Amazon in der Kritik – Mitarbeiter spricht in Undercover-Doku über Arbeitsbedingungen wie im "Sklaven-Camp"

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Anfangs war Heiner Reimann skeptisch. Die Temperaturen waren eisig, um 5 Uhr morgens streikten nur sehr wenige Amazon-Mitarbeiter in Bad Hersfeld. Jetzt, Stunden später, ist die Stimmung des Verdi-Vertreters im Logistikzentrum des Online-Versandriesen Amazon „fast euphorisch“.

Rund 600 Beschäftigte beteiligten sich nach Verdi-Angaben am Streik. In Leipzig sollen es 400 Mitarbeiter gewesen sein. Die Gewerkschaft plant weitere „Nadelstiche“ im Weihnachtsgeschäft.

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Aber tun diese Stiche dem Unternehmen und den Kunden tatsächlich weh? Ein Amazon-Sprecher sagte der Huffington Post, es gebe "keinerlei Auswirkungen auf den Versand an Kunden". "Wir sind gut aufgestellt. Wir können das stemmen.“

Weshalb streiten sich Verdi und Amazon überhaupt?

Zentraler Konflikt zwischen Verdi und Amazon ist die Bezahlung. Verdi fordert einen Tarifvertrag nach den Bedingungen des Einzel- und Versandhandels. Amazon lehnt dies ab und orientiert sich an den günstigeren Konditionen der Logistikbranche. Deswegen kommt es seit dem Sommer immer wieder zu Streiks. Bei Amazon in Deutschland arbeiten rund 9000 Mitarbeiter in acht Versandzentren. In Bad Hersfeld sind es mehr als 3300 Menschen, in Leipzig rund 2000.

Amazon erklärte: „Mitarbeiter der deutschen Amazon-Logistikzentren liegen mit ihrem Einkommen am oberen Ende dessen, was in der Logistikindustrie üblich ist: Mindestens 10,47 Euro pro Stunde im zweiten Jahr (mindestens 9,55 Euro im ersten Jahr) plus Boni, zudem Weihnachtsgeld und Unternehmensaktien nach zwei Jahren Betriebszugehörigkeit.“ Das Weihnachtsgeld beträgt 400 bis 600 Euro. Außerdem gibt es nach Amazon-Angaben Rabatt auf persönliche Bestellungen, eine Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung sowie einen Beitrag zur Altersvorsorge in Höhe von bis zu zwei Prozent des Grundlohns.

Auch Verdi-Vertreter Reimann gibt zu: Es hat sich was getan in der Vergangenheit. Nachdem es zwischen 2006 und 2011 keine Lohnerhöhung bei Amazon in Bad Hersfeld gegeben habe, ist der Stundenlohn von 8,63 Euro auf 10,01 Euro gestiegen. „Das ist auch ein Verdienst von Verdi.“ Doch der Tarifvertrag, für den Verdi kämpft, hätte noch einen viel größeren Effekt: Ein durchschnittlicher Angestellter hätte im Jahr mehrere tausend Euro mehr in der Tasche.

Was stört die Amazon-Mitarbeiter neben der Bezahlung noch?

DIE KONTROLLE

„Bei Amazon gibt es zwei Erlebniswelten“, sagt Heiner Reimann. Dort seien Mitarbeiter, die seit Jahren für Amazon arbeiten, unbefristet angestellt sind. Sie hätten sich an das Unternehmen gewöhnt und stöhnten nicht. Außerdem gebe es etliche Mitarbeiter, die sich nach langer Arbeitslosigkeit wieder über eine Tätigkeit freuten.

Aber es gebe auch befristet angestellte Mitarbeiter und Leiharbeiter, die „sehr stark unter der Kontrolle leiden“. Ein Amazon-Mitarbeiter sagte der „Welt am Sonntag“: „Mich haben sie jetzt so weit. Ich mache, was man mir sagt.“

Adam Littler, ein 23-jähriger Reporter, der für BBC undercover bei Amazon arbeitete, wird deutlicher. „Wir sind Maschinen, wir sind Roboter“, sagt er in einer Dokumentation, die am Montagabend im britischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. „Wir denken nicht für uns selbst, vielleicht vertrauen sie uns nicht, dass wir wie Menschen denken sollen. Ich weiß es nicht."

Der britische Stress-Experte Michael Marmot hat sich die Aufnahmen des Undercover-Reporters angeschaut. Sein Fazit: Solche Bedingungen würden zu geistiger und körperlicher Krankheit führen. "Das ist alles Schlechte auf einmal", sagte er laut BBC. Laut Huffington Post UK sprach ein Mitarbeiter von Bedingungen wie in einem "Sklaven-Camp" und einem "unglaublichen" Druck.

Kontrolle, sagt Gewerkschafter Reimann, bedeute bei Amazon zum Beispiel, dass ein Scanner den Mitarbeitern den Takt vorgibt. Fällt einem sogenannten "Picker" ein Produkt hin, darf er es nicht aufheben. Dafür ist eine Spezialeinheit zuständig, sagt Reimann. In Leipzig sei ein Mitarbeiter wegen „zweifacher Inaktivität innerhalb von fünf Minuten“ abgemahnt worden. „Das kenne ich von keinem anderen Unternehmen.“

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Amazon-Lager in Bad Hersfeld

DIE LANGEN WEGE

Der BBC-Reporter Littler berichtete von rund 17 Kilometern, die in einer Schicht zurückgelegt werden müssen. Er sagte nach einer Schicht: „Ich bin absolut am Ende meiner Kräfte.“ Die Füße würden ihn plagen. Laut Verdi-Vertreter Reimann müssen Amazon-Mitarbeiter in Deutschland pro Schicht in der Spitze bis zu 20 Kilometer gehen.

„Berichte von bis zu 20 Kilometer sind nicht repräsentativ“, sagte ein Amazon-Sprecher der Huffington Post. „Wir tun alles für die Gesundheit unserer Mitarbeiter.“ Präferenzen würden berücksichtigt; manche Mitarbeiter würden sich lieber bewegen anstatt nur auf der Stelle zu stehen. Für diejenigen Mitarbeiter, die immer an einer Stelle stehen, gebe es Gumminoppen-Matten, die eine „permanente Massage von unten“ ermöglichen.

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DIE PAUSENPROBLEMATIK

Außerdem gebe es, sagt Heiner Reimann, festgelegte Pausenzeiten. Wenn der Gong ertönt, müsse die ganze Abteilung Pause machen. Es würden sich lange Schlangen an der Sicherheitsschleuse und in der Kantine bilden, manchmal blieben nur wenige Minuten Zeit fürs Essen.

SO VIEL VERDIENEN DIE AMAZON-MITARBEITER

An keinem Amazon-Standort besteht Tarifbindung. Verdi will sie mit Streiks erzwingen - sowie tarifliches Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Nachtarbeits-, Sonn- und Feiertagszuschläge.

Beispiele zur Bezahlung bei Amazon: In Bad Hersfeld beträgt der Einstiegslohn für einen Lagerarbeiter laut Unternehmen pro Stunde 10,01 Euro, im zweiten Jahr 11,59 Euro und im dritten Jahr 11,71 Euro. Nach dem Versandhandelstarif müssten es in den ersten drei Jahren durchgängig 11,77 Euro sein, in der Logistikbranche 10,93 Euro.

In Leipzig beträgt der Einstiegslohn laut Amazon 9,55 Euro, im zweiten Jahr 10,47 Euro und im dritten Jahr 10,99 Euro. Laut Versandhandelstarifvertrag müssten es in den ersten Jahren durchgängig 11,39 Euro sein. Nach der Vereinbarung für die Logistikbranche 9,17 Euro, im zweiten und dritten Jahr 9,61 Euro.

(Mit Material von dpa)

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Filed by Tobias Fülbeck