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Sexualität und Behinderung - ein Tabu-Thema?

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Janice Lin via Getty Images
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Haben Menschen mit Behinderung eine Libido? Viele Eltern und Angehörige behinderter Menschen reagieren auf deren sexuelle Bedürfnisse überrascht. Vor allem bei geistig Behinderten ging man lange davon aus, dass diese asexuell seien. Tatsächlich unterscheiden sich Menschen mit und ohne Behinderung hinsichtlich ihres Bedürfnisses nach Nähe und Zärtlichkeit kaum.

Häufig fällt es Menschen mit Behinderungen jedoch schwer, geeignete Partner zu finden und somit sexuelle Intimität zu erleben. Wie geht man also mit dem Wunsch nach Intimität bei behinderten Menschen um und welche Möglichkeiten gibt es, ihnen sexuelle Erfahrungen zu ermöglichen?

Gibt es ein Grundrecht auf Sexualität?

Sofern nicht gegen das Sittengesetzt oder die verfassungsmäßige Ordnung verstoßen wird und die Rechte anderer nicht verletzt werden, hat jeder Mensch das Recht zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit, heißt es im Artikel 2 des Grundgesetzes.

Des Weiteren dürfen nach Artikel 3 Menschen nicht aufgrund ihrer Behinderung benachteiligt werden. Mit diesen Worten dürfte klar sein, dass ausnahmslos alle Menschen ein Recht auf Sexualität, Heirat und Elternschaft haben - oder etwa nicht?

Geistige Behinderung und Sexualität

Tatsächlich stehen viele Pfleger und Familienangehörige vor einem Problem, wenn es darum geht, geistig behinderten Menschen sexuelle Selbstbestimmung zuzugestehen. Dies liegt vor allem daran, dass geistig behinderte Menschen nicht immer eindeutig ihr Einvernehmen zum Ausdruck bringen können. Kriminalstatistiken zufolge sind geistig behinderte Menschen besonders missbrauchsgefährdet, da sie durch die tägliche Pflege gewöhnt sind, nicht allein über ihren Körper zu verfügen und somit nicht unterscheiden können, was therapeutisch notwendig und was hingegen übergriffig ist.

Um dem Missbrauch widerstandsunfähiger Personen (§ 174 c und 179 StGB) entgegenzuwirken, darf das Pflegepersonal lediglich passive Sexualbegleitung leisten, worunter Aufgaben wie Aufklärung, der Kauf von Kondomen und die Begleitung zu einer Prostituierten fallen. Die aktive Sexualassistenz, welche Petting, Hilfe bei der Masturbation oder Geschlechtsverkehr umfasst, darf nur durch Sexualbegleiter oder Prostituierte erfolgen.

Die sexuelle Aufklärung sollte bei Menschen mit geistiger Behinderung so früh wie möglich erfolgen, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhüten. Sollte hingegen ein Kinderwunsch bestehen, gibt es die Möglichkeit der "begleiteten Elternschaft", in der Pädagogen geistig behinderte Eltern und deren Kinder ambulant oder stationär bei der Alltagsbewältigung unterstützen.

Sexualbegleitung: Noch immer ein Tabu Thema?

Seit 2004 ist Sexualassistenz in Deutschland nun erlaubt, jedoch immer noch umstritten. Wo verläuft die Grenze zwischen Prostitution und Sexualbegleitung, welche Ausbildung haben Sexualbegleiter*Innen und worin genau besteht deren Assistenz?

Die Ausbildung von Sexualassistenten*Innen beinhaltet einen sexualpädagogischen, einen pflegerischen und einen erotischen Teil. Zudem sind diese im Umgang mit körperlich sowie geistig beeinträchtigten Menschen spezialisiert, sodass sie mit medizinischen oder orthopädischen Apparaturen sowie mit Kommunikationsproblemen professionell umgehen können.

Ihre Leistungen reichen vom bloßen Anschauen und Anfassen bis hin zu Massagen, Striptease, Hilfe bei der Masturbation und Geschlechtsverkehr.

Anlaufstellen und Finanzierungsmöglichkeiten

Zwei wichtige Anlaufstellen für die Sexualberatung von Menschen mit Behinderung sind Pro-Familia und das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB). Darüber hinaus bietet die Initiative "Sexybilities" der Arbeitsgemeinschaft für selbstbestimmtes Leben Schwerstbehinderter Menschen e.V. (ASL) Beratungsgespräche von Betroffenen zu Betroffenen an.

Sexualbegleitung wird von den Krankenkassen bisher nicht übernommen, sodass Menschen mit Behinderung die Kosten für diesen Service selbst tragen müssen. Mittlerweile haben viele Heime ein sogenanntes "Liebeszimmer" eingerichtet, sodass für genügend Privatsphäre für die Sexualbegleitung gesorgt ist.

Was kann man Menschen mit Behinderung empfehlen?

Bevor der Weg der Sexualbegleitung eingeschlagen wird, ist es wichtig Menschen mit Behinderung hinreichend hinsichtlich ihrer Möglichkeiten und Grenzen zu beraten. Welche Bedürfnisse hat die betroffene Person und sind diese eindeutig sexuell oder bringen sie eher einen allgemeinen Wunsch nach Nähe zum Ausdruck?

Eine solide Aufklärung ist für die sexuelle Selbstbestimmung geistig beeinträchtigter Menschen unerlässlich und sollte die Grundlage aller weiterer Schritte darstellen.

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