WIRTSCHAFT
16/12/2013 19:55 CET | Aktualisiert 16/12/2013 20:13 CET

Der groteske Wohnungsmarkt in Deutschlands Großstädten

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Wer eine Wohnung sucht, muss sich hinten anstellen, und das oft mehrere hundert Meter lang

Dieses ewige Warten ist das Schlimmste. Dutzende Bewerbungen hat die 24-jährige Viola Schmidt schon verschickt. Dutzende Male: keine Reaktion. Dabei geht es der Münchner Studentin nicht einmal um einen hoch dotierten Beraterjob, sondern schlicht um ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft.

Erst vor wenigen Wochen stand Schmidt, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, scheinbar kurz vor der Lösung. Sie hatte – wieder einmal – 20 Anfragen über Plattformen wie Wg-gesucht.de rausgeschickt. Und dann erhielt sie – endlich – die ersehnte Antwort: eine Einladung zur Besichtigung inklusive.

Sie fuhr hin. Die Wohnung lag im Münchner Stadtteil Schwabing. Altbau, direkt an der Leopoldstraße mit all ihren Bars und Restaurants. Bis zur Uni sind es von dort gerade einmal fünf Minuten. Die potenziellen WG-Mitbewohner schienen nett und hatten auch gleich eine kleine Kennenlern-Party für den Abend organisiert.

Alles perfekt also, dachte Schmidt.

Doch da irrte sie. Abends stellte sich heraus, dass die beiden Studenten in Wirklichkeit gar keine Mitbewohnerin, sondern einen One-Night-Stand suchten. Die sogenannte Kennenlern-Party nahm ziemlich schnell eine eindeutige Richtung an. Am Ende blieb Schmidt nur noch die Flucht. Nicht nur im Krieg und in der Liebe scheinen alle Dinge erlaubt, mittlerweile offenbar auch auf dem Wohnungsmarkt.

Wohnungssuche in Großstädten nimmt groteske Züge an

Was Wohnungssuchende in München, Köln, Hamburg und mittlerweile auch Berlin auf sich nehmen, nimmt groteske Züge an.

Das Problem: Immer mehr junge Menschen ziehen in die attraktiven Metropolen München, Hamburg, Berlin und Köln und damit steigt die Nachfrage nach günstigem Wohnraum. Die logische Konsequenz sind stark steigende Mietpreise.

Laut dem Statistikportal Statista liegt München mit einem durchschnittlichen Mietpreis pro Quadratmeter von 13,85 Euro an der Spitze, gefolgt von Frankfurt am Main mit durchschnittlich 11,98 Euro pro Quadratmeter und Stuttgart mit 11,46 Euro.

Aber auch ehemals günstige Städte wie Berlin werden immer teurer. Im Vergleich zum Vorjahr stieg 2013 der Quadratmeterpreis um elf Prozent auf durchschnittlich 8,40 Euro pro Quadratmeter. Sogar einst einkommensschwache Viertel wie Neukölln werden zu regelrechten In-Locations. Die Folge: Die Mieten steigen in diesen Stadtteilen besonders schnell und weniger wohlhabende Mieter und Studenten müssen weichen.

Die Preise steigen rasant - und günstige Wohnungen bleiben geheim

Das größte Problem: In sehr begehrten Lagen landen nur die wenigsten günstigen und guten Wohnungen überhaupt auf dem Markt. „Die meisten werden unter der Hand weitergegeben“, sagt Anja Franz vom Mieterverein München. „Wenn jemand aus einer solchen Wohnung auszieht, dauert es keine fünf Minuten und jemand aus dem Freundes- oder Familienkreis meldet sich.“

Auch Michaela Huber ist so ein Fall. Zuvor wohnte sie in einem katholischen Studentenwohnheim in München: Für 410 Euro für ein 15 Quadratmeter großes Zimmer. Damit kommt sie immerhin auf einen Quadratmeterpreis von 27, 33 Euro.

Männerbesuch ist dort verboten und die Teilnahme am Gottestdienst verpflichtend. „Als ich ausgezogen bin, wurden 70 Euro von der Kaution einbehalten – für eine fehlende Plastikklobürste. Die kostet bei Rossmann 2.99 Euro“, sagt Michaela. Im Verhältnis zu dem, was sie im Anschluss in der Welt von „Immoscout24“ und „WG-gesucht.de“ erleben muss, klingt das Wohnheim gar nicht mehr so schlecht.

Das Ergebnis ihrer nächsten Besichtigung: Zimmerpreis: 740 Euro, plus 70 Euro monatlicher „Möbelabnutzungspauschale“. Aus Frust zog die Studentin mittlerweile wieder zu ihren Eltern aufs Land.

Preise in diesen Höhen, verbunden mit absurden Zusatzforderungen für WG-Zimmer, wecken den Verdacht, dass hier vieles nicht mit rechten Dingen zugeht.

"Irgendjemand findet sich immer, der bereit ist so viel zu bezahlen"

Nicht nur seitens der Vermieter. Sondern auch der künftigen Mitbewohner. Paula, die eigentlich anders heißt, kennt diese Methode, sie ist sogar Teil davon.

Für sie ging ein Traum in Erfüllung: Eine WG zusammen mit den besten Freunden in Kreuzkölln - einem von Berlins gefragtesten Vierteln.

Nach einigen Monaten verabschiedete sich einer ihrer Mitbewohner für ein Auslandssemester nach Kolumbien. Das Zimmer wurde also zwischenzeitlich frei.

Anstatt aber einen neuen Mitbewohner für den gleichen Mietpreis zu suchen, schlugen sie dem Zwischenmieter fast das Doppelte drauf. Aus 230 wurden 400 Euro Miete pro Monat. „Ich weiß, dass das unfair ist“, sagt Paula, „aber so macht das jeder hier. Dadurch zahlen wir weniger Miete, und irgendjemand findet sich immer, der bereit ist, so viel zu bezahlen.“

Der demografische Wandel in Deutschlands Großstädten

Das wird sich in Zukunft nicht ändern. Zwar soll Deutschlands Bevölkerung bis 2030 um 2,5 Millionen sinken. Doch viele Großstädte werden in der gleichen Zeit höchstwahrscheinlich zulegen.

München etwa könnte laut Experten in den nächsten Jahren um mehr als 20 Prozent wachsen. Die Lage für Mieterinnen und Mieter dürfte sich in solchen Städten in den nächsten Jahren noch deutlich verschärfen.

Das bestätigt auch Stefan Brauckmann vom Berliner Immobilienentwickler GBI AG: „Ein großes Problem ist nicht nur, dass zu wenig Wohnraum geschaffen wird, sondern dass am Bedarf vorbeigebaut wird", sagt Brauckmann. "Am meisten Zuzug entsteht durch junge Menschen und Singles. Doch statt Ein- bis Zweizimmer-Appartements werden große Wohnungen gebaut oder sogar kleine Wohnungen zu großen zusammengelegt." Das betreffe nicht nur beliebte Städte wie München und Hamburg, sondern auch kleinere Orte wie Heidelberg oder Freiburg.

Alle Seiten versuchen aus der Notsituation der Mieter Kapital zu schlagen. Die Vermieter, die Mitbewohner – und selbst die Ex-Bewohner.

Hinten anstellen, bitte

Bernd Müller ist Immobilienkaufmann in München und bezeichnet den Wohnungsmarkt als bestes „Real Life Kabarett“. Kürzlich sei ein Mieter in einem Haus ausgezogen, das sein Unternehmen betreut. Der alte Mieter präsentierte ihm zum Auszug gleich eine Nachmieterin. Was der aber verschwieg: Er kannte die Nachfolgerin nicht einmal, kassierte von ihr aber eine Provision.

Und da langte er richtig zu: Drei Monatsmieten bekam er von der jungen Frau – dabei sind eigentlich nur 2,38 Monatsmieten zulässig. Beim Gespräch mit der Mieterin kam die Sache ans Licht: „Die Mieterin hat uns gesagt, wenn wir schon Makler mit Preisen jenseits des Erlaubten beschäftigen, dann erwartet sie eine Top-Wohnung", erinnert sich Bernd Müller.

Wer sich bereit macht zum Sprung ins Haifischbecken des öffentlichen Immobilienmarktes, muss vorsichtig sein – und sollte bequemes Schuhwerk tragen. Denn die Schlange vor der nächsten Wohnungsbesichtigung kann schnell mal 100 Meter lang sein – vom dritten Stock aus.

Auch die immer wieder diskutierte Mietpreisbremse dürfte an dieser Problematik nichts ändern. Es fehlt in vielen Städten schlicht an passendem Wohnraum. Darauf sollte sich die Politik konzentrieren. Nicht weitere Regeln schaffen. Aber darüber spricht zur Zeit kaum jemand.