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Ich helfe Kindern in Scheidungskriegen - so entscheide ich, wer das Sorgerecht bekommen soll

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ANWALT KINDER
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Vor acht Jahren ließ ich mich von meinem Mann scheiden. Mein Mann und ich hatten Anwälte, die unsere Interessen vertraten - unsere Kinder fragte keiner nach ihrer Meinung. In unserem Fall gab es keine Probleme hinsichtlich des Sorgerechts.

Dieses wurde einvernehmlich geteilt. Aber wir stritten lange Zeit wegen des Umgangs. Im Chaos des Verfahrens machte ich mir Sorgen um sie, wollte unbedingt, dass sie mitentscheiden dürfen.

Den langjährigen Streit haben wir zwar alle mittlerweile gut überstanden, aber so etwas stellt immer eine große Belastung dar.

Kurze Zeit nach dem Abschluss des Verfahrens hörte ich das erste Mal vom Beruf des Verfahrensbeistandes. Dieser vertritt Kinder von streitenden Elternteilen vor Gericht. Er sorgt dafür, dass ihre Wünsche Gehör finden - und zum wichtigen Kriterium in der Schlichtung des Sorgerechtsstreits werden.

Ich wusste sofort: Das möchte ich machen.

Ich wollte unbedingt verhindern, dass Kinder zwischen die Fronten geraten, wie es meine sind. Als Sozialpädagogin war ich für die Tätigkeit geeignet.

Ich muss am Ende eine Empfehlung abgeben, welches Elternteil am besten für das Kind sorgt

Seit sieben Jahren arbeite ich nun als Sprachrohr für die ungehörten Kinder in Rheinland-Pfalz und Hessen. Meine Aufträge bekomme ich von Richtern. Denn, wenn ein Sorgerechtsstreit vor dem Familiengericht landet, muss ein Verfahrensbeistand dazu geholt werden.

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2013 waren das deutschlandweit 2808 Fälle - das sind die neuesten Zahlen des statistischen Bundesamtes.

Der Verfahrensbeistand versucht dann, herauszufinden, was das Kind wirklich will - und gibt am Ende eine oft entscheidende Empfehlung ab, welches Elternteil am besten für es sorgen kann.

Einfach ist das nicht.

Wie ich entscheide, was ich in meine Stellungnahme schreibe, ist natürlich von Fall zu Fall verschieden. Ein sicheres Kriterium, einem Elternteil das Sorgerecht abzusprechen, ist aber der Missbrauch des Kindes für eigene Zwecke.

Oft gibt es Mütter oder Väter, die das Wohl ihres Kindes aus den Augen verlieren und es zum Spielball im Beziehungsstreit machen. "Du hast mich verlassen und dafür will ich dich bestrafen" - dieser Gedanke ist in Sorgerechtsstreits oft der einzige Antrieb eines Elternteils, für das Kind zu kämpfen.

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Sie wollen dem Ex-Partner dann um jeden Preis schaden - das Wohl des Kindes wird aber zur Nebensache. Ich erlebe es sogar immer wieder, dass Mütter dem Vater ihres Kindes körperlichen Missbrauch anhängen wollen.

Manipulation macht alles nur noch schlimmer

Für alle, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, ist es wohl unvorstellbar, wie manipulativ Eltern sein können. Oft bekomme ich vom Kind gesagt, wie die Mutter es angewiesen hat, mir bestimmte Dinge zu sagen und andere vorzuenthalten.

Ich erinnere mich an den Fall einer Mutter, die mich mit ihrem Kind partout nicht alleine lassen wollte. Ich wusste sofort: hier stimmt etwas nicht.

Ich musste ihr Kind schließlich in der Schule besuchen, um in Ruhe mit ihm sprechen zu können. Im Gespräch fand ich heraus, dass das Kind Angst hatte, in Gegenwart seiner Mutter offen zu sprechen - und das nutzte sie geschickt aus.

Manipulation hilft im Streit um das Sorgerecht nicht - und macht die Situation für das Kind nur noch schlimmer.

Sie ist Gift für ein Kind, das entscheiden soll, was für es selbst das beste ist. Auch ohne Manipulation ist diese Frage für Kinder sehr schwierig: Sie stehen zwischen Mama und Papa und wissen, - je nach Alter - was ihre Aussagen für das zukünftige Familienleben bedeuten können.

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Sogar recht junge Kinder haben meist schon ein gutes Gespür für die Situation ihrer Eltern. Ich habe einmal ein Kind in der Kita besucht und es gefragt, ob es denn seinen Vater noch sehen möchte. Es antwortet: Nur, wenn Mama nicht böse wird.

In solchen Situation bricht mir oft das Herz. Die Kleinen müssen so viel durchmachen.

Wenn ich mit Kindern ab vier Jahren spreche, haben sie die meiste Verantwortung in diesem Prozess. Ich bin da, um sie zu unterstützen - aber die Entscheidung für oder gegen ein Elternteil liegt überwiegend bei ihnen.

Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe

Wenn ich jedoch sehe, dass ein Elternteil manipuliert oder Druck auf das Kind ausübt, dann greife ich ein und kämpfe dafür, dass diesem das Sorgerecht verwehrt wird.

Auch wenn es um ein Baby geht, bin ich mit meiner Entscheidung auf mich alleine gestellt. Weil es sich nicht ausdrücken kann, muss ich das Kleine und den Umgang beider Elternteile mit ihm ganz genau beobachten.

Dann sehe ich mir vor allem genau an, wer trotz der Anspannung liebevoller und fürsorglicher mit dem Kind umgeht und bei welchem Elternteil sich das Baby am besten entspannt.

Am Ende des Tages kann ich dann nur hoffen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Wenn sich Eltern nur noch auf sich selbst und ihre Probleme fokussieren, sind wir Verfahrensbeistände oft die einzigen, die die eingreifen können.

Jedoch ist dabei Schöne an meinem Beruf: Wir manipulieren nicht, wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe. Denn meistens weiß ein Kind selbst am allerbesten, was es möchte und was gut für es ist.

Folgt Evelyn Sturzbecher auf Facebook.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Franziska Kiefl.

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