POLITIK
10/10/2013 09:47 CEST | Aktualisiert 08/10/2014 12:49 CEST

Poker-Weltmeister Stephan Kalhamer erklärt, wie bei der Regierungsbildung die Karten gemischt sind

Thinkstock.com
Koalitionsgespräche sind wie Pokern, sagt Poker-Ass Stephan Kalhamer. Und der muss es ja wissen

Wer kann den aktuellen Koalitionspoker am besten beurteilen?, haben wir uns gefragt. Na klar: ein Poker-Ass. Stephan Kalhamer, 37, ist Poker-Trainer und war Chef der deutschen Mannschaft, die 2011 Weltmeister geworden ist.

Huffington Post: Angela Merkel, Sigmar Gabriel, Horst Seehofer oder Jürgen Trittin: Wer hat das beste Pokerface?

Stephan Kalhamer: Jürgen Trittin.

HuffPost: Warum?

Kalhamer: Der schaut einfach immer neutral. Ich könnte bei ihm am wenigsten über sein Inneres mutmaßen. Ob der super drauf ist oder ob ihm alles gegen den Strich geht, wüsste ich nicht.

HuffPost: Ein neutraler Blick ist das Beste?

Kalhamer: Es kommt auf das Spielniveau an.

HuffPost: Wir spielen Koalitionspoker.

Kalhamer: Je höher meine Wertschätzung des Gegners ist, desto mehr sollte ich ein neutrales Gesicht zeigen. Wenn ich selbst zu auffällige Gesten mache, durchschaut mich ein guter Gegner. Wenn ich einen Gesichtszug mache, der dem Anderen Stärke suggerieren soll, aber er weiß, dass ich Stärke suggerieren will, schließt er daraus, dass ich schwach bin. Mein Zug endet tragisch. Wenn ich weiß, dass der Gegner weiß, dass ich weiß, dann sieht die Sache schon wieder anders aus. Dann wird´s wahnsinnig kompliziert und man einigt sich auf hohem Niveau auf Neutralität. Ein paar Amateure dagegen kann man easy abzocken, indem man lächelt, wenn man weinen möchte, und weint, wenn man lächeln möchte.

HuffPost: Können die Politiker sich noch gegenseitig reinlegen? Die sind doch alle so abgezockt.

Kalhamer: Ja, natürlich. Man kommt überhaupt nicht in diese Liga, wenn man kein Pokerface drauf hat. Es scheint ja nicht jeden Tag die Sonne. Wenn ich dann gleich herumlaufe und einen auf Heulsuse mache, komme ich nicht weit.

HuffPost: Was sind die Gemeinsamkeiten zwischen Koalitionspoker und Poker?

Kalhamer: Wie beim Poker ist auch beim Koalitionspoker die Motivlage klar. Die beiden großen Parteien wissen, dass der jeweils andere die beste Option ist. Nun muss man taktieren, um künstliche Alternativen zu schaffen. Damit die Karten für das eigentliche Ziel möglichst gut sind.

HuffPost: Sie erwarten eine Große Koalition?

Kalhamer: Ich denke schon. Jeder spricht zwar mit den Kleinen, adressiert aber nicht wirklich an sie. Das ist Verhandeln auf hohem Niveau. Ich hoffe allerdings, dass das nicht ausartet. Es geht ja nicht um eine halbe Kiste Bier, sondern um Deutschlands Zukunft.

HuffPost: Pokern ist also wichtig bei Koalitionsgesprächen.

Kalhamer: Ganz sicher. Beim Pokern fragt man sich immer: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Wie gelingt mir das? Und das hilft mir in jeder Verhandlungssituation.

HuffPost: Und wer von den vier Genannten pokert am besten?

Kalhamer: Auch da sehe ich Jürgen Trittin vorn. Aber das ist unfundiert. Nur mein optischer Eindruck.

HuffPost: Würde es Sinn machen, wenn sich die Politiker zu Koalitionsverhandlungen im Casino treffen würden?

Kalhamer: Besser wäre, wenn sie mal zusammen an der frischen Luft wandern gehen würden.

HuffPost: Wie sieht die perfekte Taktik beim Koalitionspoker aus?

Kalhamer: Ich persönlich gehe in jede Verhandlungssituation total offen, das überrascht meine potentiell zukünftigen Partner immer sehr. Offenheit. Das würde ich auch den Politikern empfehlen. Sagen: Hört´s einmal zu, wir können jetzt wochenlang streiten. Aber wir müssen eine Entscheidung treffen. Also lasst uns konstruktiv arbeiten. Klingt ein bisschen gutmenschlich....

HuffPost: ... die Wirklichkeit sieht auch anders aus.

Kalhamer: Ja, wahrscheinlich ist der Vorschlag unrealistisch.

HuffPost: Aber prinzipiell: Karten auf den Tisch?

Kalhamer: Ja.

HuffPost: Wie ist das mit gezinkten Karten in der Politik?

Kalhamer: Poker hat deshalb hin und wieder ein Problem mit Betrug, weil es um viel geht. In der Politik geht es sogar um sehr, sehr viel. Und wenn es um sehr, sehr viel geht, wird getrickst. Mich würde wundern, wenn es in der Politik sauberer zugeht als anderswo, wo mit sehr viel Verhandlungsmasse gedealt wird.

kalhamer

HuffPost: Zum Pokern gehören die Karten Bube, Dame, König, Ass. Wer ist beim Koalitionspoker der Bube?

Kalhamer: Also Frau Merkel ist das Ass.

HuffPost: Dann müsste ja ein Herr die Dame sein.

Kalhamer: Warum nicht? Ich gehe ja nur nach Wertung. Es macht keinen Sinn, Merkel die Dame zu geben, dann gibt´s ja zwei Karten, die höher und mächtiger sind. Und das entspricht nicht den Tatsachen.

HuffPost: Demzufolge wäre Gabriel als Nummer zwei der König?

Kalhamer: Ja, kann man so sagen.

HuffPost: Trittin die Dame und Seehofer der Bube?

Kalhamer: Kann man machen. Aber ich kenne die Interna nicht so.

HuffPost: Wann ist der richtige Zeitpunkt, all-in zu gehen, alles einzusetzen, was man hat?

Kalhamer: Nie. Danach hat man nichts mehr in der Rückhand. Wenn jemand sich auf eine Position stellt, die er nicht mehr verlassen kann, ist das eine Schwäche. Das ist doch eine der zentralsten Regeln der Diplomatie. Ich denke da zum Beispiel an Horst Seehofer. So ein Basta-Verhalten ist doch verheerend für Koalitionsgespräche.

HuffPost: Aber wenn man beim Pokern all-in geht, ist man doch total siegessicher!

Kalhamer: Ja, aber Pokern ist doch total trivial. Da trifft man eine Entscheidung von 100 am Tag, von 1000 in der Woche, von 100.000 im Jahr, von einer Million in meiner Poker-Karriere. Beim Koalitionspoker ist die Situation einmalig. Ich habe nur eine Chance. Da kann ich nicht all-in gehen.


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