Am Wahlabend hatte eigentlich nur die Union Grund zu feiern. Und so standen CDU-Größen wie Volker Kauder, Armin Laschet und Hermann Gröhe auf dem Podium im Foyer der Berliner Parteizentrale und tanzten ausgelassen zu einem Song der Toten Hosen - „An Tagen wie diesen“.

In der ersten Reihe standen Mitglieder der Jungen Union und sangen ekstatisch mit. Kaum ein Bild macht den inhaltlichen Widerspruch der Union deutlicher als dieses Youtube-Video: Zu Punkrock feiern, aber wirtschaftsliberale Politik umsetzen wollen. Lebenswirklichkeit trifft politische Mehrheitsverhältnisse. Die Wahrheit ist, dass sich die Deutschen zwar eine Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel wünschen, jedoch zum großen Teil den Forderungen zustimmen, die von den Sozialdemokraten im Wahlkampf vertreten wurden.

Es sind dabei nicht randständige Einzelprojekte der SPD, die auf Zustimmung stoßen, sondern viele Kernforderungen, die auch in den Koalitionsverhandlungen eine große Rolle spielen werden.

Mindestlohn
Eine große Mehrheit von 83 Prozent möchte laut ARD-Deutschlandtrend den flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn, so wie ihn die SPD fordert. Die Union hingegen würde es am liebsten Arbeitgebern und Gewerkschaften überlassen, „tarifliche Mindestlöhne“ auszuhandeln. Wörtlich heißt es im CDU-Wahlprogramm: „Eine Lohnfestsetzung durch die Politik lehnen wir ab.“

Steuererhöhungen
Fast zwei Drittel der Deutschen erwarten von einer künftigen Bundesregierung, dass sie die Steuern erhöht. Während die Sozialdemokraten mit der Forderung in den Wahlkampf gezogen sind, die Steuern für die oberen fünf Prozent der Einkommen zu erhöhen, plant die Union sogar Steuersenkungen umzusetzen – durch die Abschaffung der „kalten Progression“.

Bürgerversicherung
Die SPD möchte, dass künftig alle Versicherten nur noch in eine gemeinsame gesetzliche Krankenversicherung einzahlen. Mehreren repräsentativen Umfragen zufolge wünscht sich eine Mehrheit der Deutschen die Abschaffung des Doppelsystems aus privaten und gesetzlichen Krankenkassen. Die Christdemokraten hingegen haben das Konzept der Bürgerversicherung schon zur Zeit der Großen Koalition von 2005 bis 2009 bekämpft.

Betreuungsgeld
Auf Druck der CSU wurde die als „Herdprämie“ verspottete Sozialleistung in den letzten Monaten der schwarz-gelben Bundesregierung umgesetzt. Sie sieht vor, dass allen Eltern – unabhängig davon, ob Mutter und Vater berufstätig sind oder nicht – ein fester monatlicher Betrag für den Besuch von öffentlichen Betreuungseinrichtungen gezahlt wird. Kritiker sagen, dass dadurch vor allem traditionelle Rollenbilder gefördert werden. Die SPD lehnt das Betreuungsgeld ab. Eine Mehrheit der Deutschen teilt diese Ansicht.

Energiewende
Laut einer TNS-Emnid-Umfrage wollen 84 Prozent der Deutschen, dass die Bundesrepublik möglichst schnell zu einer vollständig ökologischen Energieversorgung kommt. Die CDU hingegen tritt in ihrem Wahlprogramm auf die Bremse. „Die Energiewende ist eine langfristige Aufgabe und mit großen finanziellen Anstrengungen verbunden. Wir wollen sie volkswirtschaftlich verantwortbar umsetzen. Unser Ziel ist, dass Deutschland ein wettbewerbsfähiges Industrieland bleibt.“

Die gesellschaftlichen Mehrheitsverhältnisse sind also auf Seiten der Sozialdemokraten. Darüber könnte sich die SPD freuen. Als vollstreckende Figur in der Politik wird aber vor allem Kanzlerin Merkel akzeptiert. Der Wahlsieg der Union ist ausschließlich ihr Verdienst, die Deutschen haben keine bestimmte Politik gewählt, sondern ein Gefühl.

Das hat auch Folgen für die anstehenden Koalitionsverhandlungen. Es muss der SPD nicht nur gelingen, möglichst viele Projekte durchzusetzen. Sie sollte auch in einer möglichen Koalition sichtbar bleiben. Sonst läuft die Partei Gefahr, dass es ihr wie schon einst von 2005 bis 2009 geht. Damals gestalteten Sozialdemokraten etwa die Sozial- und Finanzpolitik der Großen Koalition, doch ihre Verdienste wurden größtenteils der Kanzlerin gutgeschrieben.

Daher werden die Koalitionsverhandlungen gleich aus zwei Gründen spannend: Wie viel SPD steckt später noch im Koalitionsvertrag? Und: Schaffen es die Sozialdemokraten trotz ihrer weitaus schwächeren Position als 2005, genügend Schlüsselministerien zu ergattern?

Ein-Frau-Partei CDU

Doch auch für die Union ist diese Lage gefährlich: Die CDU ist zur Ein-Frau-Partei geworden. Und so lange Angela Merkel an der Spitze steht, wird ihre Popularität weiterhin dafür sorgen, dass alle inhaltlichen Widersprüche weithin unerkannt bleiben. Sobald sie aber nicht mehr kandidiert, wird offenbar werden, dass die CDU den Anschluss an die Lebenswirklichkeit vieler Menschen verloren hat.

Einen Wettbewerb der Ideen gibt es innerparteilich schon lange nicht mehr, der CDU fehlt es am Willen zur Gestaltung. Deutlich wurde das bei den Sondierungsgesprächen mit den Grünen: Für viele jüngere bürgerliche Wähler existiert der angeblich so tiefe Graben zwischen Union und Grünen nicht mehr. Sie sehen vor allem die Gemeinsamkeiten, die sich aus dem Konzept der Nachhaltigkeit ergeben – beispielsweise der Kampf für eine saubere Umwelt oder zukunftsorientiertes Wirtschaften.

Doch der große Trugschluss der Union ist, dass sie derzeit keinen Grund zum Handeln sieht. Das könnte noch eine Weile lang gut gehen. Bis zu jenem Tag, an dem die Wähler begreifen, dass Angela Merkel zwar eine vorzeigbare Kanzlerinnenfigur ist, ihre Partei aber genau das Gegenteil von dem fordert, was sich viele Menschen wünschen.