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Darum sind wir alle dumm - 8 Thesen aus dem Buch "Dummheit" von Ernst Pöppel

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DUMMHEIT
Einfach mal den Kopf in den Sand stecken – das tun wir gerne | thinkstock.com
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Was, wenn wir alle dumm wären? Nun, wenn es nach Hirnforscher Ernst Pöppel geht, ist das bereits der Fall. In seinem neuen Buch „Dummheit“ rechnet er ab mit sinnlosem Verhalten, falschen Einstellungen und anderen Absurditäten. Seine Theorie belegt er mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Die acht Thesen im Überblick:

1. Unsere Gesellschaft basiert auf einer PISA-Dummheit

Wenn Deutschland mal wieder schlecht bei PISA abschneidet, regen sich alle auf. Und beneiden Länder, die in der Rangliste oben stehen: Finnland, Kanada, Südkorea. Geprüft werden Kenntnisse in Mathematik, Naturwissenschaft und die Lese-Kenntnisse. Aber ist dieses Wissen das einzige, das zählt?

Ernst Pöppel erzählt die Geschichte seines südkoreanischen Doktoranden Kim, der für die Promotion nach Deutschland kam. Kim beeindruckte Pöppel mit seinem neurologischen Fachwissen. Ein guter Wissenschaftler war er nicht. Er hatte keine eigenen Ideen, war nicht kreativ. Ein Auswendiglerner.

„Es braucht Menschen, die inspirieren, unterhalten, integrieren“, sagt Pöppel. „Diese Fähigkeiten aber kommen durch die PISA-Dummheit zu kurz. Unsere Gesellschaft wird zu einem System von möglichst funktionalen Menschen ummodelliert, die sich am besten unauffällig in den Mainstream einordnen.“

Schnelligkeit macht dumm

Heute muss alles schnell gehen, so dass unser Verstand nicht mehr hinterherkommt. Er ist nicht gemacht für die Geschwindigkeit der modernen Welt.

Man könnte auch sagen: Unser eigener Fortschritt hat uns überholt. Als Beispiel nennt Pöppel den computergesteuerten Börsenhandel. Die Rechner kaufen und verkaufen in einer Zeitspanne, die teilweise nur das Milliardstel einer Sekunde beträgt. Ihr Handeln hat sich verselbstständigt, denn kein Mensch könnte ihnen folgen.

Die Jagd nach Geschwindigkeit erschöpft uns. Ein Burn-Out droht. Die Psychologin Beatrice Wagner hat eine Frau kennengelernt, deren Fall typisch ist. Die Journalistin arbeitete dauernd, auch abends und zuhause. Trotzdem schaffte sie kaum etwas. Sie war von ihren Aufgaben überfordert und flüchtete sich in sinnlose Tätigkeiten: Mails checken, Facebook-Nachrichten abrufen, den Kontostand prüfen. Die eigentliche Arbeit blieb unerledigt.

Geholfen hat ihr eine Realitätstherapie. Heißt: Sich fragen, welche Herausforderungen man wirklich schaffen kann. Setzen Sie Etappenziele, die Sie in einer festgelegten Zeit erreichen können.

Es macht dumm, alles nur aus der eigenen Perspektive zu sehen

Wer seine Umwelt nur aus der eigenen Sichtweise beobachtet, sieht die halbe Wahrheit. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist dem Menschen angeboren. Und trotzdem scheint es, als ginge diese Gabe immer mehr verloren.

Pöppel sieht einen Grund dafür darin, dass es immer mehr Einzelkinder gibt. Sie bekommen die ganze Aufmerksamkeit ihrer Eltern und müssen auf keine Geschwister Rücksicht nehmen. Einzelkinder „haben keinen Lernanreiz, die Innenperspektive anderer Menschen zu ergründen, um ihre Verhaltensweisen vorherzusagen“, sagt Pöppel. „Ihnen reicht es, einen Wunsch zu äußern, damit er erfüllt wird.“

Eine Übung zum Perspektivwechsel: Setzen Sie sich in ein Café und beobachten sie Menschen, von denen Sie sich gestört fühlen. Zum Beispiel den rauchenden Tischnachbarn. Und überlegen Sie, wie sich der andere fühlen könnte. Vielleicht hat er einen schlechten Tag und freut sich schon die ganze Zeit auf eine Rauchpause.

Viele Freunde machen dumm

Ein großer Freundeskreis – das ist doch toll. Oder? Pöppel sagt: Nein. Zu viele Freunde sind sogar schädlich. Es ist stressig, alle Kontakte zu pflegen. Schöne Erlebnisse mit Freunden verschwimmen in der Masse der Erinnerungen.

„Man kann anhand der Größe des Frontalhirns die Größe der früheren Stammesgruppen ermitteln“, sagt Pöppel. „Daraus ergibt sich, dass unser Gehirn auf einen sozialen Verband von 150 Leuten eingestellt ist. In der heutigen Zeit aber schaffen wir uns ein Vertrauensnetzwerk, das oft viel zu groß ist. Nun gibt es zwischen Freund und Feind auch noch die guten oder weniger guten Bekannten, die Facebook-Freunde, die Kollegen, die Nachbarn und so weiter.“

Besonders durch Facebook hat sich die Zahl der Kontakte vervielfacht. Wir sind verbunden mit so gut wie jedem Menschen, dem wir je begegnet sind. Wie Facebook ist auch das Gehirn ein Netzwerk, aber die Verbindungen müssen Sinn machen. Sonst sind sie überflüssig.

Es ist dumm, Entscheidungen zu verschieben.

Es kann unangenehm sein, sich entscheiden zu müssen. Wer eine von zwei Möglichkeiten wählt, verzichtet auf die andere. Das Wort "entscheiden" kommt schließlich nicht umsonst von dem Verb scheiden. Also verschieben wir das gerne.

Das ist dumm, denn irgendwann müssen wir mit dem vorlieb nehmen, das übrig bleibt. Treffen Sie Ihre Wahl lieber selbst, als sie von anderen für sich treffen zu lassen.

Bei schwierigen Entscheidungen kann das Bauchgefühl helfen. Entgegen der verbreiteten Meinung ist es nicht das Gegenteil der Vernunft. „Wenn wir ein bestimmtes Bauchgefühl haben, stecken unbewusste Denkvorgänge dahinter“, sagt Ernst Pöppel. „Dafür werden Informationen aus allen Bereichen des Gehirns zusammengetragen und schnell verknüpft.“


Experten sind dumm

Der Flughafen Berlin Brandenburg kostet Milliarden und beschäftigt Experten seit Jahren. Trotzdem geht alles schief. Das könnte daran liegen, dass unser Gehirn nicht in der Lage sei, eine so komplexe Situation vollständig zu erfassen, sagt Pöppel. Bei einem Großprojekt wie dem BER gibt es Zusammenhänge und Wechselwirkungen, die leicht übersehen werden.

Natürlich arbeiten jetzt schon dutzende Fachleute an der Fertigstellung des BER. Das Problem sei aber, dass sich diese Experten auf Teilaspekte konzentrieren und dazu noch unterschiedliche Meinungen hätten, sagt Pöppel.

Nötig wäre ein kompetenter Projektleiter, der alle Bereiche überschauen kann: So jemand müsse nicht unbedingt ein herausragender Experte für die einzelnen Fachbereiche sein, sagt Pöppel, sondern ein Experte für Zusammenhänge, der in der Lage ist, die einzelnen Interessen gegeneinander abzuwägen und die Fachbereiche miteinander zu synchronisieren.

Lesen macht dumm.

Sie lesen viel und sind stolz darauf? Es könnte sein, dass Sie gar keinen Grund dazu haben. Ernst Pöppel ist der Meinung, dass Lesen die Möglichkeiten des Gehirns einschränkt, statt sie auszuweiten. Lesen ist keine angeborene Fähigkeit, sie ist künstlich entstanden. Dafür werden Gehirnbereiche eingesetzt, die eigentlich andere Funktionen haben. Und diese Funktionen könnten dadurch verkümmern.

Durch das Lesen geht die reiche und intensive Wahrnehmung verloren, wie Kinder sie haben. Wer anfängt, in den künstlichen Strukturen von Buchstaben zu denken, sieht bald alles auf diese Weise. „Für die feinen Unterschiede, die sich mir optisch darbieten, bin ich weniger empfänglich als früher“, sagt Pöppel. „Eigentlich gehe ich verblindet durch die Welt, abgestumpft für den Reichtum dessen, was sich in meinem weiteren Gesichtsfeld zeigt. Ich erkenne die Farben, doch ich erlebe sie nicht mehr.“

Achtsamkeit kann man üben: Zum Beispiel, in dem man sich beim Essen auf den Geschmack und die Farben der Speisen konzentriert. Oder beim Spaziergang auf alle Sinneseindrücke in der Natur.

Der Mensch hat die Dummheit erfunden.

Eigentlich haben schon Einzeller alle Funktionen, die man zum Leben braucht. Sie sind durch ihre Zellwand von der Außenwelt abgegrenzt, können aber trotzdem etwas von außen aufnehmen oder nach außen abgeben. Sie bewerten, ob ihre aktuelle Situation gut für sie ist. Wenn nicht, dann bewegen sie sich an einen Ort, an dem das so sein könnte. Alle Fähigkeiten, auch der menschliche Verstand und die Gefühle, erfüllen genau diesen Zweck.

Der Mensch hat aber auch Begabungen, die völlig nutzlos sind. Er sei gewissermaßen eine Fehlentwicklung der Evolution, sagt Pöppel. „Die Außensperspektive entstand, also das Denken über das Denken, und damit kam die Dummheit in die Welt. Es traten Lebewesen in die Welt, die bemerken, dass sie etwas bemerken können – denen also etwas bewusst werden kann und die gleichzeitig wissen, dass ihnen etwas bewusst ist.“

Deshalb sei es den Menschen als einzigen Lebewesen möglich zu lügen, zu heucheln, sich misszuverstehen, dumme Fragen zu stellen, falsche Entscheidungen zu treffen.

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