eine positive Lebenseinstellung. Die meisten davon haben mit unserer Gesundheit zu tun. Die 89 % der Bevölkerung, die sich weltweit als Optimisten bezeichnen, haben niedrigere Cholesterinwerte, ein stärkeres Immunsystem und ein geringeres Schlaganfallrisiko, um nur einige Vorteile zu nennen.

Wenn Ihrer Meinung nach aber nicht immer und überall nur eitel Sonnenschein herrscht, ist das auch in Ordnung. „Es gibt verschiedene Konstrukte, die wir als Pessimums bezeichnen“, erklärt Julie Norem, Ph.D, Psychologieprofessorin am Wellesley Colleges in Massachusetts und Autorin von „The Positive Power of Negative Thinking“ (Die positive Kraft der negativen Gedanken). „Häufig meinen wir damit den dispositionalen Pessimismus: die chronische Tendenz, immer etwas Negatives zu erwarten“, so Norem.

Außerdem gibt es laut Norem noch den „erklärenden Pessimismus“ (die Neigung, für unangenehme Dinge nicht äußere Einflüsse, sondern sich selbst verantwortlich zu machen) sowie den „Verteidigungspessimismus“, bei dem Menschen einer für sie beängstigenden Situation begegnen, in dem sie ihre Erwartungen zurückschrauben und sich ganz genau ausmalen, was alles schiefgehen könnte.

Eine negative Grundhaltung wird laut Norem zwar zunehmend gesellschaftlich akzeptiert, doch der Prozess ist langsam. „Von Pessimisten wird stets erwartet, dass sie sich nach außen hin zuversichtlich zeigen. Das führt zu einem enormen Druck, der weit schlimmer ist als die pessimistische Grundhaltung an sich", so Norem. Das heißt nicht, dass wir alle versuchen sollten, pessimistischer zu werden. Wer aber von Natur aus eher das halb leere Glas sieht und damit auch im Alltag keine Probleme hat, kann durchaus von einigen Vorteilen des negativen Denkens profitieren.

Notorische Schwarzmaler können also endlich beruhigt sein! Fünf Beispiele dafür, wie ein kleines bisschen Pessimismus tatsächlich gut für Gesundheit und Wohlbefinden sein kann.

1. Pessimisten leben länger.

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Eine vielbeachtete Studie aus dem letzten Winter zeigte, dass ältere Menschen, die geringere Erwartungen an ihre Zukunft hatte, länger und in besserer Gesundheit lebten als jene, die besonders positiv in die Zukunft blickten. „Unsere Ergebnisse haben gezeigt, dass mit übermäßigem Optimismus hinsichtlich der eigenen Zukunft das Risiko für Behinderung und Tod innerhalb der nächsten 10 Jahre ansteigt", erklärte Dr. Frieder Lang, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg und Hauptautor der Studie, damals. Die Studie konnte Ursache und Wirkung zwar nicht klar ermitteln, Lang vertritt aber die Theorie, dass „Menschen mit Angst vor der Zukunft vorsichtiger sind und mehr auf ihre Gesundheit und Sicherheit achten.“

2. Pessimisten haben besonders stabile Beziehungen.

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Verschiedene Untersuchungen aus den letzten Jahren legen nahe, dass für eine gesunde, langfristige Beziehung ein bisschen Pessimismus nicht schaden kann. Eine im Juli im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlichte Studie zeigt, dass bestimmte Formen von Optimismus bei Paaren zu einer Verschlechterung der Beziehungsqualität führen können. Die These ist, dass diese Paare nicht aktiv daran arbeiten, ihre Beziehungsprobleme zu lösen.

Eine weitere Studie ergab, dass Paare, die sich zwingen, im Umgang mit Beziehungsproblemen immer positiv zu bleiben, der Beziehung damit letztendlich schaden. Die Leiter der Studie schlossen daraus, dass „Paare, die dem Thema Ehe anfangs eher pessimistisch gegenüberstehen, langfristig erfolgreicher und glücklicher sind, da die Erwartungen von Beginn an nicht zu hoch waren.“

3. Pessimismus fördert die Produktivität.

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Auch wenn uns oft gesagt wird, wir sollen für maximalen Erfolg in Studium oder Beruf immer positiv denken, bringen defensive Pessimisten – oder Menschen, die sich in Stresssituationen immer genau vorstellen, was alles schiefgehen könnte – tatsächlich sogar gerade wegen ihrer negativen Grundeinstellung besonders gute Leistungen, erklärte Norem, die das Phänomen untersucht und in ihrem Buch darüber geschrieben hat. Aufgrund ihrer natürlichen Tendenz, sich das Worst-Case-Szenario auszumalen, sind diese Menschen oft besonders motiviert, strengen sich mehr an und erreichen somit auch mehr.

4. Pessimismus hilft gegen Angst.

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Norems Untersuchungen zufolge kann dieser defensive Pessimismus wohl auch vor Angst und Sorgen schützen. Ein Beispiel hierfür sind Reden für Publikum, die für viele Menschen eine Stresssituation darstellen. Defensive Pessimisten werden sich in dieser Situation wahrscheinlich ausmalen, wie sie über das Mikrofonkabel stolpern oder das Wasserglas auf dem Podium umstoßen. Dadurch können sie sich aber auch vorstellen, wie sie solche Situationen vermeiden können.

„Wenn die Angstsituation in klare Einzelelemente heruntergebrochen wird, kann man sich darauf konzentrieren, eine positive Lösung zu finden“, so Norem. „Die Menschen in unserer Studie können sehr gut mit ihren Ängsten umgehen, wenn sie diese Strategie anwenden.“ Wenn man einen defensiven Pessimisten jedoch dazu bringen will, sich zu entspannen und z. B. an einen sonnigen Strand oder ein positives Ende der Stresssituation zu denken, kann das schnell zum Gegenteil führen.

5. Pessimisten sind die besseren Zocker.

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WebMD berichtete 2004 über eine im Fachmagazin „Personality and Social Psychology Bulletin“ veröffentlichte Studie, bei der Studenten Black Jack und mit einem simulierten Spielautomaten spielten. Insgesamt zeigte sich laut WebMD, dass die Optimisten eher der Meinung waren, sie könnten gewinnen, und ihren Verlusten noch etwas Positives abgewinnen konnten. Die Pessimisten dagegen waren eher dazu in der Lage, ihre Einsätze aufgrund schlechter Ergebnisse zu reduzieren. Die Forscher sind der Meinung, dass dadurch nicht nur beeinflusst wird, wie wahrscheinlich jemand im Kasino sein Geld verspielt. Tatsächlich könnte sich diese Tendenz auch auf die allgemeine Investitionsfreude und somit den persönlichen Wohlstand auswirken. (Das könnte erklären, warumCFOs in Unternehmen pessimistischer sind als CEOs.)