Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Fernando Morales-de la Cruz Headshot

Liebe Frau Merkel, stoppen Sie beim G7 die Ausbeutung der Kaffeebauern!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

2015-06-08-1433750962-7047283-FernandoMoralesdelaCruz_Xiomara_Bender_01.jpeg
Photo by Xiomara Bender

Fernando Morales-de la Cruz, der Gründer von CAFÉ FOR CHANGE und Initiator der Kampagne „@10CentsPerCup" (10 Cent von jeder getrunkenen Tasse Kaffee sollen ohne Zwischenhandel direkt an die Kaffeeproduzenten gehen), stellt anlässlich des bevorstehenden G7-Gipfels der deutschen Bundeskanzlerin die Frage nach echter Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit:

Frau Bundeskanzlerin, auf dem G7-Gipfel werden viele, viele Tassen Kaffee getrunken werden. Wissen Sie, wie viele Cent von jeder Tasse Kaffee dazu beitragen werden, die Armut in den Kaffeeanbauregionen zu beseitigen? Ich hoffe, 10 Cent pro Tasse. Derzeit ist es weniger als ein Cent pro Tasse. Das ist Ausbeutung!

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in dieser Woche Gastgeberin des G7-Gipfels auf Schloss Elmau. Dabei werden von den G7-Führern und dem begleitende Tross Unmengen an Tassen mit Kaffee getrunken werden.

Kaffeebauern leben in Armut

Für mehr als 250 Millionen Menschen in den Kaffeeanbauregionen dieser Erde hängt ihr Lebensunterhalt direkt oder indirekt von der Kaffeeproduktion ab. Die meisten dieser Menschen leben in bitterer Armut, während die Kaffeeindustrie weltweit pro Jahr mehr als 175 Milliarden US-Dollar (umgerechnet etwa 160 Milliarden Euro) umsetzt, und in den G7-Staaten für immense Steuereinnahmen und Gewinne der beteiligten Unternehmen sorgt.

Für Frau Merkel ist die diesjährige deutsche Präsidentschaft des G7-Gipfels „...eine Chance, an, gerade auch auf die Post-2015-Agenda hinzuwirken", wie die Kanzlerin zuletzt auf dem EINEWELT-Zukunftsforum in Berlin erklärte. Deutschland wolle eine globale Partnerschaft initiieren, die nicht nur auf dem Papier steht, sondern die sich auch im Alltag von möglichst vielen Menschen auswirkt, so die Kanzlerin weiter.

Wir wollen Frau Merkel beim Wort nehmen und sowohl die Nachhaltigkeit bei den Lieferketten für Güter aus Entwicklungsländern als auch die Maßnahmen gegen die Folgen des weltweiten Klimawandels untersuchen.

Wir greifen die Äußerung von Bundeskanzlerin Merkel auf, nach der die Arbeitsbedingungen in den Ländern, von denen Deutschland Rohstoffe bezieht, Deutschland sehr wohl etwas angehen würden. So lässt sich Merkel nach einem Treffen mit Gewerkschaften zur Vorbereitung des G7-Gipfels zitieren.

Die Bundeskanzlerin lädt als Gastgeberin des G7-Gipfels „zum Kaffee" unter anderem ein:

- Shinzo Abe, Premierminister von Japan;

- David Cameron, Premierminister des Vereinigten Königreichs;

- Stephen Harper, Premierminister von Kanada;

- François Hollande, Präsident der Französischen Republik;

- Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission;

- Barack Obama, Präsident der Vereinigten Staaten;

- Matteo Renzi, Ministerpräsident von Italien sowie

- Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rates.

Hierbei handelt es sich um die Staatschefs der leistungsfähigsten Länder von Kaffeetrinkern in aller Welt.

Die Bürger der G7- und EU-Staaten trinken täglich fast 1,5 Milliarden Tassen Kaffee. Diejenigen, die aber den Kaffee unter großen Opfern und mit wenig Anteil am Gewinn produzieren, sind auf diesem Gipfeltreffen nicht zum Kaffeeklatsch eingeladen. Dabei erhalten Sie als Gegenleistung für „ihre" Kaffeebohnen weniger als ein paar Cent von jeder Tasse Kaffee, die während des G7-Gipfels von den EU-Chefs und von den Hunderten von Journalisten getrunken werden.

G7 entscheidet über das Schicksal der Kaffeebauern

Was auch immer während des G7-Gipfels unter reichlich Einfluss von Kaffee vereinbart werden wird, wird einen großen Einfluss auf das Treffen von der EU und CELAC-Staaten (Comunidad de Estados Latinoamericanos y Caribeños, Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten) am 10. und 11. Juni 2015 in Brüssel haben. Die Kaffeebauern in den CELAC-Staaten sind das schwächste Glied in der Lieferkette des Kaffees.

Auch wenn die G7 und die EU-Staaten bislang wenig Interesse an einer fairen Aufteilung der Gewinne aus dem Kaffeekonsum gezeigt und die menschlichen und sozialen Aspekte einer echten nachhaltigen Politik vernachlässigt haben: Der Gipfel könnte ein Wendepunkt sein.

Sowohl die EU als auch die G7-Staaten unterstützen ineffiziente Hilfsprogramme und „Fair Trade"-Systeme, mit denen es nicht gelingen wird, die Armut in Entwicklungsländern zu überwinden. Dies kann nur gelingen, wenn wir für mehr Gerechtigkeit im Kaffeehandel und auch bei anderen Rohstoffen, die weltweit gehandelt werden, sorgen.

10 Cent pro Tasse Kaffee

In meinem jüngsten Beitrag zum Thema, der auch im „Guardian" erschienen ist, habe ich schon auf die Zusammenhänge hingewiesen: "Wenn europäische Politiker und Verbraucher wirklich die Armut beseitigen wollen, muss eine Entschädigung von 10 Cent pro Tasse an die produzierenden Bauern gezahlt werden".

Die Initiative „„@10CentsPerCup", also „10 Cent pro Tasse Kaffee" richtet sich an Cafés, Restaurants, Hotels, Unternehmen und staatliche Stellen in den industrialisierten Ländern und an alle Kaffeeliebhaber, die gegen die inakzeptable Armut in den Kaffee anbauenden Regionen ankämpfen wollen.

Wenn Sie den Kaffee, den sie trinken, wirklich lieben, können Sie helfen, die Armut in den Herkunftsländern des Kaffees zu beseitigen. Wirkliche Nachhaltigkeit bedeutet eine echte und gerechte Aufteilung entlang der Wertschöpfungskette eines Produktes.

Deutscher Fiskus verdient kräftig am Kaffee

Der Gegenwert, der für jede beim G7-Gipfel getrunkene Tasse Kaffee in den Anbauregionen ankommt, ist ein unwiderlegbarer Beweis für ein ausbeuterisches Geschäftsmodell, das die Armut der Kaffeeproduzenten zementiert. Der Löwenanteil der Gewinne fließt an Unternehmen und über deren Steuern an die Staaten der G7-und EU-Länder.

In Deutschland gibt es seit dem 18. Jahrhundert eine anachronistische Kaffeesteuer, übrigens vergleichbar mit der Steuer, der die amerikanischen Siedler zur „Boston Tea Party" angestiftet hat. Der deutsche Fiskus nimmt mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr aus dem Kaffeekonsum ein. Gerösteter Kaffee wird mit einem Steuersatz von 2,19 Euro, und löslicher Kaffee mit 4,78 Euro pro Kilogramm belegt.

Die deutsche Kaffeesteuer ist ein Beispiel dafür, dass es dem Fiskus gerade nicht um Entwicklungszusammenarbeit geht. Die Gewinne aus dem Kaffeehandel werden nicht gerecht aufgeteilt. Im Grunde genommen ist die deutsche Kaffeesteuer daher eine Steuer im Stile des Kolonialismus.

Heute landet von jeder Tasse Kaffee weniger als ein Cent pro Tasse in den Kaffeeanbaugebieten, um damit einen Beitrag zur Bekämpfung der Armut und zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung zu leisten. Und dies obwohl die Kaffeeindustrie boomt wie nie zuvor. Dies gilt insbesondere für den Kaffee, der bei offiziellen Anlässen im Bundeskanzleramt, im Weißen Haus, in Number 10 Downing Street oder im Elysee-Palast getrunken wird, während der Ratssitzungen der EU-Kommission oder zu anderen Gelegenheiten. Das ist eine erschreckende Tatsache.

Die G7 und die EU-Chefs sind aufgerufen, sich ernsthaft um eine „globale Partnerschaft" zu bemühen, die an Nachhaltigkeit interessiert ist, wie sie sein soll: als ein Handlungsprinzip zur Ressourcen-Nutzung, bei dem die Wahrung der wesentlichen Eigenschaften, der Stabilität und der natürlichen Regenerationsfähigkeit des jeweiligen Systems im Vordergrund steht.

Die Führer der G7- und EU-Staaten haben sich Nachhaltigkeit und Partnerschaft auf die Fahnen geschrieben, haben das „Europäische Jahr der Entwicklung" ausgerufen, und betreiben Programme, um zu „helfen". Das ist bei weitem nicht genug!

Ungerechtigkeit beenden

Ich habe CAFE FOR CHANGE und „10CentsPerCup" ins Leben gerufen, weil es höchste Zeit ist, diese schreiende Ungerechtigkeit, die mit dem Genuss von Kaffee einhergeht, zu verändern. Die strukturellen Probleme, die von den Politikern und den weltgrößten Anbietern in der Kaffee-Industrie seit Jahrzehnten ignoriert worden, müssen gelöst werden.

Die Armut und Ausbeutung der Produzenten ist ein Teil ihrer Verantwortung, gerade weil durch deren Arbeit und Leid zig Milliarden an Gewinnen und Steuern in G7- und EU-Staaten erwirtschaftet werden.

Frau Bundeskanzlerin, wie viele Cents von jeder Tasse Kaffee, die Sie Ihren Gästen beim G7-Gipfel anbieten, werden in Zukunft dazu beitragen, die Armut in Kaffeeanbauregionen zu beseitigen? Ich hoffe, von nun an, 10 Cents pro Tasse.

2015-06-08-1433751198-792157-Unbenannt.png

Ich appelliere an Premierminister Abe, Premierminister Cameron, Premierminister Harper, Präsident Hollande, Präsident Juncker, Bundeskanzlerin Merkel, Präsident Obama, Premierminister Renzi und Präsident Tusk:

Wenn Sie Kaffee lieben und ihn in Anbetracht dieser Tatsachen weiter genießen möchten, können Sie helfen, die damit verbundene Armut zu beseitigen. Mit @10CentPerCup (10 pro Tasse) können sie dazu beitragen, dass mehr als 60 Milliarden Dollar an die Kaffeeplantagen und deren Beschäftigte gehen. Das derzeitige Geschäftsmodell des Kaffeehandels, und auch dasjenige anderer Rohstoffe, die wir aus Entwicklungsländern beziehen, ist ausbeuterisch!

Video:Der beste Kaffee: Bohnen, Kapseln oder Mahlkaffee?

Video: Die fünf größten Irrtümer über Kaffee


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.


Hier geht es zurück zur Startseite