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Birgit Kelle über die Frauenquote: "Möglicherweise das perfideste Instrument zur Unterdrückung der Frau"

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FRAUENQUOTE
Birgit Kelle sieht die Frauenquote in der Wirtschaft sehr kritisch. | dpa
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Union und SPD haben sich in der Arbeitsgruppe Familie auf eine gesetzliche Quote für Frauen in Führungsetagen geeinigt. Die Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen sollen ab 2016 einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent aufweisen.

Birgit Kelle ist freie Journalistin, Vorstandsmitglied des EU-Dachverbandes "New Women For Europe" und Mutter von vier Kindern. Im Gespräch mit der Huffington Post erklärt sie, was sie von der Frauenquote hält: Nichts.

Huffington Post: Die Frauenquote soll kommen. Frau Schwesig sieht darin einen guten Schritt für die Gleichstellung von Frauen in Deutschland. Stimmen Sie ihr zu?

Birgit Kelle: Nö, das ist ein guter finanzieller Schritt für eine Handvoll Frauen in Deutschland. Für die Masse von uns bringt das überhaupt nichts. Für die paar Aufsichtsratsposten, die zu vergeben sind, kommen nur wenige Frauen in Frage. Für die Gleichstellung bringt das überhaupt nichts. Ganz im Gegenteil: Anschließend können sich die Politiker gemütlich zurücklehnen und sich auf die Schulter klopfen. „Jetzt haben wir ganz viel für Frauen getan und nun gehen wir wieder zur Tagesordnung über.“

HuffPost: Ist die Frauenquote großer Quatsch?

Kelle: Die Frauenquote ist möglicherweise das perfideste Instrument zur Unterdrückung der Frau. Es wird gesetzlich zementiert, dass Frauen eine Quote brauchen, um das zu erreichen, was Männer ohne Quote erreichen. Vermutlich ist das der Grund, warum mir zunehmend auch Herren die Schulter tätscheln, um mir zu erklären, wie gern sie mir doch mit einer Quote helfen würden.

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HuffPost: Manche Feministinnen sagen: Das ist eine positive Diskriminierung.

Kelle: Das muss so etwas sein wie positive Folter. Ich kann dem Begriff positive Diskriminierung nichts abgewinnen, denn Diskriminierung bleibt Diskriminierung, egal unter welchen Motiven. Man kann sich die Frauenquote auch schönreden.

HuffPost: Wie reagieren die Frauen in Ihrem Umfeld auf die Quote?

Kelle: Unheimlich viele, besonders die jüngeren, sind dagegen. Ich war in der vergangenen Woche bei einem Workshop für weibliche Führungskräfte. Da waren Frauen aus dem gehobenen Management anwesend, zum Teil explizit aus Männerbranchen. Wir haben eine Abstimmung gemacht: Neunzig Prozent waren gegen eine Frauenquote. Das waren Frauen, die sich ihren Weg nach oben erkämpft haben und sehr erfolgreich im Beruf sind.

HuffPost: Woran liegt die Ablehnung? An der Angst vor dem „Tittenbonus“, über den Sie an anderer Stelle geschrieben haben?

Kelle: Genau. Die Managerinnen sagen, dass diejenigen, die über firmeninterne Quoten aufsteigen, nicht ernst genommen werden. Auch Ingenieurinnen und viele Akademikerinnen schreiben mir, dass sie seit der Diskussion über die Frauenquote immer erklären müssen, dass sie auch ohne Quote aufgestiegen sind. Diese Frauen sind wütend, weil sie sich alles hart erkämpft haben. Wir binden uns als Frauen mit der Quote einen extra Klotz ans Bein.

Aber bei der ganzen Debatte dürfen Sie nicht vergessen, dass es Branchen gibt, in denen es für Frauen einfach sehr hart ist – zum Beispiel im Vertrieb. Eine Vertriebschefin eines großen Telekommunikationsunternehmens sagte mir, dass sie in ihrer Truppe nur sehr wenige Frauen habe. Die meisten Frauen würden den Druck nicht aushalten und lieber in andere Abteilungen im Haus gehen. Das finde ich völlig legitim. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass nicht überall dort, wo keine Frauen sind, die Frauen ferngehalten werden, sondern viele von ihnen da möglicherweise gar nicht hinwollen. Aber wenn Sie in Diskussionen mit Feministinnen den Satz „Sie wollen es nicht“ sagen, dann gibt es immer kollektiven Atemstillstand.

HuffPost: Was stört sie am meisten an der Diskussion?

Kelle: Dass es eine überflüssige Diskussion ist, die an den wahren Problemen von Frauen vorbeiführt.

HuffPost: Was sind die wahren Probleme?

Kelle: Das größte Problem ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, weil wir darauf beharren, dass alles gleichzeitig sein muss und nicht etwa hintereinander. Viele Frauen wollen für ihre Familie eine Zeit lang im Beruf aussetzen. Sie sind aber im Moment wahnsinnig unter Druck. Sie bekommen von allen Seiten gesagt: „Wenn du das machst, bist du aus dem Job raus – trotz deiner guten Ausbildung.“ Diese Frauen gehen ein hohes finanzielles Risiko ein, wenn sie einige Jahre ihres Leben der Familie widmen. Die Unternehmen machen ihnen den Wiedereinstieg schwer. Dieser Druck muss nachlassen. Das gesellschaftliche und finanzielle Risiko, Kinder großzuziehen, darf nicht allein auf den Schultern der Frauen lasten. Das ist das Hauptproblem, das wir lösen müssen – und nicht die Frage, ob in einem Vorstand mehr Frauen oder mehr Männer sitzen. Die Unternehmen müssen familienfreundlich werden. Ich möchte nicht, dass die Familien wirtschaftsfreundlich werden müssen.

HuffPost: Verfechter der Frauenquote schwören ja auch auf den Kulturwandel in den Unternehmen. Meetings könnten dann öfter zu familienfreundlichen Zeiten stattfinden und es gibt dann womöglich mehr Sensibilität für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ist da nicht was dran?

Kelle: Wahrscheinlich bekommen wir sogar besseres Wetter, wenn mehr Frauen in den Vorständen sitzen. Das ist doch bloß eine Hypothese. Frauen sind, sobald sie Chef sind, auch keine besseren Menschen als Männer. Das unterstellt ja auch, dass Männer nicht in der Lage wären, frauenfreundlich zu agieren. Das ist Sexismus in die andere Richtung. Ich glaube nicht, dass die Familienfreundlichkeit etwas mit der Zusammensetzung der Vorstände zu tun hat.

HuffPost: Wie viele Gegner haben Sie eigentlich mit Ihren Thesen?

Kelle: Etwa zehn Prozent des Feedbacks ist negativ. Ich bekomme überwiegend Zustimmung. Diejenigen, die meine Meinung ablehnen, hassen mich, die werden in der Regel persönlich und beleidigend. Das fällt eine sachliche Auseinandersetzung schwer.

Birgit Kelle hat das Buch "Dann mach doch die Bluse zu - Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn" geschrieben, erschienen im Adeo-Verlag, 224 Seiten, 17,99 Euro, ISBN: 9783942208093.

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